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TU Berlin

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Forschung

„Kreativität kennt keine Termine“

Freitag, 17. Februar 2012

Helmut Schwarz über den grassierenden Nützlichkeitswahn in der Wissenschaft und warum es wichtig ist, den einzelnen Querdenker zu fördern

TU-Chemie-Professor Helmut Schwarz, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, ist ein vielfach ausgezeichneter Experte in Wissenschaft und Hochschulpolitik
Lupe

Herr Professor Schwarz, unlängst war in der Zeitschrift „Angewandte Chemie“ Ihr Plädoyer für die Grundlagenforschung zu lesen. Was treibt Sie um?

Die Grundlagenforschung wird zunehmend einem Rechtfertigungsdruck unterworfen. Sie soll unentwegt ihre Nützlichkeit beweisen, und womit sie sich befasst, muss sich – so meinen viele – in spätestens fünf Jahren auszahlen.


Was ist daran falsch?

… dass sich viele Fragen vielleicht erst in 15 Jahren beantworten lassen und der Nutzen sich erst sehr viel später offenbart. Grundlagenforschung zu finanzieren ist keine Alimentierung von Menschen, die dem Alltäglichen etwas entrückt sind, sondern eine Investition in die Zukunft. Als Michael Faraday sich rechtfertigen musste für seine teuren, öffentlich finanzierten Forschungen zu Elektrizität und Magnetismus, erwiderte er: „Lord Gladstone: Eines Tages werden Sie es besteuern.“ – Für mich ist Grundlagenforschung ohnehin weniger etwas Nützliches als vielmehr ein Kulturgut. So, wie sich niemand darüber erregt, wenn jemand eine Sonate komponiert, könnte es ja auch gerechtfertigt sein, ein mathematisches Theorem beweisen zu wollen.


Da wird Ihnen gefallen, was ein TU-Wissenschaftler auf die Frage nach der Anwendung seiner Forschungen antwortete: Das interessiere ihn nicht, er wolle Phänomene verstehen.


Die Antwort hätte auch von mir stammen können. Ich bin seit 1978 Professor und habe in dieser Zeit circa 15 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben, überwiegend von der DFG. Ich kann mich nicht erinnern, bei der Antragstellung jemals die Frage nach möglichen Anwendungen beantwortet zu haben. Ich habe das einfach ignoriert. Ich hätte auch keine Antwort gewusst. Mich beunruhigt im Übrigen diese geistige Haltung, die sich dahinter verbirgt, Wissenschaftler, die von Neugierde und Erkenntnislust getrieben sind, skeptisch zu beäugen.


Fast alle gesellschaftlichen Bereiche werden mittlerweile vor das Tribunal der Wirtschaftlichkeit gezerrt – so auch die Grundlagenforschung.

Dieses eng gefasste Wirtschaftlichkeitsdenken ist eine Sackgasse. Dann besteht die Gefahr, dass Wissenschaftler risikoreiche Forschung scheuen und sich nur noch mit Mainstream-Themen beschäftigen, bei denen sie sicher sein können, dafür in den nächsten Jahren genügend Forschungsmittel zu bekommen. Das ist nicht nur langweilige Beamtenforschung; das verhindert Erkenntnis. Nur aus der Haltung heraus, sich in das Unbekannte vorzuwagen, entsteht etwas, das allen einmal nützen wird. Ohne Einsteins Arbeiten zur Allgemeinen Relativitätstheorie kein GPS.


Könnte Deutschland sich seiner Innovationskraft berauben, wenn es der angewandten Forschung den Vorzug gibt?

Mein Plädoyer für die Grundlagenforschung ist keine Streitschrift gegen die angewandte Forschung. Man braucht sie. Mir geht es darum, zu betonen, dass die Grundlagenforschung als die zentrale Ideengeberin für das, was später in die angewandte Forschung mündet, anderen Regeln folgt und wir nicht ausschließlich merkantile Maßstäbe an sie anlegen können.


Welche anderen Regeln sind das im Gegensatz zur angewandten Forschung?

Bevor ich antworte, ein kleine Episode: Ich habe einmal vier Jahre an einem Problem gearbeitet. Alle Ergebnisse, die wir hatten, waren widersprüchlich. Dann saß ich in einem Konzert der Berliner Philharmoniker und plötzlich machte es: klick. Ich ging, arbeitete die Nacht hindurch, und am nächsten Morgen fügte sich alles. Warum erzähle ich das? Erstens, weil wirkliche Durchbrüche nicht planbar sind. Sie sind eine irrationale Kombination aus Neugierde, Zufall, Kreativität, Querdenken. Zweitens spielt Zeit eine große Rolle. Sie können Ihrer Kreativität keine Termine setzen und festlegen, dass Sie morgen die alles entscheidende Idee haben werden. Grundlagenforschung braucht Freiräume. Und drittens kommt es in diesem nicht planbaren Spiel verschiedenster Faktoren gerade deshalb darauf an, dem Individuum zu vertrauen. Selbstverständlich gibt es Themen, die nur zu lösen sind, wenn Hunderte zusammenarbeiten, aber die entscheidenden Anstöße und Erkenntnisse kommen oftmals von dem Einzelnen. Deshalb bin ich auch ein Anhänger der individuellen Förderung von Forscherpersönlichkeiten – wie das mit der Humboldt-Professur und den ERC Grants der EU versucht wird.


Wer war Adressat Ihres Plädoyers?

… vor allem die Universitäten, weil sie in vielen Bereichen ihr Tun oft darauf reduzieren, die Studierenden schnell dem Arbeitsmarkt zuzuführen. Das ist wichtig, aber nicht die Hauptaufgabe einer Universität. Sie ist für mich der Ort, wo Hochschullehrer ihren Studenten mehr mitgeben wollen als das Wissen, das bereits in Büchern steht, ein Ort für mutige Köpfe, die den Widerspruchsgeist fördern und nicht nur den Konsens predigen, die intellektuelle Risiken nicht scheuen und Pfade betreten, von denen sie das Ziel nicht kennen. Universitäten müssen Freiräume für forschende Querdenker bleiben.


Das Gespräch führte Sybille Nitsche

Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 2/2012

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