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TU Berlin

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Forschung

Fußball-WM: eine Brosche für die Diva

Montag, 12. Juli 2010

In Dächern und Tragwerkskonstruktionen der vier neuen Fußball-WM-Stadien in Südafrika steckt Berliner Ingenieurwissen

Wie ein Himmelsbogen wölbt sich die innovative Dachkonstruktion über das Moses-Mabhida-Stadion in Durban
Lupe

Der Himmel für die deutsche Nationalmannschaft öffnete sich an ihrem ersten WM-Tag im Moses-Mabhida-Stadion in Durban bei einem grandiosen 4:0-Auftaktspiel gegen Australien. Und wo geht das besser als unter einem "Himmelsbogen"? So nennen die Architekten und Ingenieure den 104 Meter hohen stählernen Bogen, an dem die Falten des textilen Stadion-Zeltdaches aufgehängt sind und der in der südafrikanischen Stadt Durban ein weithin sichtbares Zeichen setzt. Diese kühne und symbolträchtige Dachkonstruktion stammt aus dem Ingenieurbüro "schlaich bergermann und partner – stuttgart berlin new york" (sbp). Es wird unter anderem von dem Professor für Entwerfen und Konstruieren der Technischen Universität Berlin, Mike Schlaich, geleitet. Auch stammen drei weitere futuristische Stadiondächer der WM 2010 in Kapstadt, Port Elizabeth und Johannesburg von sbp.

"Please put Durban on the map" war die Erwartung der südafrikanischen Bauherren an die Architekten und Ingenieure: "Machen Sie Durban sichtbar!" Der gespannte Bogen, in der Silhouette der Stadt deutlich wahrnehmbar als symbolträchtiges Element der Verbindung, war für diese Funktion zugleich als lastabtragendes Element des Daches die sinnfällige Lösung. "Niemand wird mehr ein Gesamtbild der Stadt fotografieren, ohne das strahlend weiße Bauwerk ins Bild zu rücken", sind sich die Konstrukteure dieses Ingenieurkunstbauwerks sicher. "Von dieser Art von Ingenieurkunst, von den internationalen Erfahrungen, den konstruktiven Lösungen für die speziellen Probleme, die hier erforderlich waren, profitieren natürlich auch unsere Studierenden an der TU Berlin", sagt Mike Schlaich.

Ähnlich himmelstürmende Eigenschaften besitzen auch die anderen Stadienbauten. Als "strahlende Blüte" für eine eher graue Stadt am Indischen Ozean erhebt sich das "Nelson Mandela Bay Stadium" in Port Eli-zabeth auf einem erhöhten Plateau, als leuchtende Erscheinung weithin die Szenerie beherrschend. Eine zweigeschossige umlaufende Kolonnade bildet den Korpus des Gebäudes, über den sich das Dach mit blattförmigen Rippen wölbt. Diese neigen sich schließlich schützend nach innen über die Tribünen, was an eine Blütenkelchform erinnert. Das Stadion, das später auch als Arena für den Nationalsport Rugby dienen soll, liegt in einem der weniger privilegierten Stadtviertel und ist mit als Initialzündung für das abgewirtschaftete Industrie-und-Gewerbe-Gebiet gedacht, das den Norden der Stadt von der Küstenlinie trennt.

Auch für das "Cape Town Stadium" gibt es eine bildhafte Bezeichnung, die Bezug auf sein Äußeres nimmt: Es ist die "Brosche für die Diva". Die Diva ist Kapstadt, die Stadt am Wind. Es ist die Stadt, in der das weiße Bürgertum noch unter sich war, insbesondere was seine Sportstätten wie Golfplätze und Rugbystadien betraf. Doch bei der Eröffnung des neuen Großbauwerks, das die Silhouette der Stadt und auch die Nutzer des Terrains stark verändert hat, feierten alle gemeinsam. Viele sehen darin einen weiteren kleinen Schritt in Richtung Überwindung der Apartheid und Entwicklung eines gemeinsamen nationalen Bewusstseins. Das Stadion wird als würdige Ergänzung des vorhandenen Sportparks Green Point Common empfunden. Das Meer, die Uferlinie und der allgegenwärtige Tafelberg bilden die Bezugslinien dieser Konstruktion. Sie erscheint als flache Schale mit ebener Dachkontur: ein weiterer Horizont, von oben betrachtet wie eine Brosche oder ein großes Auge. Bei allen drei Stadien verband sich die Ingenieurkunst mit der Kunstfertigkeit und den Ideen der Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg (gmp).

Im Stadionbau können diese Partner übrigens bereits auf 25 realisierte Projekte auf vier Kontinenten, elf Stadien für Fußballweltmeisterschaften und fünf Stadien in Planung für die nächste WM in Brasilien blicken.

"African Melting Pot" wird das größte der neuen Stadien in Südafrika genannt, das Nationalstadion Soccer City in Johannesburg, das rund 100 000 Zuschauern Platz bietet und dem Eröffnungs- und auch dem Finalspiel vorbehalten ist. Seine Fassade aus Zementplatten in allen Farben Afrikas hat Ähnlichkeit mit der typisch afrikanischen Keramikschale, der Kalebasse. Dieses Stadion, bei dem Dachkonstruktion und Fassade vom Ingenieurbüro sbp stammen, entstand in Zusammenarbeit mit den Londoner und südafrikanischen Architekten Boogertman Urban Edge and Partners, Johannesburg, sowie PDNA, Johannesburg. Für eine der 32 WM-Mannschaften hat sich am 11. Juli 2010 dann wieder der Himmel auftgetan, als sie als Weltmeister 2010 in das Walhalla der Fußballwelt einzogen.

Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 7/2010

Das Buch zur Stadionarchitektur

Lupe

In Zusammenarbeit mit den Büros "schlaich bergermann und partner GmbH" in Stuttgart und Berlin sowie mit der Architektensozietät gmp (Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg), die den jeweiligen Korpus der drei Stadien in Durban, Port Elizabeth und Kapstadt entwarfen, haben die Architektur-Fachjournalisten Wolfgang Drechsler, Knut Göppert (gleichzeitig Partner bei sbp), Falk Jaeger und Richard Klug ein bildgewaltiges, großformatiges Buch geschrieben. Es gibt Einblicke nicht nur in die Architektur- und Ingenieurleistungen, die in diesen drei Stadien stecken, es bettet die herausragenden Bauten auch in Kultur und Ethnologie des Landes ein, in Geschichte und Geschichten, sodass ein buntes und lebendiges Bild der Kultur auf der anderen Welthalbkugel entsteht, das nunmehr mit weithin sichtbaren Wahrzeichen des Willens zur Modernität der Zukunft entgegenblicken kann.

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