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Forschung

Demokratie und Urbanität

Freitag, 20. Januar 2012

Leitbilder der Stadtplanung beim Wiederaufbau in Deutschland und Israel

Stadtbilderneuerung: der zerstörte Kirchturm der Stadtkirche Pforzheim, Anfang der 1960er-Jahre (links), und der moderne Neubau von 1968, nach dem Abriss der Ruine
Lupe

Gegenwärtig wächst der Eindruck, dass mit der wirtschaftlichen Schieflage der europäischen Staaten die Demokratien selbst unter Druck geraten. Fast unbemerkt entzieht sich die Wirtschaft demokratischer Kontrolle, zu komplex scheinen die wirtschaftlichen Zusammenhänge der globalisierten Welt, um sie mit demokratisch legitimiertem politischem Handeln im Zaum zu halten. Diese Entwicklungen offenbaren das Problem einer auf allen Gebieten fortgeschrittenen Spezialisierung, und sie verleihen der Beschäftigung mit dem Basler Volkswirtschaftsprofessor Edgar Salin (1892-1974) höchste Aktualität. Salin gehört zu einer Gruppe deutschsprachiger Wissenschaftler und Denker, die im 20. Jahrhundert angesichts der wachsenden Komplexität der Welt nach universellen Deutungs- und Erklärungsmöglichkeiten suchten.

Nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus erschienen ihre Ansichten teilweise fragwürdig, und sie gerieten in Vergessenheit. Edgar Salin zum Beispiel konnte mit seinem universalistischen Handlungsansatz beim Aufbau Israels und beim Wiederaufbau in Deutschland bis in die 1960er-Jahre besondere politische Gestaltungskraft entfalten. Er hatte 1958 das Israel-Projekt der List-Gesellschaft angeregt, ein umfassendes Infrastrukturkonzept, das auch den - nie verwirklichten - Bau einer zentralen Eisenbahnlinie von Haifa im Norden bis Eilat im Süden vorsah. Auf dieser Grundlage diskutierten die Teilnehmer der internationalen Tagung "New Towns for New Tribes" Anfang Dezember in Berlin den transnationalen Ideen- und Technologietransfer in der Stadtplanung der Moderne im Rahmen ihrer Bedeutungs- und Identitätsgeschichte.

Die Tagung wurde ausgerichtet von Prof. Dr. Karin Wilhelm von der TU Braunschweig sowie von Prof. Dr. Julius Schoeps vom Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam. Zu den Kooperationspartnern gehörte die Gesellschaft für Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung, die Dr. Celina Kress vom Center for Metropolitian Studies (CMS) der TU Berlin vertrat. Expertinnen und Experten aus Geschichte, Architektur, Stadtsoziologie und Kulturwissenschaft diskutierten Konzepte und Dynamiken zionistischer Siedlungskolonisation in den israelischen New Towns. Der Blick richtete sich vor allem auch auf den Einfluss europäischer Vorstellungen im Kontext der sich entwickelnden israelisch-deutschen Austauschbeziehungen und die Stadtplanungsdebatten des 20. Jahrhunderts. Während zum Beispiel die Kunsthistorikerin Dr. Anna Minta aus Bern die identifikationsprägende Ikonografie der funktionalen Moderne herausstellte und Universitätsneubauten oder Gedenkstätten in den Großstädten Jerusalem, Haifa und Tel Aviv als Beispiel anführte, fokussierte der am CMS lehrende Stadthistoriker Professor Georg Wagner-Kyora auf die negative Geschichtspolitik im bundesdeutschen Wiederaufbaugeschehen. Ein Beispiel für die völlige Neuorientierung der stadtbaupolitischen Prämissen sei der Neubau der Pforzheimer Stadtkirche. Ihm war der Abriss des noch erhalten gebliebenen Turms vorausgegangen. Pforzheim war es damit nicht gelungen, einen markanten Erinnerungsort ikonisch zu bewahren wie West-Berlin durch die teilweise Erhaltung der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die negative Geschichtspolitik in der jungen Bundesrepublik bildete auf diese Weise einen starken Kontrast zu der positiven Geschichtssicht Israels, die sich im Neubau öffentlicher Gebäude zeigte.

Anfang der 1960er-Jahre hatte Edgar Salin den bis heute in der Stadtentwicklung zentralen Begriff der Urbanität geprägt, der die gesellschaftspolitische Dimension einschließt. Urbanität sei eine grundlegende Voraussetzung für demokratisches Handeln und bürgerliche Gemeinschaft. In den 1960er-Jahren dominierte, wie Stadtplaner Thomas Sieverts erläuterte, das Planungsleitbild einer "Urbanität durch Dichte". Physischer Austausch und Gemeinschaft im öffentlichen Raum hielten jedoch in der Realität der Großsiedlungen wie dem Märkischen Viertel nicht stand. Salins auf gesellschaftliches Handeln zielende Definition von Urbanität dagegen hat bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren. Ein Sammelband über die Ergebnisse der Tagung befindet sich in Vorbereitung.

Dr.-Ing. Celina Kress, Prof. Dr. Georg Wagner-Kyora, Center for Metropolitan Studies, TU Berlin / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 1/2012

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