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TU Berlin

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Forschung

Bild ohne Rahmen

Freitag, 20. Januar 2012

Im Planetarium begegnete man erstmalig der Wissenschaft als Simulation - eine neue Technikästhetik zwischen Kunst und Literatur entstand

Einer der berühmtesten Vorläufer des modernen Projektionsplanetariums war der Gottorfer Riesenglobus, ein begehbarer Globus mit einem Durchmesser von drei Metern, der zwischen 1650 und 1664 im Auftrag Herzog Friedrichs III. von Gottorf entstand und europa
Lupe

Als das Planetarium der Jenaer Zeiss-Werke 1924 die Öffentlichkeit zur ersten Sternenschau an einem künstlichen Himmel einlud, fanden in den ersten zwei Monaten rund 50 000 Besucherinnen und Besucher den Weg in die Kuppel auf dem Fabrikdach. Noch nie hatte man den Sternenhimmel in einer solchen Plastizität wahrnehmen können. "Dem Staunen über die technische Leistung gesellt sich schon von Anfang an eine ästhetische Faszination bei", schreibt der Design-Professor Dr. Joachim Krausse über diese Erfindung. Es habe eine "Kunstwirkung ohne Kunstwollen" gehabt. Es war der irritierende Effekt eines elektromechanisch-optischen Präzisionsgeräts für die populäre Wissensvermittlung, das ungeplant eine immense ästhetische Attraktivität entfaltet. Dieser wird an der TU Berlin in dem Projekt "Zeit-Bild-Raum", gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, am Fachgebiet Literaturwissenschaft von Prof. Dr. Hans-Christian von Herrmann untersucht.

"Im 20. Jahrhundert trat in der Suche nach Wissen neben die verschiedenen Techniken des Messens die Wissenskultur des Simulierens, das experimentelle Forschen am mathematischen Modell", erklärt Hans-Christian von Herrmann. "Heute ist diese Form des Experimentierens auch global selbstverständlich geworden, zum Beispiel bei der Erforschung des Klimawandels." Das Projektionsplanetarium, übrigens erbaut von einem Alumnus der TH Charlottenburg, Walter Bauersfeld, war die erste populärwissenschaftliche Veranschaulichung, an der diese simulierende Haltung gegenüber der Natur hervortrat, und es war auch bautechnisch eine Sensation. Außerdem barg es eine unvorhergesehene zweite Dimension: "Die Entwicklung des Planetariums löste sich von ihrem ursprünglichen Auftrag durch das Deutsche Museum in München - und wurde zu einem Welterfolg. Zunächst sollte in einem begehbaren Modell sowohl das ptolemäische Weltbild - alles dreht sich um uns - als auch das kopernikanische - die Erde dreht sich um die Sonne - erläutert werden." Doch diese spektakuläre Erfindung konnte mehr. Reisen durch Raum und Zeit waren plötzlich möglich. Man konnte den Sternenhimmel zu jedem beliebigen Zeitpunkt der Geschichte simulieren, ihn von jedem beliebigen Ort auf der Erde aus betrachten. "Diese technische Konstruktion erweist sich als mehr als nur ein Ort der Wissensvermittlung", sagt von Herrmann. "Selbst in den Werken von Künstlern aus anderen Bereichen, Bauhaus-Meister sind darunter, findet diese Technik vielfältigen Widerhall." Genau diese Bezüge in Kunst und Literatur zu finden und ihre Bedeutung für die mediale Technikgeschichte zu bewerten ist unter anderem die Aufgabe des Projekts. Auch die Literatur bietet zahlreiche Beispiele. Walter Benjamin prägte in den 20er-Jahren die Formel vom "planetarischen Maßstab" der modernen Technik. Er meinte, das Ziel wissenschaftlicher Erkenntnis, bloße Naturbeherrschung, wandele sich zu einer umfassenden technischen Neugestaltung der menschlichen Lebensbedingungen auf dem Planeten.

Nicht zuletzt fällt die Erfindung des Planetariums auch mit der Frühzeit des Films zusammen - mit dem es neben der Bildprojektion und der veränderten Wahrnehmung von Realität auch das Vor- und Zurückfahren in Zeit und Raum gemeinsam hat. Das Immersive dieser Technik, das Einssein mit der Wissenserfahrung - ebenfalls Gegenstand der "Zeit-Bild-Raum"-Forschung - hat sich heute weiterentwickelt im 3-D- oder im IMAX-Kino. Hier hat das Bild keinen Rahmen mehr, das Publikum befindet sich vielmehr mittendrin. Die Planetarien suchen heute ihren Platz zwischen Wissensvermittlung und Unterhaltung. Sie bieten mit ihrer aufwendigen Projektionstechnik, neben Vorträgen über den Lauf der Gestirne, auch Filme und "Hörspiele unterm Sternenzelt". Ihre Geschichte ist eine Geschichte der medialen Aufrüstung.

Das Ergebnis dieses Projekts der Rekonstruktion von Technikästhetik, an dem auch das Zeiss-Planetarium in Jena beteiligt ist, ist ein Materialienband, der 2013 erscheinen soll. Doch Literaturprofessor von Herrmann träumt auch noch von einer weiteren Idee: "Eine Show zur Technikgeschichte des Planetariums, vorgestellt in einem solchen, ein Planetarium also, das von sich selbst erzählt, das wäre eine schöne Ergänzung."

Patricia Pätzold / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 1/2012

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