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TU Berlin

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Forschung

"Die Risiken erhöhen sich gravierend, je länger wir zögern"

Freitag, 17. Juni 2011

Es gibt kaum Einwände gegen die erneuerbaren Energien, doch keiner weiß, wie der Umbau zu bewerkstelligen ist

Podiumsdiskussion über die Zukunft der Energie im TU-Audimax
Podiumsdiskussion über die Zukunft der Energie im TU-Audimax (v. l.): Moderator Oliver Morton, The Economist, Geoffrey Heal, Professor of Public Policy and Corporate Responsibility, Columbia University, New York, Ottmar Edenhofer, Co-Chair der IPCC-Arbeit
Lupe

Herr Prof. Edenhofer, Sie sind Vorsitzender der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats, die den in Abu Dhabi am 9. Mai 2011 verabschiedeten 1000 Seiten starken Sonderbericht zur Rolle der erneuerbaren Energien bei der Vermeidung des Klimawandels, SRREN, vorgelegt hat. Beteiligt sind 194 Mitgliedsstaaten. Wie bekommt man die unterschiedlichen Interessen dieser Länder unter einen Hut?

Das ist die große Herausforderung der Plenarsitzungen des IPCC. Dort gilt der Grundsatz, dass es so lange keine Einigung gibt, bis jeder zustimmt. Zwar haben wir in Abu Dhabi nicht etwa über ein international bindendes Klimaabkommen verhandelt, sondern lediglich über die Formulierungen der Zusammenfassung unseres Berichts für Entscheidungsträger. Wie hart selbst dabei verhandelt wurde, mag man daran erkennen, dass der letzte Verhandlungstag durch die ganze Nacht bis zum Mittag des Folgetages ausgedehnt wurde.

In der Presse war zum Beispiel zu lesen, Brasilien habe hart darum gerungen, dass in der politischen Zusammenfassung des Berichts ein Hinweis auf die Regenwaldabholzung zur Umwandlung von Naturlandschaften in Ackerflächen für Biotreibstoffe getilgt werde, die ja für die Reduzierung der CO2-Emissionen kontraproduktiv ist. Den arabischen Ölstaaten wiederum sei die ausführliche Darstellung der technischen und wirtschaftlichen Potenziale erneuerbarer Energien ein Dorn im Auge gewesen. Wer behält schließlich die Oberhand: Politik oder Wissenschaft?

Die Zusammenfassung für Entscheidungsträger ist ein Dokument, das von allen Regierungsvertretern akzeptiert wurde und mitgetragen wird. In den Verhandlungen darüber war letztlich immer der wissenschaftliche Sachstand ausschlaggebend. Der Spielraum für Änderungen und auch Gewichtungen ist für die Regierungen begrenzt, da auch sie sich nicht über den wissenschaftlichen Sachstand hinwegsetzen können. Das ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Dennoch, wer sich umfassend informieren möchte, sollte nicht nur die Zusammenfassung lesen, sondern auch die zugrunde liegenden Kapitel, die allein von den Autoren verfasst wurden.

Welches sind aus Ihrer Sicht und nach Ihrer Erfahrung die größten Kurzsichtigkeiten beziehungsweise die gefährlichsten Egoismen?

Der IPCC ist ein wissenschaftliches Gremium. Wir legen unsere Klima- und Sonderberichte mit dem Ziel vor, die Öffentlichkeit und speziell politische Entscheidungsträger darüber zu informieren, welche Möglichkeit es gibt, mit dem Klimaproblem vernünftig umzugehen. Wir wollen darüber aufklären, welche Konsequenzen Entscheidungen haben. Dabei ist die größte Gefahr, dass die Politiker das Klimaproblem unterschätzen, das ohne globale Zusammenarbeit nicht gelöst werden kann. Doch diese Kooperation kommt bislang nicht zustande, auch aufgrund der Einzelinteressen weniger Staaten. Und zurzeit ist völlig offen, ob sich das bald ändert. Dass sich Risiken des Klimawandels gravierend erhöhen werden, je länger wir zögern, ist dagegen als sicher anzusehen.

Auch Umweltminister Norbert Röttgen bedankte sich im Namen der Bundesregierung bei Ihnen für die in der IPCC-Arbeitsgruppe geleistete Arbeit und wies darauf hin, wie hart und langwierig der Diskussionsprozess ist, um zu den Ergebnissen zu kommen. Welches sind die größten Schwierigkeiten?

Wir haben für diesen Bericht Autoren zusammengebracht, die Experten auf ihren Gebieten sind, etwa Spezialisten für Geothermie, Bioenergie oder Windenergie. Es ist jedoch unsere Aufgabe, das Gesamtbild einer Landkarte zu entwerfen, die den Entscheidungsträgern eine Orientierung in einem unwegsamen Gelände erlaubt. Der Entwurf solcher Landkarten ist eine ungeheure Anstrengung, und genau das ist der Wert der Arbeit des IPCC. In diesem Sinne wurde für den neuen Bericht auch echte Pionierarbeit geleistet.

Für den Bericht haben Sie 164 Szenarien untersucht. Es gibt dabei Szenarien, die den Preis der erneuerbaren Energien durchaus als konkurrenzfähig ansehen. Warum gibt es weltweit trotzdem so große Widerstände und wie spiegelten sie sich in der Arbeitsgruppe wider?

Meine Erfahrung ist eine andere. Erneuerbare sind in aller Munde, weltweit, und es gibt wirklich fast niemanden, der grundsätzliche Einwände dagegen vorbringt, den Anteil der Erneuerbaren an der Energieversorgung deutlich zu erhöhen. Allerdings gibt es bislang auch niemanden, der weiß, wie das zu bewerkstelligen ist. Gerade im entscheidenden Bereich der Integration, also der Einbindung erneuerbarer Energiequellen und der Erhöhung ihres Anteils auf Werte über 50 Prozent, gibt es noch sehr viele offene Fragen. Unser Bericht zeigt viele dieser Wissenslücken auf, aber beantworten müssen diese Fragen neue Forschungs- und Pilotprojekte in der Praxis.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 6/2011

"Es wird kein Spaziergang. Machen wir uns auf den Weg!"

Über 2000 Menschen verfolgten die Präsentation des Weltklimarat-Sonderberichts an der TU Berlin

Schon 2050 könnten erneuerbare Energien rund drei Viertel des weltweiten Energiebedarfs liefern, viele der Alternativen sind bereits heute wettbewerbsfähig, sie können den Treibhausgasausstoß um bis zu einem Drittel senken. Das sind einige der wichtigsten Ergebnisse aus dem Sonderbericht der Arbeitsgruppe III des Weltklimarats (IPCC), der am 16. Mai in der TU Berlin vorgestellt wurde. Mehr als 2000 Menschen im Audimax und im gegenüberliegenden Hörsaal, in den die Veranstaltung übertragen wurde, folgten gebannt den Ausführungen Prof. Dr. Ottmar Edenhofers vom TU-Fachgebiet "Ökonomie des Klimawandels", Chefvolkswirt des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Co-Chair des IPCC-Berichts "Special Report on Renewable Energy Sources and Climate Change Mitigation" (SRREN). Der Bericht, für dessen Erstellung die internationale Arbeitsgruppe zwei Jahre benötigte und der 164 wissenschaftliche Szenarien von politischen Entwicklungen zur Minimierung von Treibhausgasen auswertete, stellt eine umfassende Bestandsaufnahme des aktuell verfügbaren Wissens zu diesem Problem dar. Gleich zwei Bundesminister, Prof. Dr. Annette Schavan (Forschung und Bildung) sowie Dr. Norbert Röttgen (Umwelt), ließen es sich nicht nehmen, ins TU-Audimax zu kommen, um für den Bericht zu danken und darzustellen, in welcher Weise ihre Ministerien zur Vermeidung des Klimawandels beizutragen gedenken. Es werde, darauf wies Ottmar Edenhofer hin, obwohl die Investitionen sich durch den Technologiefortschritt langfristig für alle rechnen würden, eine große Herausforderung sein, die Aktivitäten und Pläne zur Erreichung dieses großen Ziels international zu koordinieren und eventuelle Zweifler zu überzeugen. Wissenschaftler könnten den Weg weisen, ihn zu beschreiten, das müsse man allerdings der Politik überlassen.

"Es wird kein Spaziergang sein", machte dann auch Umweltminister Röttgen deutlich. Insbesondere müsse daran gearbeitet werden, die Kosten nicht kurzfristig zu bilanzieren, sondern die nächsten 50 bis 60 Jahre im Blick zu haben. Politik, Wirtschaft und Wissenschaft müssten gemeinsam intelligente Lösungen für die Energieversorgung der Zukunft suchen und gemeinsam an einer neuen Weltordnungspolitik arbeiten.

Politik trage die Verantwortung für öffentliche Güter und Werte. Energie gehöre dazu, stellte Bundesforschungsministerin Annette Schavan fest. Sie forderte die Bereitschaft zu Veränderungen von der Gesamtgesellschaft ein. Insbesondere Wissenschaft, Politik und Wirtschaft müssten zusammenarbeiten, um zu einer "mentalen Zukunftsfähigkeit" zu kommen, die Forschungsbemühungen in Technologie und Soziologie dazu müssten verstärkt werden. An einer anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Oliver Morton vom "Economist", nahmen neben Ottmar Edenhofer die Professoren Geoffrey Heal (Columbia-Universität, New York), Carlo Carraro (Universität Venedig) und Christian von Hirschhausen (TU Berlin) teil. Insbesondere die Herausforderung, neue Politikinstrumente zu schaffen, war hier das Thema. Die Vorhersehbarkeit von Bedarf sei notwendig, um Kosten und Nutzen zu beurteilen. Wichtiges Ziel, darüber waren sich die Diskutanten einig, sei es, auch denjenigen einen Zugang zu Energie zu verschaffen, die derzeit keinen haben - etwa 1,4 Milliarden Menschen. Dafür seien große diplomatische Anstrengungen erforderlich. Alle Länder müssten dafür in ein Netzwerk integriert werden.

Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Mercator-Stiftung. Der Bericht selbst, eine Fotogalerie sowie ein TV-Mitschnitt der Veranstaltung stehen online zur Verfügung.

pp / Quelle: "TU intern", 6/2011

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