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TU Berlin

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Forschung

Tief verwurzelte Klischees und fehlende Toleranz

Freitag, 17. Februar 2012

Expertenkreis der Bundesregierung gibt Empfehlungen gegen Antisemitismus in Deutschland

Judenfeindlichkeit, Klischees und Vorurteile sind in Deutschland weiterhin stark verbreitet. Das ist das zentrale Ergebnis des „Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus“ der Bundesregierung, der das Ergebnis einer mehr als zweijährigen Studie Mitte Januar 2012 veröffentlichte. Zu den Koordinatoren gehört TU-Forscherin Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin zusammen mit Prof. Dr. Peter Longerich vom Royal Holloway College der University of London.

„Bei 20 Prozent der Befragten ist ein latenter Antisemitismus zu verzeichnen. Vorurteile sind weit verbreitet, Klischees tief verwurzelt. Sie basieren oft auf Unwissen über Juden und Judentum“, so Juliane Wetzel. „Einerseits leben die ,klassischen‘ antisemitischen Bezichtigungen weiter, wie der Verschwörungsvorwurf, Juden besäßen zu viel Einfluss oder seien wegen ihres eigenen Verhaltens selbst ,schuld‘ an ihrer Verfolgung. Andererseits haben sich die meisten Ressentiments und Vorwürfe gegen Juden als Reaktion auf den Holocaust und die Existenz des Staates Israel herausgebildet.“

Als Beispiel führte Juliane Wetzel einen Fall aus der jüngsten Vergangenheit an: „Als beim ,Eurovision Song Contest‘ die israelische Jury den deutschen Beitrag der hoch favorisierten Sängerin Lena Meyer-Landruth mit null Punkten bewertete, fanden in Internetforen sofort antisemitische Inhalte Verbreitung, mit dem Tenor: ,Israel verzeiht uns wohl den Holocaust nie.‘“ Dies zeige sowohl den sekundären Antisemitismus als auch die Vitalität von Verschwörungstheorien.

Als weiterer Träger von Antisemitismus mit erheblichem Gefahrenpotenzial gelte inzwischen auch extremistischer Islamismus. Die in Deutschland weitgehend nicht offen agierenden islamistischen Gruppen wirkten hauptsächlich im Ideologietransfer über moderne Kommunikationsmittel. Wichtigster politischer Träger des manifesten Antisemitismus sei allerdings das rechtsextremistische Lager, heißt es weiter in dem Bericht. 90 Prozent aller Straftaten mit antisemitischem Hintergrund kämen aus diesem Spektrum.

„Die tiefe Verwurzelung von Negativklischees über Juden und antisemitischen Einstellungen in der deutschen Kultur und Gesellschaft wird sich nur langfristig und mit nachhaltigen Maßnahmen verändern lassen“, erklärt Juliane Wetzel. Das Expertengremium hat daher Empfehlungen für den Deutschen Bundestag erarbeitet, wie dem Fortschreiten dieser Phänomene entgegenzuwirken ist. Justiz und Polizei, Vertreter der staatlichen Bildungspolitik, Parteien, Kirchen, Sport und andere nichtstaatliche Verbände sollten einen kontinuierlichen Informationsaustausch anstreben, der in einer Arbeitsgruppe erfolgen könne. Leider würden die bereits existierenden Programme und Maßnahmen zur Antisemitismus- und Vorurteilsprävention, zum Beispiel altersgerechtes Unterrichtsmaterial, Projekte zur Stärkung von Toleranz und Demokratieverständnis bei Kindern und Jugendlichen oder Bildungsmaßnahmen speziell für muslimisch geprägte Jugendliche, häufig unzureichend genutzt, weil sie nicht bekannt seien. Deren Bekanntheitsgrad und Verstetigung sollte stark gefördert werden. Der Verfassungsschutzbericht sollte zukünftig ebenfalls Kapitel über linksextremen sowie islamistischen Antisemitismus aufnehmen, die Polizeibehörden bei antisemitischen Straftaten von Ausländern den Migrationshintergrund differenzieren. Hierzu wurde auch auf die Untersuchungen weiterer Experten verwiesen, unter anderem auf die von Professor Dr. Werner Bergmann, ebenfalls vom TU-Zentrum für Antisemitismusforschung. „Eine wichtige Maßnahme wäre außerdem“, so Juliane Wetzel, „diese Studie für die Bundesregierung regelmäßig zu wiederholen. Sie könnte kontinuierlich Aufschluss darüber geben, welche Maßnahmen greifen und wo gegebenenfalls nachjustiert werden muss.“

www.tu-berlin.de/?id=111721

Patricia Pätzold / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 2/2012

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