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TU Berlin

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Forschung

Nachhall aus der Antike

Freitag, 17. Februar 2012

Wissenschaftler spüren der Raumakustik italienischer Renaissance-Theater nach

Theben, die homerische „Stadt der sieben Tore“, die Stadt der antiken Legenden um Königtum, Heldenmut und Verderben. In den Theatern der italienischen Renaissance wurde sie wieder lebendig. Mit „Ödipus Rex“, der tragischen Geschichte um Vatermord und Inzest, die noch heute in Kunst und Psychoanalyse vielfach widerhallt, öffnete sich im März 1585 das prachtvolle, nach antiken Vorbildern entworfene „Teatro Olimpico“ im oberitalienischen Vicenza dem staunenden Publikum.

Das „Teatro Olimpico“
Das „Teatro Olimpico“, nach Plänen des berühmten Architekten Andrea Palladio Ende des 16. Jahrhunderts erbaut, ist das älteste vollständig erhaltene neuzeitliche Theatergebäude der Welt
Lupe

Es ist das älteste vollständig erhaltene neuzeitliche Theatergebäude der Welt. Doch wie sahen und hörten die Zuschauer vor mehr als vierhundert Jahren, in einer Zeit ohne Lautsprecher, ohne Mikrofone, ohne Sound-Verstärker? Wissenschaftler um Prof. Dr. Stefan Weinzierl, Leiter des TU-Fachgebiets Audiokommunikation im Institut für Sprache und Kommunikation, gehen dieser Frage in ihrem Projekt „Akustik historischer Aufführungsräume für Musik und Theater“ auf den Grund.

Der berühmte Architekt Andrea Palladio (1508–1580) hatte die Beschreibungen Vitruvs aus dem 1. Jahrhundert eingehend studiert, Überreste römischer Spielstätten untersucht und daraus das „ideale römische Theater“ entworfen: Die sogenannte „Scenae frons“ besteht aus einer zweigliedrigen Schauwand mit Haupt- und Seitenportalen, Säulen, Relieffeldern und Nischen für Figuren. Die davor liegende rechteckige Bühne öffnet sich zur „Cavea“, dem halbkreisförmigen Zuschauerraum. Das Theater und weitere nach diesem Vorbild antikisierend gestaltete Spielstätten in Sabbioneta und Parma haben die Wissenschaftler mit raumakustischer Messtechnik untersucht und akustische Computermodelle für sie erstellt.

„Neben der Bestimmung raumakustischer Parameter wie der Nachhallzeit lässt sich anhand von mit dem Kunstkopf aufgenommenen Raumimpulsantworten und einer Auralisation des Computermodells ein lebendiger Klangeindruck des Theaters auch im Labor erhalten“, erklärt Stefan Weinzierl. Bei der Simulation müssen Architektur und Aufführungssituation berücksichtigt werden: die Schalldämmung durch den Fußboden aus Holzparkett, die Wände aus verputzten Backsteinen, das Luftvolumen im Bühnenraum und auch die Besetzung der Holzstühle und Bänke mit Menschen. Die Ergebnisse waren zunächst überraschend. „Die Nachhallzeit im mittleren Frequenzbereich liegt im unbesetzten wie im besetzten Raum erheblich über den Werten, die man heute in einem modernen Sprechtheater erwartet, um gute Sprachverständlichkeit zu erzielen“, so Weinzierl. Dennoch sei das Theater kein akustischer Misserfolg aus Mangel an Erfahrungen. „Die Architekten waren sowohl mit der theatralen Praxis ihrer Zeit sowie mit der akustischen Wirkung von Räumen vertraut, und die Zeitgenossen fällten enthusiastische Urteile.“ Dass Vicenza so viele Nachfolgebauten beeinflusst hat, sei ebenfalls Indiz für die gute Angepasstheit des „Teatro Olimpico“ an die Anforderungen seiner Zeit. Die Stücke wiesen nämlich große musikalische Anteile, vielfältigen Chorgesang sowie zusätzliche instrumentale Zwischenspiele auf. Dazu gehöre ein langer Nachhall in Verbindung mit einem hohen Stärkemaß im mittleren, sprachrelevanten Frequenzbereich. Welche Worte Sophokles seinen Ödipus sprechen ließ, um dessen eigene Mutter zu umgarnen, wird wohl damals auch auf den hinteren Bänken verstanden worden sein.

Das Projekt entstand in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich „Transformationen der Antike“ der Humboldt-Universität zu Berlin und wird gefördert durch die Gerda Henkel Stiftung.

www.tu-berlin.de/?id=93825

Patricia Pätzold / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 2/2012

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