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TU Berlin

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Standpunkte

Unabhängig von einer Pirouetten-Politik

Dienstag, 05. April 2011

Georg Erdmann über Atomausstieg, unbeständiges Regieren und eine dezentrale Energieversorgung in Deutschland

Herr Professor Erdmann, warum halten die Energiekonzerne E.on, EnBW, RWE und Vattenfall an der Atomenergie fest – weil ohne Atomkraft die Energieversorgung in Deutschland nicht gesichert werden oder weil man mit ihr gut Geld verdienen kann?

Georg Erdmann leitet das Fachgebiet Energiesysteme an der TU Berlin. Er ist Präsident der International Association for Energy Economics (IAEE)
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Nun, man muss auch „gut Geld“ verdienen können, sonst gibt es in der Marktwirtschaft kein Angebot – das gilt auch für Strom. In Süddeutschland stehen die meisten Atomkraftwerke. Wenn man aus der Atomenergie aussteigen will, muss die Frage beantwortet werden, wie Süddeutschland mit Strom versorgt werden soll. Photovoltaik ist eine Möglichkeit, weil die Bedingungen dort dafür deutschlandweit günstig sind. Aber die Sonne scheint nur am Tag, nicht in der Nacht. Da könnte man künftig vielleicht Windkraft aus der Nord- und Ostsee beziehen. Doch dazu müssten Leitungen gebaut werden. Der Leitungsbau funktioniert in Deutschland aber nicht so recht wegen der fehlenden Akzeptanz in der Bevölkerung. Man muss durch Regionen, wo die Menschen keine Vorteile vom Ausbau des Hochspannungsnetzes haben. Und dann weht manchmal auch an Nord- und Ostsee kein Wind. Es braucht also auch noch Back-up-Kapazitäten. Angesichts dessen müssen sich die Stromversorger Gedanken machen, wie sie eine sichere Stromversorgung garantieren können, und deshalb halten sie an ihren AKWs fest.

Anders gefragt: Ist die Atomenergie in Deutschland verzichtbar?

In den meisten deutschen Atommeilern treten regelmäßig meldepflichtige Störfälle auf – im Bild der Wechsel von Brennelementen im Kernkraftwerk Biblis. Dieses und sechs andere Kernkraftwerke sind zurzeit bis auf Weiteres abgeschaltet
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Man kann auf alles verzichten, muss sich aber der Konsequenzen bewusst sein. Man kann AKWs abstellen. Wenn man aus Klimaschutzgründen dann noch Kohlekraftwerke abstellt, ist der Strom bei Windflauten in den Abendstunden nicht mehr regelmäßig im Netz verfügbar. Für die privaten Haushalte ist ein Abend ohne Fernsehen vielleicht hinnehmbar. Aber zwei Drittel unseres Stroms werden nicht in Haushalten verbraucht, sondern in Gewerbe und Industrie. Die Frage ist, wie die Endverbraucher reagieren werden, wenn Strom nicht fortwährend zur Verfügung steht. Die Antwort könnte ein dezentrales Energieversorgungssystem sein, wobei die Endverbraucher den Strom zunehmend selbst produzieren, wenn er nicht aus dem zentralen Netz fließt.

Eine dezentrale Energieversorgung in Deutschland – das meinen Sie wohl jetzt eher provokativ?

Nein. Bei einer dezentralen Energieversorgung können wir auf den teuren und wenig akzeptierten Netzausbau, auf ebenfalls nicht akzeptierte Atom- und Kohlekraftwerke verzichten. Außerdem benötigen wir dann auch keine CO2-Lagerung in Gesteinsschichten, die hierzulande ebenfalls nicht akzeptiert ist. Wenn es in Deutschland für all das keine Akzeptanz gibt, dann muss man nach einem anderen Weg suchen, den Strombedarf zu decken.

Wie sähe für Sie eine vernünftige Energiepolitik aus, die die Klimaziele beachtet und im Blick hat, dass Deutschland ein hoch entwickeltes Industrieland ist und Energie braucht?

Der Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland wird den Bau von mehr Gaskraftwerken bedeuten. Gas ist derzeit wirtschaftlich interessant. Das Gas käme jedoch vor allem aus Russland, und schon wären wir mit einer weiteren Frage konfrontiert, ob es klug ist, sich in eine entsprechende Abhängigkeit zu begeben. Da in Deutschland mit jedem Regierungswechsel eine andere Energiepolitik betrieben wird und es in der Bevölkerung zurzeit für jede Art der Energieerzeugung ein Akzeptanzproblem gibt, denke ich, dass wir uns in Deutschland in Richtung dezentraler Energieversorgung entwickeln, und zwar auch, um unabhängig von den Pirouetten der nationalen und europäischen Energiepolitik zu werden.

Von den Atomenergie-Befürwortern wird immer die Drohkulisse steigender Energiepreise aufgebaut, wenn bei gleichzeitigem Verzicht auf Kohle- und Atomenergie auf regenerative Energien umgestiegen werde. Mit welchen Kosten müsste der Verbraucher rechnen?

Es könnte zu einer Verdoppelung der Strompreise kommen. Es wird neue Kosten für den Ausbau erneuerbarer Energien, für den Netzausbau, für neue Gaskraftwerke, für die damit verbundenen Brennstoffe sowie für die intelligente Netzsteuerung geben. Zu einem weiteren Kostenfaktor wird die notwendige Stromspeicherung. In meinem Fachgebiet „Energiesysteme“ wurde gerade eine Untersuchung dazu abgeschlossen. Momentan liegen die Herstellungskosten für eine Kilowattstunde Strom aus einer Offshore-Windanlage bei 15 Cent. Um diese Kilowattstunden in volkswirtschaftlich signifikanten Mengen zu speichern und zu Bedarfszeiten bereitzustellen, müssten nach unseren Berechnungen zusätzlich noch rund 30 Cent pro gespeicherte Kilowattstunde aufgewendet werden. Allein die Windstromspeicherung ist also doppelt so teuer wie die Windstromerzeugung selbst. Dies alles zeigt: Wir steuern auf einen Punkt zu, an dem die Eigenerzeugung von Strom günstiger sein könnte als der Bezug aus dem Netz.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche / Quelle: "TU intern", 4/2011

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