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TU Berlin

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Forschung

Ein Ungeheuer aus Sprache

Freitag, 13. Juli 2012

Linguistisches Forschungsprojekt untersucht Metaphern, die Gewalt beschreiben

Die Terroranschläge im September 2001 in New York stehen häufig als Synonym für islamistische Gewalt
Lupe

Welchen Zusammenhang könnte es geben zwischen einem Krebsgeschwür, einem heimtückischen Virus, einer Hydra mit hundert Köpfen, einem Kraken, der seine Tentakel ständig neu formiert, einem Netzwerk aus eigenständigen Zellen, einem Franchise-Unternehmen mit vielen Filialen und einem Sumpf, den es auszutrocknen gilt? All diese Bilder wurden in den Massenmedien verwendet, um islamistischen Terrorismus zu charakterisieren.

Dieser internationale Terrorismus ist seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA und diversen Folgeanschlägen weltweit bis heute eines der brisantesten kontrovers diskutierten Themen, das die massenmediale Berichterstattung immer wieder beherrscht.

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel, Leiterin des Fachgebiets Allgemeine Linguistik, untersucht mit ihrer Forschergruppe im DFG-Projekt „Aktuelle Konzeptualisierungen von Terrorismus – expliziert am Metapherngebrauch im öffentlichen Diskurs nach dem 11. September 2001“, wie islamistischer Terrorismus in deutschsprachigen Printmedien dargestellt wird und welche geistigen Vorstellungen von Terrorismus dabei vermittelt werden. Im Projekt wurde ein umfangreiches Textkorpus für die empirische Untersuchung zusammengestellt: rund 100 000 deutschsprachige Presseartikel verschiedener Publikationsmedien aus einem Zeitraum von 1993 bis 2011. Im Mittelpunkt der Textanalysen stehen metaphorische Konstruktionen und ihr Wirkungspotenzial: Metaphern sind das wichtigste sprachliche Mittel, um komplexe und abstrakte Phänomene verständlich zu machen. Entsprechend wird der für viele Menschen unheimliche und schwer zu begreifende Terrorismus oft metaphorisch verbalisiert. So hieß es etwa in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 17. 9. 2001: „Fundamentalistischer Terrorismus ist ein Krebsgeschwür im Islam.“ Die Projektanalyse hat ergeben, dass vor allem Krankheitsmetaphern wie „Krebs“ und „Virus“ oder Ungeheuer-Metaphern wie „Hydra“ und „Krake“ verwendet werden, um islamistischen Terrorismus zu charakterisieren, wobei das Lebensbedrohliche, die schnelle Ausbreitung sowie die mutmaßliche Unbesiegbarkeit betont werden. Diese Metaphern besitzen ein hohes Emotionspotenzial. Sie dienen in den massenmedialen Texten, vor allem auch in der Boulevardpresse, zur intensivierenden Beschreibung der Bedrohung durch Terrorismus.

Im Projekt werden aber nicht nur die Vorstellungen untersucht, die über Metaphern zum Ausdruck kommen, sondern es werden alle Argumentationen analysiert, die sich auf Terrorismus beziehen. Die Untersuchung hat dadurch auch ergeben, dass im Diskurs, vor allem in linksorientierten Publikationsmedien, Darstellungen zu finden sind, welche die Ursache und Gefahr von islamistischem Terrorismus relativieren. Ein häufiges Argument ist, dass Armut, Unterdrückung und Ignoranz entscheidende Ursachen für Terrorismus seien; eine Vorstellung, die von der Terrorismusforschung längst als unzutreffend bewertet wurde. Um die Forschungsfragen des Projekts auch interdisziplinär zu erörtern, fand am 29. Juni 2012 an der TU Berlin ein Workshop statt, bei dem Psychologen, Sprach-, Medien- und Politikwissenschaftler aus dem In- und Ausland „Metaphern der Gewalt vor und nach 9/11“ diskutierten. Abstracts der Vorträge sind auf der Projekt-Webseite zu finden.

Dr. Helge Skirl, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Allgemeine Linguistik

www.linguistik.tu-berlin.de/menue/workshop_2012

Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 7/2012

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