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TU Berlin

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Standpunkte

Technik und Poetik

Freitag, 17. Februar 2012

Das Ordnen in einer veränderten Wirklichkeit

Im Winter 1961/62 ging die internationale Lesereihe „Literatur im technischen Zeitalter“ auf Sendung. Sie wurde jeweils live aus dem Großen Saal der Berliner Kongresshalle, das heutige „Haus der Kulturen der Welt“, im Fernsehprogramm des Senders Freies Be
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von Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann

Walter Höllerers Hinwendung zur „Sprache im technischen Zeitalter“ war eine Passage zu kultur- und medienwissenschaftlichen Ansätzen, wie sie heute die Arbeit der Geisteswissenschaften bestimmen von Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann

Im Jahr 1959 wurde Walter Höllerer – Lyriker, Kritiker und Germanist – auf den Lehrstuhl für Deutsche Literaturwissenschaft an der TU Berlin berufen. Sein ehemaliger Assistent und späterer Kollege, Norbert Miller, hat vor einigen Jahren in dieser Zeitung unter dem Titel „Das Walter-Höllerer-Experiment“ daran erinnert, wie klug Höllerer mit der besonderen Situation, die ihn als Geisteswissenschaftler in Berlin erwartete, umzugehen verstand (TU intern 7/07). Zu den wichtigsten Leistungen seines Vorgängers, Paul Altenberg, hatte die im Frühjahr 1954 erfolgte Wiedereröffnung der Berliner Urania gehört. Höllerer sah seine Aufgabe, neben dem Beitrag zum humanistischen „Studium generale“, von Anfang darin, der Gegenwartsliteratur in der kulturellen Umbruchsituation der Sechzigerjahre auf neue Weise Gehör zu verschaffen. So erfolgte in den Jahren 1961 und 1962 zunächst die Gründung einer Zeitschrift und eines Instituts unter dem gemeinsamen Namen „Sprache im technischen Zeitalter“, ein Jahr später dann die Eröffnung des Literarischen Colloquiums Berlin. Hinzu kamen mehrere Veranstaltungsreihen, so vor allem die internationale Lesereihe „Literatur im technischen Zeitalter“, die im Winter 1961/62 im Großen Saal der Berliner Kongresshalle, das heutige „Haus der Kulturen der Welt“, stattfand und jeweils live im Fernsehprogramm des Senders Freies Berlin übertragen wurde. Die Liste der eingeladenen Autorinnen und Autoren ist beeindruckend. Auf Ingeborg Bachmann, die die erste Lesung am 13. November 1961 bestritt, folgten unter anderem Heimito von Doderer, Nathalie Sar- raute, Henry Miller, Alain Robbe-Grillet, Michel Butor, Max Frisch, Eugène Ionesco, Witold Gombrowicz und John Dos Passos, um nur einige zu nennen. In seiner Einleitung hob Höllerer hervor, der Titel der Lesereihe – „Literatur im technischen Zeitalter“ – sei nicht so zu verstehen, dass hier die Technik den literarischen Texten die Motive liefere; vielmehr gehe es um Ordnungsversuche in einer von der Technik veränderten Wirklichkeit. Der Literatur die Aufgabe zu übertragen, über die neue – technische – Ordnung der Dinge Auskunft zu geben, und dies zugleich zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen – darin lag sicherlich das besondere Wagnis, das diese Lesungen bedeuteten, und es war zugleich der Grund für die ihnen eigentümliche Atmosphäre einer aufs Äußerste gesteigerten Gegenwart. Dazu gehörte auch, dass Höllerer hier der Literatur die Türen ins neue Massenmedium Fernsehen öffnete, ein Schritt, der das denkbar deutlichste Abrücken von dem Massenmedium bedeutete, das die Jahrzehnte zuvor über Deutschland geherrscht hatte – vom Radio nämlich. Statt als pathetische Stimmen aus dem Dunkel traten die Schriftsteller nun in einen hellen Raum, in dem elektronische Kameras noch die kleinste ihrer mimischen und gestischen Regungen abtasteten und damit kontrollierten. Der kanadische Medienhistoriker Marshall McLuhan, selbst wie Höllerer von Hause aus Literaturwissenschaftler, verfasste damals gerade seine bahnbrechenden Schriften, in denen er Medien nach ihren Wirkungen auf das Sensorium der Rezipienten unterschied. So nannte er etwa das Radio ein „heißes Medium“, da es ein einzelnes Sinnesfeld isoliere und aufheize. Das Fernsehen hingegen beziehe durch seine mosaikartige Bildstruktur alle Sinne ein und sei daher ein „kühles Medium“. Zu seinen Charakteristika gehöre es, die klar umrissene Persönlichkeit zurückzuweisen und stattdessen die Darstellung von Vorgängen zu begünstigen. Was man darüber hinaus mit dem Fernsehen, ganz anders als beim Radio, erhalte, sei, so McLuhan, das „Erlebnis, direkt (…) beteiligt zu sein“. Mit ihrem Auftritt im Fernsehen verließ die Literatur also den Raum des Buches, um stattdessen den ästhetischen Charakter einer Performance anzunehmen, und das heißt: den Charakter einer räumlichen und sensomotorischen Gesamtsituation, die nur teilweise als determiniert erschien. Diesem Wagnis Höllerers, so muss man sagen, war in jeder Hinsicht Erfolg beschieden, sodass noch zwei weitere, ähnliche Veranstaltungsreihen folgten, die dem neuen Theater und dem neuen Film gewidmet waren.

Was nun die Formel „Sprache im technischen Zeitalter“ betrifft, mit der Höllerer seiner Zeitschrift und seinem Institut zugleich Namen und Programm gab, so zielte sie nicht allein auf eine Neubestimmung des Literarischen. Es ging darin vielmehr um eine Gesamtvermessung des Feldes der Sprache, das für Höllerer neben der Alltagssprache auch die formalen Sprachen miteinschloss. So stammte der Artikel, der im Herbst 1961 die erste Nummer der „Sprache im technischen Zeitalter“ eröffnete, vom österreichischen Computerpionier Heinz Zemanek. In dem von ihm geleiteten IBM-Laboratorium in Wien begann man zu dieser Zeit gerade, die Programmiersprache PL/1 (Programming Language One) zu entwickeln. In Höllerers Zeitschrift berichtete Zemanek über die „Möglichkeiten und Grenzen der automatisierten Sprachübersetzung“. Und Höllerer selbst überschrieb sein Nachwort zu dem von ihm 1967 herausgegebenen Band „Ein Gedicht und sein Autor“ mit: „Der Autor, die Sprache des Alltags und die Sprache des Kalküls“. Darin heißt es: „Der Autor stößt auf das Faktum, daß die Alltagssprache neben den künstlichen Sprachen des Kalküls gleichberechtigt weiterbesteht, und daß beide reale Wirkungen und Bedeutungen schaffen. In der Sprache des Alltags, also in der Umgangssprache und in der informierenden und werbenden Massenmediensprache wird der Ablauf des täglichen Lebens formuliert. Aber nicht weniger ist dieses tägliche Leben von den künstlichen Sprachen, den Formelsprachen des Kalküls beeinflußt und geformt.“ Und es sei diese zunehmend von formalen Sprachen durchdrungene Wirklichkeit, der auch die Literatur nicht ausweichen dürfe. Dies tue sie, indem sie weder eine „in sich beruhigte Milieuschilderung“ noch eine „Nachahmung mathematischer Formeln mit Worten oder Buchstaben“ gebe. Vielmehr versuche sie, „die Welt in ihren gegenseitigen Abhängigkeiten von Alltagssprache und Kalkül darzustellen“. Jedes „Detail des hier und jetzt Sichtbaren, Schmeckbaren, des taste and see“, erscheine heute „von den Modellen mitgezeichnet, die das Kalkül errichtet hat, die nicht geschmeckt und gesehen werden können“. Und die Literatur trage diesen „Zwiespalt“ in sich aus.

Lyriker aus der „Wiener Gruppe“ zu Gast im Berliner Studio der Akademie der Künste: Ernst Jandl (l.) und Friederike Mayröcker, in der Mitte Walter Höllerer (1968)
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Den historischen Hintergrund dieser Äußerungen, die auf einen literarischen Realismus unter ausdrücklichem Einschluss formaler Sprachexperimente zielten, bilden die neuen Möglichkeiten „nicht-numerischer Datenverarbeitung“, die damals gerade in den Alltag vorzudringen begannen und, etwa an der TH Stuttgart im Umfeld Max Benses, auch zu künstlerischen Experimenten am Computer führten. Die damit verbundene Einsicht, in einer zunehmend von Technik geprägten und damit zugleich auf eine neue Weise künstlich gewordenen Welt zu leben, veranlasste Höllerer dazu, in methodischer Hinsicht eine zur Semiologie erweiterte Sprachwissenschaft anzustreben. Der Versuch, „den Zusammenhang und den Widerspruch der verschiedenen gegenwärtigen Zeichensysteme sichtbar zu machen“, überschritt hier aber notwendigerweise die Grenzen der Literatur. Unverkennbar wurde dies in der von Höllerer gemeinsam mit Edoardo Sanguineti, Karin Kiwus, Ernst Jandl, Eugen Gomringer und anderen konzipierten Ausstellung „Welt aus Sprache“, die vom 22. September bis zum 22. Oktober 1972 in der Berliner Akademie der Künste stattfand. Es war keine übliche Literatur- oder Kunstausstellung, sondern die Inszenierung eines neuen kommunikations- und zeichentheoretisch inspirierten Blicks auf den Alltag der Gegenwart. Dabei überschritt sie mehrfach die Grenze zur Medieninstallation, sodass die „Welt aus Sprache“ eher als eine technisch artikulierte Welt erschien. Was sich hier vollzog, war also eine Neukonfiguration des Verhältnisses von Kultur und Technik, weshalb Höllerers Hinwendung zur „Sprache im technischen Zeitalter“ im Rückblick als Passage zu kultur- und medienwissenschaftlichen Ansätzen erscheint, wie sie heute die Arbeit der Geisteswissenschaften in vieler Hinsicht bestimmen.

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Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann leitet seit April 2011 das Fachgebiet Literaturwissenschaft, Schwerpunkt Literatur und Wissenschaft, am Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte. Ein Kurzporträt des Neuberufenen lesen Sie hier.

Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 2/2012

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