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Standpunkte

Lärm ist nicht gleich Lärm

Freitag, 14. Oktober 2011

Psychoakustik und Soundscape-Forschung setzen neue Standards — einer heißt Partizipation. Ein Beispiel ist Berlin-Schönefeld

Ansicht einer Lärmmessungen mit
Akustik-Kunst-Kopf am Großen Stern in Berlin
Lärmmessungen mit Akustik-Kunst-Kopf am Großen Stern in Berlin
Lupe [1]

von Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp

"… Die Betreibergesellschaften hatten sich bereit erklärt … betroffene Gebiete noch stärker gegen Fluglärm zu schützen. Schallschutzfenster sollen unter anderem dafür sorgen, dass die Belastung auf ein Minimum reduziert wird …" 

Wenn es um Lärmschutz geht, dann werden Pegel reduziert, häufig werden Schallschutzfenster oder Fahrbahnreduzierungen ins Spiel gebracht, aber die Reduktion des Pegels kann immer nur eine Teillösung sein. Lärmschutz ist nicht gleich Pegelreduzierung.

Lärm hat viele Facetten und trifft Menschen unterschiedlich, nicht nur, wenn sie sich in unterschiedlicher Distanz von der Quelle befinden, sondern weil Geräusche unterschiedlich wahrgenommen und empfunden werden. Nach Angaben der Europäischen Kommission sind 80 Millionen Menschen Umweltgeräuschen ausgesetzt, die belästigen, den Schlaf stören und nachhaltige Gesundheitsschäden befürchten lassen. Hinzu kommt, dass in Europa mehr als 30 Millionen Menschen in ihrer Arbeitssituation stark mit Schall belastet sind. Etwa 20 Prozent aller Menschen in Westeuropa sind Geräuschen ausgesetzt, die insbesondere das Wohlbefinden stören und nachhaltige Effekte auf das kardiovaskuläre und psychophysiologische System provozieren. Die Schädlichkeit der Geräusche lässt sich aber nicht nur an ihren Pegeln messen.

Seit den 70er-Jahren ist es Gegenstand der Lärmwirkungsforschung, die Beeinträchtigung durch Umweltgeräusche zu beurteilen, und zwar in nationalen und internationalen Studien. In der Praxis gibt es Schwierigkeiten, den Klagen der Betroffenen gerecht zu werden; ganz offensichtlich reicht die Dezibel-A-Bewertung vielfach nicht aus, um die beanstandeten Probleme zu lösen, manchmal sogar nicht einmal, sie zu detektieren. Diese Frequenzbewertung wird häufig im Lärmschutz zur Beurteilung herangezogen. Ende der 90er-Jahre rückt die Auseinandersetzung mit Lärm sukzessive unter dem Aspekt seiner Wirkungen immer mehr in den Fokus der Forschung. Gleichzeitig wird sie auch Gegenstand politischer Verhandlungen, die sich über die "Future Noise Policy" Ende der 90er-Jahre dann 2002 in der Environmental Noise Directive "END 2002/49/EC" manifestieren. Die Umgebungslärmrichtlinie, die derzeit umgesetzt wird, und weitere Aktionspläne sind die Ergebnisse.

Beigetragen haben dazu viele Faktoren: sogenannte multisektorielle Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeitsprüfungen, wo zum Beispiel Messungen der Luftbelastung oder die Dichte der jeweiligen Bebauung eine Rolle spielen. Weitere Faktoren sind die Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung, Bürgerbeteiligungen, die Anerkennung des Bedarfs von Ruhezonen, das Ausweisen von "sensiblen Gebieten" und das Design von "entwicklungsunterstützender Umwelt", beispielsweise die Einrichtung von Grünanlagen. Die "Zauberformel" Lärmkartierung hat schnell gezeigt, dass die sogenannten Lärmkarten nur "Dezibel (A)-Kartierungen" sind; das heißt, die Strategien zur Problemlösung werden einzig auf die Reduzierung von Schallpegeln verengt. Integrative Forschungsstrategien in Psychoakustik und Soundscape-Forschung setzen dagegen neue Akzente.

Lärm: "Hörschall, der die Ursache für Belästigungen, Beeinträchtigungen oder gar Schäden sein kann"

Die Vielfältigkeit der Definition von Lärm hat Überschneidungen und definitiv eine Gemeinsamkeit: Lärm ist keine Pegelgröße, Lärm ist ein psychophysikalischer Begriff und beschreibt eine Reaktion auf einen und mehrere Schalleinträge, die durch diverse Moderatoren beeinflusst wird. Dabei sind Geräusche, denen man Lärmhaltigkeit zuschreibt, unerwünschte Geräusche, die auch laut sein können, aber es nicht müssen, und, und das ist bedeutend: Sie stören und mindern die Lebensqualität. Geräusche, die als Lärm klassifiziert werden, sind also zu untersuchen bezogen auf ihre akustischen Charakteristika und den Kontext, in dem sie auftreten.

Lärmwirkungen: "Beim Lärm gehören immer zwei dazu: ein Geräusch und ein Bewusstsein, das dieses Geräusch wahrnimmt und darauf reagiert"

Als wesentlich ist für die Betrachtung oder Vorhersagemöglichkeit von Wirkungen zu beachten - und hier greift auch wieder die Vielfältigkeit von "Lärm" -, dass maximal ein Drittel der Varianz von Belästigungsurteilen durch akustische Kenngrößen erklärt werden kann, erst die Aufklärung der Moderatoren kann den Zusammenhang von Geräusch und Belastung durch das Geräusch leisten. Die Lärmwirkungsforschung betrachtet situative, personale und soziale Faktoren, die die Wirkung der akustischen Belastung moderieren. Nationale und internationale Untersuchen zeigen, dass der Zeitpunkt der akustischen Belastung der dominante Moderator ist. Weiterhin hängt die Belastung durch Geräusche davon ab, wie oft ein Geräusch auftritt und welche Handlungen es unterbricht, ob es bekannt ist und ob das Auftreten des Geräusches kontrollierbar ist.

Geräusche, die stören, umgeben den Menschen Tag und Nacht. Die Datenlage zeigt, dass sich die Belastung durch Geräusche in den letzten Jahren nicht verbessert hat, sie hat vielmehr zugenommen. Wesentlich ist, dass es nicht nur die Lautstärke eines Geräusches ist, die stört, sondern ganz offensichtlich sind es die einzelnen Charakterbeiträge zu eine Geräusch, die ein Geräusch angenehm oder unerträglich machen. Die Lärmwirkungsforschung benennt die kritischen Beiträge von Geräuschen, die zur Gefährdung der Gesundheit führen. Die psychologischen und soziologischen Analysen zeigen die Parameterkonstellationen, die über Moderatorenkonzepte gesteuert zur Akzeptanz oder Ablehnung beitragen. Insbesondere zeigen sie, dass diese Akzeptanz und Ablehnung in einem jeweils spezifischen Kontext stehen. Neue Untersuchungen zeigen, dass lärmbezogene Erkrankungen auch durch Nichtbeachtung der Probleme durch politische Entscheidungsträger entstehen beziehungsweise verstärkt werden können.

Psychoakustik: Sie stellt das subjektive Hörempfinden in den Mittelpunkt

Die Grundlage psychoakustischer Untersuchungen ist die binaurale Signalverarbeitung. Die Verwendung binauraler Aufnahmetechnik mit Hilfe eines Kunstkopfes gewährleistet die gehörrichtige Wiedergabe der gemessenen Geräuschereignisse unter Einbeziehung eines Auswertealgorithmus, der mit dem menschlichen Gehör vergleichbar ist. Die psychoakustischen Parameter (Lautheit, Schärfe, Rauigkeit, Schwankungsstärke) tragen zur adäquaten Analyse bei. Soweit Standards zur Berechnung spezifischer akustischer Parameter existieren - zum Beispiel DIN-Normen -, werden diese zur Berechnung der jeweiligen Größen herangezogen. Sie fördern die passende Bewertung von komplexen Geräuschumgebungen und ermöglichen spezifisch bedarfszugeschnittene Interventionsmaßnahmen.

Soundscape: Das ist nicht nur einfach die Umgebung des Geräusches, vor allem bezieht der Begriff die Art und Weise ein, wie es vom Individuum oder von der Gesellschaft wahrgenommen und verstanden wird

Die Soundscape-Forschung, initiiert durch den kanadischen Komponisten Murray Schafer, hat seit Ende der 90er-Jahre Einfluss auf die Community-Noise-Forschung, sie richtet sich auf die Erforschung und Verbesserung der Beziehung zwischen dem "Hörraum" und der Lebenswelt. Die akustische Umwelt wird zum Vermittler zwischen Menschen, ihren Aktivitäten und der übrigen Umwelt. Abhängig von der "akustischen Färbung" durch die weitere Umwelt schaffen Geräuschquellen "Bedeutungen" für diejenigen, die diesen ausgesetzt sind.

Die Soundscape-Forschung bezieht die akustischen, aber auch die sensorischen, ästhetischen, geografischen, sozialen, psychologischen und kulturellen Modalitäten im Kontext menschlicher Tätigkeiten im Koordinatenfeld von Raum, Zeit und Gesellschaft ein. Die Soundscape-Forschung zielt in ihrer Anwendung auf die Kooperation mit den beteiligten Betroffenen und insbesondere auf die Kooperation mit Gemeinden und Kommunen und hilft entschieden, sektorielle Barrieren zu überwinden.

Wesentlich ist: Geräuschaufkommen typisieren Umgebungen akustisch, und längere Lebenszeiten in Wohnumgebungen beeinflussen die Akzeptanz der akustischen Umgebung, visuelle Parameter und Landschaftsparameter beeinflussen das Wohlbefinden in der akustischen Umgebung.

Die Soundscape-Forschung hat sich in Verbundprojekten national und international etabliert, unter anderem in einem der größten Verbundprojekte in Europa, in der "COST Action TD0804 Soundscape of European Cities and Landscapes", und wurde bereits international standardisiert.

Durch die Verfahrens- und Beteiligungsgerechtigkeit, insbesondere durch die kooperative Herangehensweise und die systematische und gezielte Integration der Betroffenen, können interaktive Maßnahmen entwickelt werden, um die Gesundheit und das Wohlbefinden in Untersuchungsgebieten nachhaltig zu steigern. Ein aktuelles Berliner Beispiel für das Aktionsmodell "Partizipation" nach dem Soundscape-Ansatz ist die Einführung des "Runden Tisches Lärm", der in dem kritischen Gebiet rund um den Flughafen Schönefeld etabliert wurde. Dort wird deutlich, dass Lärm nicht durch bloße Pegelreduzierung bekämpft werden kann, sondern die Arbeit mit Betroffenen, den sogenannten lokalen Expertinnen und Experten, unabdingbar ist, um interdisziplinär Strategien entwickeln und akzeptable Maßnahmen zum Schallschutz gewährleisten zu können. Dieses Aktionsmodell gilt als neue Richtlinie. Lärmschutz wird so zum handlungsorientierten Austausch von Wissen der diversen Expertengruppen.

Die Autorin

Portaitansicht von Prof. Dr. Brigitte
Schulte-Fortkamp, TU Berlin
Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp
Lupe [2]

Sie ist Mitglied des Institute of Noise Control Engineering of the USA (INCE). Prof. Schulte-Fortkamp ist Fellow der weltgrößten Akustischen Gesellschaft, der Acoustical Society of America (ASA), deren Vize-Präsidentin sie 2011 und 2012 ist. Außerdem ist sie als Associate Editor des Journal of the Acoustical Society of America tätig. Weitere Funktionen in Europa sind unter anderem Cochair des Europäischen Komitees COST Action TD 082011-201204 "Soundscape of European Cities and Landscapes", Mitglied im "ISO/TC 43/SC 1/WG 54 - Perceptual assessment of soundscape quality" und Cochair der "WG3" im BMBF-Projekt DyNASS. Unter anderem war sie Forschungsprofessorin am MIT Boston, der OSAKA University und der Université Pierre et Marie Curie in Paris.

b.schulte-fortkamp@tu-berlin.de [3]

Brigitte Schulte-Fortkamp / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 10/2011

"TU intern" Oktober 2011

  • Online-Inhaltsverzeichnis [4]
  • Hochschulzeitung "TU intern" - Oktober 2011 [5]
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