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TU Berlin

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Forschung

Von Obstbäumen und höheren Beamten

Donnerstag, 17. Februar 2011

Historische Beispiele für die Entwicklung des ländlichen Raumes

Neben dem Chaussee- und Wasserbau zählten die Einführung der Seidenraupenzucht und die Verbreitung des Obstanbaus zu den wichtigen Maßnahmen der niedersächsischen Wirtschaftsförderung im 18. Jahrhundert.
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Wer glaubt, dass die Beschäftigung mit Verwaltungsgeschichte eine trockene und langweilige Angelegenheit ist, der irrt. Denn der Blick in alte Amtsakten kann eine interessante Facette aus der Vergangenheit der Landesverwaltung beleuchten. Das zeigt das Forschungsprojekt „Amtshausgärten – Administrativer Gartenkulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert“. Das Projekt, das im Fachgebiet Denkmalpflege des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin unter Federführung von Dr. Sylvia Butenschön durchgeführt wird, nähert sich dem Thema von eher ungewohnter Seite.

Gern angebaut wurde neben einigen anderen die Apfelsorte Berlepsch (zeitgenössische Zeichnung).
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„Die Schaffung gleicher Lebensverhältnisse war auch in der Geschichte schon oft Gegenstand von politischem Versuch und Irrtum“, sagt Sylvia Butenschön. „So haben wir uns die Frage gestellt, mit welchen Methoden in früherer Zeit versucht wurde, dies zu erreichen.“ Beispielhaft wählte sie das Kurfürstentum Hannover für ihre Untersuchungen. Dort wurden im 18. Jahrhundert die Regierungsgeschäfte weitgehend den Geheimen Räten, Ministern und verschiedenen Stellvertretern überlassen, nachdem die hannoverschen Kurfürsten die englische Krone erlangt hatten und ab 1714 als Könige in London residierten. Einige der Geschäftsträger seien mit dem „Dienst nach Vorschrift“ vollauf beschäftigt gewesen, vermutet die Forscherin, andere hingegen hätten die kreativen Spielräume ihrer Positionen genutzt, um wichtige Entwicklungen anzustoßen.

Ein besonderes Anliegen der Regierung war die Hebung des Lebensstandards der Bevölkerung in den ländlichen Regionen. In den oft abgeschiedenen, fern der wichtigen Handelsstraßen gelegenen Gebieten sollten die Lebensbedingungen der Menschen verbessert, Neuerungen in Technik, Landwirtschaft und Wissenschaften vermittelt und neue Erwerbsmöglichkeiten erschlossen werden. Neben dem Chaussee- und Wasserbau zählten die Einführung der Seidenraupenzucht und die Verbreitung des Obstanbaus zu den wichtigen Maßnahmen der Wirtschaftsförderung. Das Zentrum dafür bildete eine große Baumschule in Hannover-Herrenhausen, die die Verbreitung von neu entdeckten Zier- und Forstgehölzen aus Übersee befördern sollte und außerdem eine große Anzahl von Obstbäumen guter Sorten anzog. Ab 1775 wählte die Verwaltung jedes Jahr einige Bezirke beziehungsweise Ämter aus, in denen insgesamt etwa 4000 Obstbäume unentgeltlich an die Untertanen verteilt wurden. Sie sollten mit dem Obstanbau einen zusätzlichen Verdienst erwirtschaften. So entstand ein landesweites Verteilungssystem mit Herrenhausen als Mittelpunkt. Kombiniert wurde es mit einem Bildungsangebot für angehende Lehrer, die im Schulmeisterseminar in Hannover ausgebildet wurden. Sie konnten in einem kostenlosen Schulungskursus Grundkenntnisse der Obstbaumpflege erlernen, die sie später an ihre Schüler und die Landbevölkerung weitergeben sollten.

„Im 18. Jahrhundert scheint dieses System durchaus erfolgreich funktioniert zu haben, denn schon 1782 beschrieb es der Kieler Professor Hirschfeld als vorbildlich und rühmte Qualität und Umfang der Baumschule“, hat die TU-Forscherin herausgefunden. Allerdings sei bisher nicht bekannt, ob tatsächlich die beabsichtigte Wirkung erzielt worden ist und ob die mit großen Investitionen verbundene Einrichtung eine nachhaltige Entwicklung in Gang setzen konnte.

Das im Juni dieses Jahres begonnene Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wird neben Sylvia Butenschön von der Historikerin Heike Palm und dem Gartendenkmalpfleger Dr. Jens Beck bearbeitet. Es soll die genauen Vorgänge, die beteiligten Personen und die Arbeitsweise des Systems ergründen und als ein historisches Beispiel von administrativ gesteuerter Entwicklung des ländlichen Raums näher untersuchen und darstellen. Gleichzeitig soll die Frage beantwortet werden, wie nachhaltig die Aktivitäten waren, ob also der Aufwand in einem ausgewogenen Verhältnis zum erzielten Ergebnis stand – eine Evaluation nach 200 Jahren, die möglicherweise in ferner Zukunft auch bei Großprojekten durchgeführt werden sollte, die momentan die öffentliche Diskussion beherrschen.

Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 2/2011

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