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TU Berlin

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Forschung

Zwei Seiten einer Medaille – wer darf was im Netz?

Donnerstag, 17. Februar 2011

Rüdiger Zarnekow über den Streit, Qualitätsklassen für Bits und Bytes im Internet einzuführen

Herr Professor Zarnekow, im Moment wird heftig um Netzneutralität, Netzwerkmanagement und das Priorisieren von Daten im Internet gestritten. Mancher sieht gar die Freiheit des Internets bedroht. Worum geht es im Kern dieser Auseinandersetzung?

Prof. Dr. Rüdiger Zarnekow leitet das Fachgebiet Informations- und Kommunikations- management an der TU Berlin
Lupe

Erstens geht es darum, inwieweit es möglich sein soll, Daten im Internet mit unterschiedlicher Qualität zu transportieren. Man spricht auch von „Quality of Service“, also Dienstqualität. Qualität meint in diesem Zusammenhang vor allem die einem Dienst zur Verfügung stehende Bandbreite und die beim Transport der Daten entstehende Verzögerung, die sogenannte Latenzzeit. Das sind technische Parameter, bei denen unterschiedliche Qualitätsniveaus definiert werden können. Hinsichtlich von Kapazitätsengpässen im Internet spielt auch die Priorisierung der Datenpakete eine Rolle, also ob Daten für eine Videokonferenz mit einer anderen Priorität übertragen werden sollen als Daten für das Aufrufen einer Homepage oder das Versenden einer E-Mail. Im Moment gilt im Internet das Best-Effort-Modell, das heißt, die Netzbetreiber transportieren alle Daten so gut wie möglich. Eine bestimmte Qualität können sie aber nicht garantieren. Dienste-Anbieter und Kunden wiederum haben keine Möglichkeit, unterschiedliche Qualitäten des Datentransports zu nutzen. Zweitens geht es darum, ob regulierend eingegriffen werden soll in Bezug auf die Frage, wer entscheiden darf, ob es Prioritätsklassen geben soll, und wenn ja, welche und wie dieses System im Netz zu gestalten ist. Dabei spielt auch eine Rolle, ob die Eigentümer der Netze dies für ihr Netz selbst entscheiden dürfen oder ob es gesetzliche Vorgaben geben soll. Diskutiert wird also über zwei Seiten einer Medaille – die technische Frage der Qualität und die regulatorische, wer was im Netz darf.

Sie befürworten, dass Daten in unterschiedlicher Qualität transportiert werden, bei Engpässen im Netz auch priorisiert. Warum?

Es ist nicht mehr zeitgemäß, alle Daten über einen Kamm zu scheren. Neue Dienste sind entstanden wie Voice-over-IP, internetbasiertes Fernsehen, Online-Computerspiele oder „Software-as-a-Service“, bei dem ein Dienstleister meine Software betreibt. Sie alle stellen hohe Qualitätsansprüche an Echtzeitübertragung, Zuverlässigkeit und Sicherheit. Eine Videokonferenz hat andere Qualitätsanforderungen als das Anschauen von Filmen im Internet. Der Versand von Röntgenbildern übers Netz stellt nochmals andere Ansprüche als der einer E-Mail. Unternehmen, die sensible Geschäfte über das Internet abwickeln, benötigen eine vertraglich zugesicherte Übertragungsqualität. Die können sie aber gegenwärtig im Internet nicht bekommen. Dennoch gibt es bereits Unterschiede beim Datentransport, obwohl in der Debatte gelegentlich der gegenteilige Eindruck erweckt wird. Es existieren die sogenannten „Content Delivery“-Netzwerke. Inhalte werden in der Nähe des Nutzers abgelegt, damit er schneller auf sie zugreifen kann. Große Anbieter wie Amazon nutzen dies. Die Idee, Datenpakete zu priorisieren, ist im Grunde genommen nur eine weitere Option des differenzierten Datentransportes.

Was beinhaltet das Priorisieren von Daten?

Beim Priorisieren sollen unterschiedliche Qualitätsklassen definiert werden, die unterschiedliche Transporteigenschaften bieten. Kunden und Dienste-Anbieter können sich für eine Qualitätsklasse entscheiden. Es fände also eine Differenzierung auf der Ebene der Daten statt. Datenpakete würden mit einer Wertigkeit versehen. Das gibt es bisher nicht. Das wäre absolut neu. Im Moment haben wir nur indirekte Optimierungsmodelle wie die bereits erwähnten „Content Delivery“-Netzwerke.

Welche wirtschaftlichen Chancen sehen Sie darin, Datenpaketen eine Wertigkeit zuzuordnen, um sie in besserer Qualität im Internet zu transportieren?

Es werden neue Dienste möglich, die bislang im Internet kaum umsetzbar sind. Hierzu zählen zum Beispiel qualitätssensitive Dienste wie die Telemedizin im Gesundheitssektor, hochaufgelöstes Fernsehen, hochqualitative Videokonferenzen oder Supply-Chain-Management, das Lieferkettenmanagement. Das sind alles Dienste, die auf Qualitätsschwankungen sehr empfindlich reagieren. Für den Endkunden und die Dienste-Anbieter wäre es eine echte Bereicherung, auf eine garantierte Qualität für den Datentransport zurückgreifen zu können.

Gibt es Gründe, die das Priorisieren nachgerade wirtschaftlich und gesellschaftlich notwendig machen?

Wenn Tauschbörsen und qualitätssensitive Dienste im Kampf um die Übertragungskapazitäten gleich behandelt werden, besteht die Gefahr, dass Letztere aus dem Internet verdrängt werden. Das Internet würde einen Teil seiner Innovationskraft einbüßen. Es ist bereits zu beobachten, dass Dienste-Anbieter sich gezwungenermaßen ein eigenes Netz aufbauen wie zum Beispiel für das Internet-Fernsehen. Sie tun dies, weil momentan nur so die benötigte Qualität zu haben ist. Es entstehen also immer mehr Parallelnetze zum Internet, die nur bestimmten Benutzergruppen zugänglich sind. Damit geht ein großer Vorteil des Internets, ein globales einheitliches Netz zu sein, ein Stück weit verloren.

Warum wird aus Ihrer Sicht durch die Differenzierung des Datentransports die Chancengleichheit des Internets nicht bedroht, wie dies Gegner befürchten?

Das Internet ist längst marktwirtschaftlich geprägt. Wenn ein Netzbetreiber das Netz für die eigenen Dienste bevorzugen und andere Dienste benachteiligen würde, obwohl diese für den Kunden attraktiver sind, dann verabschiedet er sich doch. In einem Wettbewerbsumfeld lassen sich Störmanöver auf Dauer nicht durchhalten, wie die vorübergehende Sperrung von Skype für Handys zeigte. Netzbetreiber wie Dienste-Anbieter verlieren Marktanteile, und der Imageschaden ist immens. Auch über „Quality of Service“ und die Priorisierung werden sich keine Angebote in den Markt hineinzwingen lassen, die der Nutzer nicht will und deshalb auch nicht nachfragt. Deshalb sehe ich die Chancengleichheit im Internet nicht bedroht. Für den Kunden geht es lediglich um die Möglichkeit, zwischen Standardbrief und Expressbrief wählen zu können. Das empfindet auch niemand als Diskriminierung.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche / Quelle: "TU intern", 2/2011

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