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TU Berlin

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Forschung

Der Jaguar in der Unterwelt

Dienstag, 18. Dezember 2012

Der „Weltuntergang“ muss warten – neue Erkenntnisse zur Datierung des Mayakalenders

Der Archäoastronom und Vermessungsingenieur Andreas Fuls mit dem „Dresdner Kodex“, dem ältesten bekannten Mayakalendarium. Er entdeckte, dass der letzte Zyklus 208 Jahre später endet als bisher datiert
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Einen Kampf auf Leben und Tod kämpft der Sonnengott der Mayas, „Ahau Kin“, in Jaguargestalt in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember 2012 in der Unterwelt. Der Ausgang des Kampfes wird darüber entscheiden, ob die Welt untergeht oder nicht. Die Mayas glaubten, dass sich „Ahau Kin“ abends in einen Jaguar verwandelt, nachts gegen die Mächte der Unterwelt kämpft, um morgens als strahlende Sonne wieder aufgehen zu können.

Anders als derzeit populäre Weltuntergangs-Verschwörungstheoretiker scheinen die Mayas selbst allerdings zuversichtlich gewesen zu sein, dass der Jaguar auch diesen Kampf in einer für sie fernen Zukunft gewinnen würde. Neue Forschungen zeigen, dass ihre berühmten Kalender noch viele Tausend Jahre weiter reichen als bisher angenommen. In einem kleinen, bisher verborgenen Raum einer Mayaresidenz in Xultún (Guatemala), der jetzt freigelegt wurde, finden sich unter den Wandmalereien die ältesten bisher bekannten kalendarischen Aufzeichnungen der untergegangenen Mayazivilisation. Sie bestätigen nicht nur, dass die Mayas weit über das Jahr 2012 hinausrechneten, sondern geben auch der These des TU-Wissenschaftlers Dr. Andreas Fuls neue Nahrung, der herausfand, dass die bisherige Datierung um 208 Jahre danebenliegt.

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Eine Zeit geht zu Ende, eine neue beginnt. Am 21. Dezember wird mit einer großen Feier rund um die Ruine des berühmten Mayatempels Tikal im Norden Guatemalas und an vielen anderen Orten im Lande der Übergang der Zeiten begleitet. Es ist nach der bisher gültigen Chronologie der letzte Tag der „Langen Zählung“ des astronomischen Mayakalenders, die etwa 5000 Jahre umfasst – „Larga Cuenta“ oder „Oxlajun Baktún“ (13. Baktún) genannt. „Doch die Mayas haben damit keineswegs den Weltuntergang prophezeit“, sagt TU-Geowissenschaftler und Mayaexperte Dr. Andreas Fuls. „Tatsächlich schließt sich ein ,14. Baktún‘ an. Die Mayaastronomen haben noch mehr als 10 000 Jahre weiter in die Zukunft gerechnet. Auf einer Inschrift wird zum Beispiel die Wiederkehr der Thronbesteigung des Mayaherrschers K’inich Janaab Pakal aus Palenque im Jahr 4980 erwähnt.“ Der Vermessungsingenieur und Archäoastronom verglich in seiner Dissertation die Angaben über Finsternisse, über Mond- und Venuslaufbahnen aus dem „Dresdner Kodex“ mit Inschriften in mexikanischen MayaStelen. Der Kodex ist der bekannteste überlieferte Mayakalender, ein 39-seitiges mit Hieroglyphen beschriftetes Faltbuch, das in der Sächsischen Staats- und Landesbibliothek verwahrt wird. Er beinhaltet sowohl religiöse und kultische Ereignisse als auch astronomische Beobachtungen. Mit einem von ihm entwickelten Computerprogramm konnte der Forscher die Angaben über die astronomischen Ereignisse in Übereinstimmung mit Aufzeichnungen aus christlichen Kalendern bringen – die gleichen Himmelsereignisse haben die Christen laut ihren Kalendern allerdings 208 Jahre später beobachtet. „Die Sterne irren nicht“, sagt der Wissenschaftler dazu. Einige Konstellationen von Sonne, Mond, Erde, Venus, Jupiter und anderen seien so extrem selten oder einzigartig, dass sie taggenau bestimmbar seien. „Damit muss man annehmen, dass die bisherige Datierung falsch war und die Blütezeit der Hochkultur, die bisher zwischen dem dritten und dem neunten Jahrhundert nach Christus angesiedelte ,Klassik‘, sich später abspielte“, sagt Fuls. „Das löst nicht nur einige Ungereimtheiten, die bei der bisherigen Datierung auftraten, sondern lässt auch die Gründe für den Untergang der Mayas in neuem Licht erscheinen.“

Zum Beispiel zeigen geologische, sogenannte hydratische Untersuchungen von Artefakten aus Obsidian, einem Vulkangestein, aus dem unter anderem Pfeilspitzen und Klingen gefertigt wurden, dass deren Produktion um etwa 1050 nach Christus abrupt abbricht. Das unterstützt die These, dass die Mayakulturen erst zu diesem Zeitpunkt – und nicht 200 Jahre früher – ihren Höhepunkt erreichten und danach kollabierten. Selbst Radiokarbon-Untersuchungen organischer Materialien nach der C14-Methode, die der bisherigen Datierung nicht widersprachen, fügen sich in die Fuls’sche Neudatierung ein. Denn für sie gilt allgemein eine Ungenauigkeit von etwa 150 Jahren.

Bislang hatte sich Andreas Fuls mit seiner Neudatierung bei den namhaften Mayaforschern nicht durchsetzen können. Denn sie rüttelt an den Grundfesten der seit Jahrzehnten gültigen Standardchronologie GMT, benannt nach den Forschern Goodman, Martínez und Thompson. Diese hatten die Konstanten zwischen 1905 und 1937 aus kolonialzeitlichen Dokumenten entwickelt und das Anfangsdatum der „Langen Zählung“ in das Jahr 3114 vor Christus gelegt. Damit fällt das Ende des 13. Baktúnzyklus nach 1 887 000 Tagen auf den 21. Dezember 2012. Was die Anhänger der alten Datierung vor allem zweifeln lässt, ist die Tatsache, dass die Entzifferung der mayanischen Glyphen bisher noch nicht 100-prozentig gelungen ist. Doch mit der Veröffentlichung neuer Klimadaten im November 2012 in „Science“ wendet sich nun das Blatt: In einer Höhle in Belize wurde an einem Stalagmiten die Konzentration von Sauerstoffisotopen für die letzten 2000 Jahre bestimmt. Daran kann man die Schwankung der Regenmenge ablesen. Die längste und intensivste Dürrezeit dauerte danach von etwa 1020 bis 1100 nach Christus. „Das passt exakt mit dem Ende der klassischen Mayastätten zusammen, da die meisten Orte nach der neuen Zeitumrechnung zwischen 1000 und 1150 verlassen wurden. Das geht jeweils aus ihren letzten Kalenderdaten hervor“, sagt Fuls. „Der Kollaps der Mayakultur fand demnach später statt als bisher angenommen und wurde durch eine extrem lange Dürre verursacht.“

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Auch die jüngsten Ausgrabungen in der Mayaresidenz Xultún, die auf einer Konferenz im September 2012 vorgetragen und diskutiert wurden, sprechen für Fuls’ Version. Die außergewöhnlichen Wandmalereien in dem jetzt freigelegten kleinen Raum in Guatemala stammen aus dem 9. Jahrhundert nach Christus. Dort sind unter anderem Mondkalenderdaten aufgezeichnet, die also um einige Hundert Jahre älter sind als die Aufzeichnungen des „Dresdner Kodex“. Wahrscheinlich wurden die Zeichnungen ständig erneuert und erweitert, was darauf hindeutet, dass der Raum auch als Ort der Unterweisung genutzt wurde. Außerdem ist dies ein Nachweis dafür, mit welcher Kontinuität sich die Mayas ihren Himmelsbeobachtungen widmeten. Der Jaguargott der Unterwelt ist auch in diesen Räumen überall gegenwärtig. Er wird mit einer Mondglyphe kombiniert – und so zum Patron nicht nur der Sonne, sondern auch des Mondes.

Vortrag

Muss der „Weltuntergang“ am 21. Dezember 2012 verschoben werden?
Kalender und Astronomie der Maya

Dr. Andreas Fuls, Institut für Geodäsie und Geoinformationstechnik, TU Berlin
Zeit: 19. 12. 2012, 18 Uhr
Ort: TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin, Hauptgebäude, Hörsaal H 1058. Eintritt frei

Patricia Pätzold / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 12/2012

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