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TU Berlin

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Forschung

Das Tabu der Gleichheit

Freitag, 11. November 2011

Die interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin feiert ihr 15-jähriges Bestehen

Sabine Hark ist Mitbegründerin der Fachgesellschaft Geschlechterstudien/Gender Studies Association, die Anfang 2010 als Anlaufstelle an der TU Berlin geschaffen wurde und mittlerweile über 300 Mitglieder zählt
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Es gibt doch nun einmal Männer und Frauen. Worüber muss man da nachdenken?", entgegnete mir einst ein Student im Einführungsseminar in Geschlechterforschung. Zunächst war ihm nicht einsichtig, warum Geschlechterforschung Teil seines Soziologiestudiums sein sollte. Spontan würde vielleicht die Mehrzahl von uns dieser Feststellung zustimmen und auch annehmen, dass spezifische Merkmale jeweils allen Männern und Frauen gemeinsam sind. Und wir leben gemeinhin sehr gut mit der "Wahrheit" Zweigeschlechtlichkeit. Hilft sie uns doch, Männern wie Frauen, unseren Platz zu finden, und was wir zu tun haben. Genau dafür, so die Historikerin Karin Hausen, wurden die bipolaren "Geschlechtscharaktere" an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auch erfunden. Neu daran war der Wechsel des Bezugssystems. An die Stelle der sozialen Standesdefinitionen traten personenbezogene Charakterdefinitionen. Dieses Zuordnungsprinzip war universal. Noch heute findet es sein Echo in jenen Publikationen, die uns allenthalben Wahrheiten verkünden wie "Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören".

Aber auch in aktuellen Debatten beispielsweise um eine Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte von Börsenunternehmen oder um die Steigerung des Frauenanteils in MINT-Studienfächern finden sich wirkmächtige Spuren jener geschlechtlich-stereotypisierenden Versämtlichung: Oft genug ist hier ebenso selbstverständlich von mangelnder Führungskraft der Frauen die Rede wie von einem angeblich schlechteren räumlichen Vorstellungsvermögen, weshalb ihnen der Maschinenbau ein Mysterium bleiben müsse.

Nun sind solche Versämtlichungen nicht neu. Mit permanent modernisierten vielfältigen Bildern von Männlichkeit und Weiblichkeit reagieren moderne Gesellschaften seit jeher auf Veränderungen, um ihre strukturelle Stabilität zu wahren. Doch so sehr die Bilderproduktion sich auch modernisieren mag, ein Gebot gilt es zu beachten: Männer und Frauen unterscheiden sich in jedem Fall und dürfen keinesfalls als gleich wahrgenommen werden. Die US-amerikanische feministische Kulturanthropologin Gayle Rubin prägte dafür den Begriff "sameness taboo".

Zur Ressource für die Konstruktion des geschlechtlichen Unterschieds taugt dabei fast alles. Auch Technik. Die feministische Technikforschung konnte zeigen, dass sie bis heute, parallel zum wachsenden Gleichheitsanspruch, ein wichtiges Medium zur Aufführung des Geschlechtsunterschieds blieb. Wie Geschlecht Technik, deren Produktion und Aneignung, strukturiert und wie wiederum Techniken und Technisierung Geschlecht als soziales Konstrukt und geschlechtliche Identität imprägnieren, ist daher eine der vordringlichsten Fragen der Geschlechterforschung. Und es ist im Zeitalter der technowissenschaftlichen Möblierung der Welt, in der Technik mehr denn je mitbestimmt, wie in Gesellschaften gelebt und gehandelt wird, eine zwar nahezu unabschließbare Aufgabe, indes eine, die das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin angenommen hat.

Das Jubiläum wird am 18. November ab 16 Uhr im TU-Lichthof mit einer Vortrags- und Konzertveranstaltung gefeiert.

Prof. Dr. Sabine Hark, Leiterin des TU-Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 11/2011

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