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TU Berlin

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Standpunkte

Schützt die Mauerreste - bevor die Investoren kommen!

Donnerstag, 14. Juli 2011

Jahrestag sollte Anlass sein, die unzähligen sprechenden Reste des Grenzregimes zu erhalten - Appell an Berlins Politiker

von Johannes Cramer und Tobias Rütenik

Berliner Mauer
East Side Gallery am Ostbahnhof
Lupe

Vor 50 Jahren wurde Berlin geteilt und von seinem Umland abgeriegelt. Erst durch Zäune, später durch Mauern, noch später durch ein ganzes Labyrinth unterschiedlicher Hindernisse, die ein Flüchtender hätte überwinden müssen und immer weniger überwinden konnte. Der Versuch kostete mehr als 100 Menschen das Leben und brachte Tausende ins Gefängnis. Die Berliner Mauer war das Synonym des Kalten Krieges und der Beweis für ein gescheitertes Gesellschaftssystem. Sie symbolisierte eine ganze Epoche und ist damit ein wichtiges zeitgeschichtliches Denkmal. Vor 22 Jahren ist die Mauer gefallen. Und darüber freuen sich alle.

Obwohl der Mauerfall nur ein paar Jahre zurückliegt, wissen wir heute nur noch wenig und nichts Genaues über dieses Bauwerk des Schreckens. Entgegen den Warnungen vieler Fachleute und den Mahnungen manch hellsichtigen Politikers wurde die Mauer bis zum Herbst 1990 komplett abgebaut. Heute zeugen nur noch Fragmente von dem menschenverachtenden Grenzregime. Der interessierte Berlin-Bewohner oder Tourist hat kaum noch die Chance, zu verstehen, wie die Stadt vor dem 9. November 1989 funktionierte. Mit unbefangenem Blick sieht man hier und dort einige Betonfertigteile, die zur Dekoration des öffentlichen Stadtraums aufgestellt wurden.

Die Berliner Mauer war nur auf einem kleinen Teil der 150 Kilometer langen Grenze rund um West-Berlin tatsächlich eine massive Mauer. Auf zwei Dritteln der Gesamtgrenze war und blieb sie ein Zaun, später eine Folge von Zäunen. Und was wir heute als "Berliner Mauer" bezeichnen, war vom Herbst 1961 bis zum Mauerfall ein immer weiter ausgebautes und tief gestaffeltes Grenzregime, das aus einer zunehmenden Zahl von Hindernissen in einer zunehmenden technischen Verfeinerung bestand.

Fünf zentrale Positionen

Virtuelle Darstellung der damaligen Grenzanlagen an der Berliner Mauer
Virtuelle Darstellung der damaligen Grenzanlagen an der Berliner Mauer
Lupe

Die Entscheidungsprozesse hinter diesen Veränderungen und deren technische Umsetzung blieben trotz einer großen Zahl von zeithistorischen Untersuchungen und noch mehr Bildbänden zum Thema bisher weitgehend unbekannt. Das hat sich mit der Vorlage unserer "Baugeschichte der Berliner Mauer" geändert. Die in den letzten zehn Jahren durchgeführte Untersuchung fokussiert nicht nur auf die Teilung der beiden Stadthälften, sondern erstmals auf die gesamte Grenze rund um West-Berlin. Die aufeinander folgenden Ausbaustufen wurden mit den bewährten Methoden der historischen Sachforschung untersucht: Archäologie, Bauforschung, Inventarisation und Quellenauswertung, die in grafische Darstellungen und virtuelle Rekonstruktionen münden - nicht anders als für eine antike oder mittelalterliche Stadtmauer.

Als Ergebnis dieser Forschung müssen fünf zentrale Positionen zur Baugeschichte der Berliner Mauer korrigiert werden:

  • Erstens gab es nicht vier Generationen der Mauer, sondern deren sechs. Auf den Drahtzaun des 13.August folgte die Mauer aus Betonblöcken, die durch die Panzermauer aus geschichteten Betonplatten abgelöst werden sollte, um die Grenze auch für schwere Fahrzeuge durchbruchsicher zu machen. Diese Bauweise war für die Grenztruppen bis in die Mitte der Sechzigerjahre die ideale Grenzmauer. Ihre Realisierung scheiterte nur an dem immensen Materialaufwand. Auf einer solchen Mauer feierten die Menschen am 9. November 1989 den Mauerfall. Die Grenzmauer der vierten Ausbaustufe (1966-1970) ist durch Betonplatten charakterisiert, die der fünften durch Fertigteile aus Beton (Grenzmauer 75). Die sechste, erst jetzt erkannte Ausbaustufe ist seit 1982 durch die "optisch-humanitäre Verschönerung" der Grenzanlagen gekennzeichnet.
  • Zweitens: Wirkliche Systemsprünge gab es eigentlich nur zweimal. Bis 1966 wurde die Grenze situativ befestigt mit Baumaterial, das fast willkürlich aus unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen abgezogen wurde. Erst das Grenzsicherungsprogramm 1966-1970 forderte einen einheitlichen Systemausbau mit zum Teil eigens für die Grenze hergestellten Bauteilen. Die Verwendung von Betonfertigteilen, die von 1975 bis 1989 die Wahrnehmung der Grenzmauer bestimmten, ist hier nur eine technisch-operative Optimierung, keine wirkliche Neuerung. Erst die sechste, neu erkannte Ausbaustufe bringt mit der weit in das Ostberliner Stadtgebiet hinein ausgeweiteten Tiefensicherung noch einmal eine Steigerung des Schreckens.
  • Drittens kann man jede dieser Lösungen nur verstehen, wenn man die Gesamtheit der Grenzanlagen mit allen ihren perfiden Einzelheiten in den Blick nimmt. Die Sicht auf die Grenzmauer ist die Sicht des West-Bürgers. Der DDR-Bürger musste bis zu 15 unterschiedliche Hindernisse überwinden, bevor er den Westen erreicht hatte. Man muss also den Blick von der Grenzmauer ab- und dem Grenzstreifen zuwenden. In diesem patrouillierten nicht nur die Grenzsoldaten, sondern auch scharfe Hunde. Hier waren elektrisch geladene Zäune aufgebaut und ein kompliziertes Meldesystem installiert, das die Soldaten in die Lage versetzte, Fluchtversuche sofort zu erkennen und von einem der zahllosen Beobachtungstürme aus auf die Flüchtenden zu schießen. Eine Folge von fast beliebig vielen und mehr als drei Meter hohen Zäunen, Doppelzäunen und Mauern auf beiden Seiten der Grenze vereitelte jeden Fluchtversuch, und der Durchbruch mit Fahrzeugen wurde von Höckersperren aus geschweißten Eisenbahnschienen und tiefen Gräben unmöglich gemacht. Der Grenzstreifen und zuletzt auch sein Vorfeld nach Ost-Berlin hin waren durch Lampen taghell erleuchtet. Verstecken konnte sich da niemand.
  • Viertens gab es niemals die perfekte, nach neuester Erkenntnis modernisierte Grenze. Die theoretische Entwicklung neuer Grenzsysteme war den tatsächlichen Baumaßnahmen immer weit voraus. Als 1990 die Grenze beseitigt wurde, waren weite Strecken der Grenzanlagen noch in dem in den Sechzigerjahren geplanten und gebauten Zustand, teils standen noch die Zäune und Panzermauern des Jahres 1961.
  • Fünftens schließlich gehörte zum Grenzregime eine umfangreiche Infrastruktur aus Kasernen und weiteren Bauten, die von den Grenztruppen genutzt wurden, aus Produktionsbetrieben, welche die Mauerteile produzierten und vieles mehr.

Von alledem ist heute keine Rede mehr. Die Wahrnehmung der Berliner Mauer ist auf die Reste der Grenzmauer, in einigen Fällen auch der Hinterlandsicherungsmauer reduziert. Und das ist falsch.

Der laufende Ausbau der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße mit einer bemerkenswerten Zahl authentischer Sachzeugnisse kann daran nur wenig ändern.

Unser Projekt hat gezeigt, dass es über die wenigen derzeit denkmalgeschützten Mauerreste hinaus auf der langen Strecke von 150 Kilometern Grenze rund um West-Berlin noch unzählige sprechende Reste des Grenzregimes gibt, die zwar nur zufällig überlebt haben, aber gleichwohl für das Verständnis unserer jüngsten Geschichte unverzichtbar sind. Dass sie fortgesetzt verschwinden, weil niemand sie für wichtig hält, ist ein wirklicher Fehler, der so bald wie möglich korrigiert werden muss.

Fragile Bestandteile des Grenzregimes unter Schutz stellen

Der 13. August 2011, der 50. Jahrestag der Teilung Berlins, sollte Veranlassung sein, noch einmal und noch gründlicher darüber nachzudenken, was konkret von der Grenze rund um West-Berlin erhalten und dem interessierten Besucher erklärt werden muss, um zukünftigen Generationen das Verständnis für dieses Phänomen der Zeitgeschichte zu ermöglichen und zu erhalten. Willkürliche und überflüssige Zerstörungen, wie sie etwa für die Erschließung der O2-Arena willfährig genehmigt wurden, müssen zukünftig unterbleiben. Restaurierungen müssen diesen Namen verdienen. Die Maßnahme an der "East Side Gallery" am Ostbahnhof erfüllt diese Voraussetzung nicht. Die Gestaltung des öffentlichen Raums muss den Schrecken, den die Grenze für jeden wahrnehmbar verbreitete, heute und auch in Zukunft transportieren. Die grüne Rasenfläche der Gedenklandschaft an der Bernauer Straße kann das kaum. Vor allem aber müssen all jene fragilen Bestandteile des Grenzregimes unter Schutz gestellt werden, die tatsächlich den größten Teil der Grenzanlagen ausmachten und die heute fast vollständig vergessen und verschwunden sind: die Draht- und Gitterzäune, die Höckersperren, die Grenzgeländer, die Laternen und Wandleuchten der Lichttrasse, die Reste der technischen Melde-Einrichtungen oder auch die geheimnisvollen Dachkämmerchen. Alles das hat heute nur deswegen zufällig überlebt, weil die Investitionen noch nicht in diese Winkel des Grenzstreifens vorgedrungen sind. Das wird aber demnächst passieren. Es ist die Verantwortung der Berliner, den Verlust dieser sprechenden Sachzeugnisse zu verhindern. Die TU Berlin hat mit ihrem Projekt für eine solche Neubewertung eine Grundlage geschaffen. Jetzt ist es an der Politik, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Johannes Cramer, Tobias Rütenik, Philipp Speiser, Gabri van Tussenbroek, Peter Boeger: Die Baugeschichte der Berliner Mauer
447 Seiten, 475 meist farbige Fotos
Petersberg (Michael Imhof Verlag) 2011
69 Euro

Autor

Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße, Berlin Mitte
Lupe

Prof. Dr.-Ing. Johannes Cramer ist Leiter des Fachgebiets Baugeschichte und Stadtbaugeschichte im Institut für Architektur der TU Berlin. Im Foto: an der Gedenkstätte Berliner Mauer, Bernauer Straße, Berlin-Mitte

Quelle: "TU intern", 7/2011

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