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TU Berlin

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Standpunkte

"Die großen Themen gehören nicht in die Talkshows, sondern in die Universität"

Freitag, 11. November 2011

Klimaökonom Ottmar Edenhofer zum Grenzgang zwischen Politik und Wissenschaft

Alpengletscher am Großglockner
Auch das Abschmelzen der großen Alpengletscher - hier am Großglockner - wird als Zeichen des Klimawandels gedeutet
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Mit Achim Steiner, Chef der UN-Umweltbehörde, kommt erneut ein sehr renommierter Redner zur Climate Lecture an die TU Berlin - in diesem Fall ein Akteur der internationalen Klimapolitik, kein Wissenschaftler. Warum haben Sie gerade ihn eingeladen?

Er ist ein Vordenker der Nachhaltigkeit. Klimawandel muss mit Armutsbekämpfung und anderen globalen Umweltproblemen verbunden werden. Der Begriff der Nachhaltigkeit wirkt auf manche etwas unscharf, dabei bringt er eigentlich gut auf den Punkt, worum es geht: Entscheidungen in der Gegenwart müssen unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden, welche Wirkungen sie in der Zukunft haben - ob also die Konsequenzen tragbar sind. Steiner und die UNEP in Nairobi - dort hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen seinen Sitz - verkörpern geradezu diesen umfassenden Ansatz. Er ist der Kopf hinter dem "Rio+20"-Prozess, der auf die 2012 stattfindende große UN-Konferenz zu nachhaltiger Entwicklung hinausläuft, zwanzig Jahre nach der legendären ersten Konferenz in Brasilien.

Wird denn "Rio+20" etwas bewegen?

Das Treffen könnte tatsächlich ein belebendes Element für die globale Umweltpolitik und den Klimaschutz sein. Ganz zentral wird es hier um Green Economy gehen, die sogenannte grüne Wirtschaft, um ihre Möglichkeiten und Grenzen - also keineswegs nur um schöne Worte.

Und was kann der jetzt im November beginnende Weltklimagipfel im südafrikanischen Durban bewirken?

Leider verfestigt sich der Eindruck, dass die internationale Klimapolitik auf der Stelle tritt. Ein verbindliches Abkommen zur Verringerung der weltweiten Emissionen von Treibhausgasen ist momentan nicht in Sicht. Zugleich zeigt die naturwissenschaftliche Klimaforschung, dass bei ungebremstem CO2-Ausstoß ein gefährlicher Klimawandel droht. Hier sind offenkundig neue Impulse gefragt. Wir Wissenschaftler versuchen, das Unsrige zu tun, indem wir Pfade aufzeigen, zwischen denen die politischen Entscheider wählen können. Aber Wissenschaft ist Wissenschaft und keine Politik. Deshalb ist es so interessant, einen Grenzgänger wie Steiner bei der Climate Lecture zu haben.

Können Sie ein Beispiel für die Optionen nennen, welche die Forschung aufzeigt?

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer
Prof. Dr. Ottmar Edenhofer leitet an der TU Berlin das Fachgebiet Klimaökonomie. Er ist Vize-Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und leitet die Arbeitsgruppe III des Weltklimarats (IPCC).
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Kürzlich haben wir in einer Studie gezeigt, dass Technologieförderung etwa durch eine Einspeisevergütung für Strom aus erneuerbaren Quellen entgegen manchen Annahmen eine durchaus sinnvolle Ergänzung ist zum "Cap and Trade" - dem Deckeln der Emissionen und dem Handel mit den Emissionsrechten. Traditionell würden Ökonomen sagen, allein der Marktmechanismus bringt die Lösung. Wir haben das aber in sogenannten Modellen berechnet, das sind komplexe Gleichungssysteme gefüttert mit großen Datenmengen. Hiermit werden im Computer sozioökonomische Prozesse aufwendig simuliert. Das Ergebnis: Technologieförderung ermöglicht enorme Lernkurven, die Technologien werden besser und billiger. Der reine Marktmechanismus hingegen kann zu einem Lock-in führen, zu einem Sperr-Effekt. Die Unternehmen gehen lieber kein Risiko ein und setzen auf bekannte Technologien, die aber nicht notwendigerweise die besten sind. Hier zeigt unsere Forschung der Politik, welche Vorgehensweise welche Kosten erzeugt. Das kann dann Entscheidungsgrundlage sein. Ob solche Forschung allerdings tatsächlich etwas bewirkt, ist natürlich offen.

Was bewirkt denn die Climate Lecture - was soll sie bewirken?

Hier erobert sich die Universität den öffentlichen Raum zurück, sie führt einen Diskurs jenseits der Talkshows. Sie öffnet ihre Türen und Fenster und holt die Gesellschaft hinein in ihre Gebäude, in die aus Stein genauso wie in die Denkgebäude. Ich halte das für unglaublich wichtig.

Warum?

In der Climate Lecture geht es um die großen, globalen Themen, und die gehören nicht in die Talkshows, die gehören in die Universität. Ich bin überzeugt davon, dass so etwas unterschwellig auch in die Gesellschaft hineinwirkt - selbst wenn es sich bei der Climate Lecture gerade nicht um ein politisches Forum handelt, sondern um ein wissenschaftliches. Die Climate Lecture ist, um es mal pathetisch zu sagen, ein kleiner Beitrag zum großen und nie abgeschlossenen Projekt "Aufklärung". Und vielleicht gelingt es mit der Climate Lecture, hier in einer der wichtigsten Hauptstädte Europas, in Berlin, die großen Themen auf die Tagesordnung nicht nur der Wissenschaft zu setzen, sondern auf die der Gesellschaft.

Die Sache liegt Ihnen so richtig am Herzen?

Mir ist der Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft in der Tat sehr wichtig, er darf keine hohle Formel sein. Vor drei Jahren haben wir gemeinsam an der TU Berlin die Climate Lecture gegründet, und ich denke, sie ist zu einer Berliner Institution geworden. Jedes Jahr gelingt es uns, jemanden aus der Reihe der besten Denker der Welt für die Lecture zu gewinnen, zu uns zu kommen. Und die Climate Lecture ist keine isolierte Aktion - ganz gezielt haben wir in diesem Jahr etwa auch die weltweit erste öffentliche Vorstellung des Sonderberichts zu den erneuerbaren Energien an der TU Berlin gemacht. Veranstalter war hier der Weltklimarat IPCC, dessen Arbeitsgruppe zur Vermeidung des Klimawandels ich leite.

War das ein ganz anderes Veranstaltungsformat?

Nein, für mich gehört das eng mit der Climate Lecture zusammen. Hier wie dort gibt es schlicht einen Vortrag mit Diskussion. Da mag mancher sagen, das sind doch langweilige Formate, da muss was Peppigeres her. Aber zu der Vorstellung des Sonderberichts zu den Erneuerbaren sind mehr als 2000 Menschen gekommen, von Experten aus den Energiekonzernen über Umweltschützer oder Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten bis hin zu ganz normalen Studierenden. Ich glaube, man kann sagen, es war ein Erfolg.

Bei der Climate Lecture selbst sind einige der weltweit wichtigsten Denker aufgetreten, wie Sie sagten. Eröffnet haben Sie vor zwei Jahren mit dem Klimaökonomen Nicholas Stern, danach war Elinor Ostrom da, ausgezeichnet mit dem Wirtschafts-Nobelpreis.

Ich kenne Nick Stern gut, und er ist gern zu unserer Lecture gekommen. Seine Arbeit hat bahnbrechend gewirkt - sein Bericht 2006 zu den Kosten des Klimawandels und den Kosten von dessen Vermeidung erregte weltweit Aufsehen. An der London School of Economics ist er Teil der internationalen Wissenschaftselite. Elinor Ostrom hat über das Problem der Gemeingüter gesprochen. Betrachtet man etwa die Atmosphäre als Gemeingut, so kann das ganz neue Perspektiven eröffnen.

Was für Perspektiven?

Die Menschheit nutzt derzeit den Himmel als Abfallhalde, in der sie weitgehend kostenlos Treibhausgase ablädt. Und das ist - ich greife das Stichwort noch einmal auf - alles andere als nachhaltig. Die industrialisierten, reichen Staaten nutzen diese Abfallhalde stärker, als die Entwicklungsländer dies tun; zugleich bekommen gerade die Entwicklungsländer stärker die Folgen eines ungebremsten Klimawandels zu spüren, weil sie sich Anpassungsmaßnahmen wie etwa den Bau von Deichen schlecht leisten können. Ökonomisch gesehen werden bei den Produktionsprozessen in den Industrieländern Kosten externalisiert, also ausgegliedert und auf andere verlagert, nämlich die Umweltkosten der Emissionen. Es stellt sich mithin die Frage: Wem gehört die Atmosphäre? Begreift man sie als Gemeingut, als "global common", so ergibt sich hieraus sehr rasch, dass es für die Nutzung auch gemeinsamer Regeln bedarf. Ähnliches gilt für die Ozeane. Diesen Gedanken der Gemeingüter finde ich außerordentlich wichtig.

In Steiners Climate Lecture geht es um "Allmacht oder Ohnmacht" von Klimapolitik und Klimaforschung. In der Öffentlichkeit ist beides zu hören: dass die Wissenschaft heute alles dominiert - und umgekehrt, dass sie nichts bewirkt. Wie sehen Sie das?

Die Wissenschaft würde dann ohnmächtig, wenn sie sich für allmächtig hielte. Wenn Forscher glauben würden, aus ihren Erkenntnissen die eine einzig wahre und gute Lösung für Probleme wie jenes der Klimaerwärmung ableiten zu können - dann würde sie sich ins gesellschaftliche Aus katapultieren.

Harte Worte.

Ja! Es wäre ein Fehler, wenn die Wissenschaft den vermeintlich leeren Thron des von der Aufklärung gestürzten Gottes besetzen wollte - es wäre geradezu antiaufklärerisch. Lösungen sind für die Gesellschaft das Ergebnis von Diskussionen, nicht von Forschung. Deren Aufgabe ist es nur, den Diskussionen die Grundlage zu geben, Optionen zur Verfügung zu stellen und ihre Kosten und Risiken abwägbar zu machen. Gerade weil die Wissenschaft hier unverzichtbarer denn je geworden ist, muss sie bescheiden ihre Rolle verstehen: die des Beraters. Das ist die Kunst der Weisheit von Wissenschaft im 21. Jahrhundert. Je kraftvoller ihre Erklärungsmuster sind, desto wichtiger ist die Selbstbegrenzung. Nur darf dies eben nicht zum Rückzug aus der Gesellschaft führen, im Gegenteil. Damit sind wir wieder bei der Climate Lecture. Wissenschaft hat, egal wie sie sich verhält, eine Verantwortung. Es ist ihr unmöglich, außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Denn sie ist ein Teil von ihr.

Das Gespräch führte Jonas Viering / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 11/2011

Climate Lecture

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Allmacht oder Ohnmacht? Klimafolgenforschung und Klimapolitik
Vortrag von Achim Steiner, Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), Nairobi

Zeit: 14. November 2011, 10 Uhr
Ort: Audimax der TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin

Filmmitschnitte der Lecture ab 21.11. unter www.tu-berlin.de/?id=60019

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