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TU Berlin

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Forschung

Hightech für Lowtech – die Wiedereroberung der Märkte

Montag, 18. Oktober 2010

Eckart Uhlmann
Lupe

Herr Professor Uhlmann, Wirtschaftssenator Harald Wolf hat mit verschiedenen Akteuren den "Masterplan Industriestadt Berlin 2010–2020" als Leitbild entwickelt. Ist die "Reindustrialisierung" der richtige Weg für die Stadt?

Mit Gasdampfturbinen aus Berlin ist Siemens zum Piloten auf diesem Feld geworden
Lupe

Dieser Masterplan ist das richtige Signal dafür, dass das Bewusstsein da ist, diese Region wieder als Industriestandort zu entwickeln. Die Verantwortlichen haben erkannt, dass Themen wie Tourismus, Wissen, Dienstleistung, Biotechnologie oder Gesundheit die Stadt nicht allein tragen können. Gestärkt werden muss, was wirklich umfassend Arbeitsplätze schafft und damit nachhaltigen Wohlstand garantiert. Das ist die produzierende Industrie, die in den letzten Jahren in der Region extrem an Bedeutung verloren hat. Derzeit gibt es nur noch ein einziges Werkzeugmaschinenbau-Unternehmen in Berlin. Allerdings gibt es äußerst zukunftsorientierte Bereiche in Berlin und Brandenburg: Verkehr, Energie, auch Sicherheitstechnik, mit Stärken in Entwicklung, Produktion, Instandhaltung und Weiterentwicklung von Produkten. Übrigens möchte ich die beiden Länder in Fragen der Industriepolitik immer gemeinsam betrachten, eine Trennung ist nicht sinnvoll und wohl auch nicht möglich.

… Der Plan führt vier Aktionsfelder auf: "Rahmenbedingungen schaffen", "Innovationen generieren“, „Fachkräfte ausbilden und gewinnen" sowie "Standortkommunikation durch gezielte Industrieansiedlung und Vermarktung des Industriestandortes"…

Richtig. Es ist entscheidend, dass wir diese dann auch mit Leben füllen. Als wissenschaftliche Einrichtung sind wir zunächst an der Innovation sehr stark beteiligt, aber auch durch den Wissens-transfer in die Wirtschaft und nicht zuletzt natürlich an der Fachkräfteausbildung. Es ist ein immenser Vorteil für die TU Berlin – und ich schätze mich in meiner Doppelfunktion darüber besonders glücklich –, dass wir die Fraunhofer-Gesellschaft mit an Bord haben. Damit können wir Transferprojekte mit der Wirtschaft bearbeiten und Lösungen für konkrete Probleme entwickeln. Gleichzeitig werden Studierende an der TU Berlin projektnah ausgebildet.Erfahrungsgemäß bietet eine Universität einen enormen Fundus an Wissen, der in der Regel von der Industrie nicht umfassend abgeholt und ausgeschöpft wird. Mit den sieben Fraunhofer-Instituten, die durch die „Doppelprofessuren“ eng mit der TU Berlin und den anderen Hochschulen verbunden sind, haben wir in Berlin für diese Problemlage ein Potenzial, das kaum ein anderes Bundesland aufweisen kann.

Welche Maßnahmen sind als Anreize für eine (Wieder-)Ansiedlung nötig und sinnvoll?

Wir müssen unsere Stärken stärken: Energietechnik, Verkehrstechnik, Telekommunikation. Die Ableger der entsprechenden Großunternehmen, die wir noch haben, wie Siemens, MAN, Alstom, Rolls-Royce, Daimler, MTU, die Deutsche Bahn, Stadler oder Bombardier, brauchen Unterstützung, um ihrem Mutterhaus gegenüber nachzuweisen, dass dieser Standort sinnvoll ist für das Unternehmen. Wir müssen also dafür sorgen, dass sie durch Innovation an der Spitze ihres Konzerns stehen, um die Arbeitsplätze zu erhalten und auszubauen. Das kann Zulieferer anziehen und neue Bereiche erschließen. Um beispielsweise Elektromobilität zu einem berlinspezifischen Thema zu machen, brauchen wir die Produktion vor Ort. Es reicht nicht aus, Modellregion mit 100 Fahrzeugen zu sein. Dafür sind strategische Allianzen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft notwendig. Mit Kollegen aus der TU-Elektrotechnik sind wir jetzt zum Beispiel dabei, die Entwicklung und Fertigung von Motoren in einem sogenannten "Daimler Engine Lab" auf den Weg zu bringen. Die Allianz mit Siemens erlaubt uns, alles rund um die nächste Generation von Gasturbinen hier im Hause – IWF TU Berlin und Fraunhofer IPK – zu entwickeln. Mit dieser Allianz ist Siemens, wie das Unternehmen selbst sagt, zum Piloten in Produktion und Entwicklung von Gasdampfturbinen geworden. Doch so eine Zusammenarbeit wächst nur langsam mit Vertrauen und Erfahrungen. Ich bin sehr dankbar, dass das Land mit dem Masterplan jetzt das richtige Signal setzt, um solches Vertrauen zu schaffen.

Zum Thema "Rahmenbedingungen": Die stimmten zum Beispiel nicht, als BMW einen Standort suchte. Deshalb sitzen die heute in Leipzig und nicht in Berlin. Da hätten wir uns aus meiner Sicht offensiver zeigen müssen. In der Elektromobilität können wir es besser machen. Hier könnte Berlin das Thema "Powertrain", das den gesamten Antriebsstrang im Automobil beinhaltet, besetzen. Wenn die Zulieferer hier schon sitzen und die Wissenschaft auf die Fragestellungen der Industrie eingestellt ist, dann wächst auch die Attraktivität für große Unternehmen.

Sind noch neue Produkte denkbar, die international konkurrenzlos sind?

Deutschland sind viele Produkte und Konsumgüter schon lange verloren gegangen. In der Elektronik spielen wir zum Beispiel so gut wie keine Rolle mehr. Wir wollen Innovationstreiber sein und mit Hightech-Produktion Märkte zurückerobern. Doch das Wachstum von Bevölkerung und Wohlstand und damit auch der Märkte wird in China, Russland, Brasilien und so weiter stattfinden. Europas Märkte werden schrumpfen. Das heißt, wir müssen auch über einfachere Produkte nachdenken und Technologien dafür entwickeln. Wir brauchen "Hightech für Lowtech". Um auch Produkte zurückzugewinnen, müssen wir die Massenproduktion mit intelligenten Technologien beherrschen. Ein Produkt kann auch eine ganze Spezialfabrik sein, die wir entwickeln, verkaufen und eventuell im Ausland selbst betreiben.

Viele Hochschulabsolventen wandern nach Süden oder sogar ins Ausland ab. Was muss Berlin bei der "Fachkräftegewinnung" verbessern?

Genau da beißt sich die Katze in den Schwanz: Ohne attraktive Industrie ziehen wir keine Fachkräfte an. Ohne Fachkräfte können wir aber auch keine Ansiedlung forcieren. Eine Verbesserung kann nur einhergehen mit dem Wachsen der Industrieanteile. Nur wenn Berlin von außen wieder als Industriestandort identifizierbar ist, was derzeit nicht der Fall ist, werden Fachkräfte kommen und auch bleiben. Erfolg verspricht also nur das Gesamtpaket: Industrieansiedlung und Ausgründungen. Hier leisten Fraunhofer und TU Berlin bereits seit Langem einen wichtigen Beitrag. Es haben sich in den letzten 30 Jahren 60 Unternehmen ausgegründet und damit im Umfeld zweieinhalbtausend Arbeitsplätze geschaffen. Die letzte Ausgründung fand im Oktober 2010 statt.

"Made in Germany" ist international ein Synonym für exzellente Qualität und Zuverlässigkeit für innovative Produkte mit hohem Standard. Gibt es auch eine Marke "Made in Berlin"?

Lange Zeit wollten die Unternehmen eher global erscheinen. Sie kommen erst langsam auf den Wert des Markenzeichens zurück. Wenn wir zum Beispiel auf erfolgreiche Verkehrs-, Energie- oder Sicherheitstechnik einmal "Made in Berlin" kleben können, dann hätten wir das Ziel mehr als erreicht. Daran arbeiten wir.

Das Gespräch führte Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 10/2010

Zur Person

Prof. Dr. h. c. Dr.-Ing. Eckart Uhlmann ist Leiter des Instituts für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb der TU Berlin sowie Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK

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