TU Berlin

TUB-newsportaltui0510: Lernen aus der Technikgeschichte

Page Content

to Navigation

There is no English translation for this web page.

Forschung

Lernen aus der Technikgeschichte

Montag, 17. Mai 2010

Historisches Wissen hilft, Technik zu verstehen

Konrad Zuse 1989 vor der Z1 im Museum für Verkehr und Technik (heute Deutsches Technikmuseum) in Berlin
Lupe

Am 22. Juni 2010 würde das Erfindergenie Konrad Zuse, das den ersten Computer konstruierte, 100 Jahre alt. Das Deutsche Technikmuseum, die TU Berlin und zahlreiche andere Institutionen in Deutschland begleiten daher mit Ausstellungen, Lesungen und Filmen das "Zuse-Jahr", das mit einem großen Eröffnungssymposium am 20. April seinen Auftakt nahm. Mit der Erinnerung an Konrad Zuse geht es auch um Technikgeschichte. Doch was kann man eigentlich heute noch aus der Technikgeschichte lernen?, fragt Wolfgang König, Professor am TU-Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte der Fakultät I Geisteswissenschaften.

Von dem "Automobilkönig" Henry Ford ist eine ausgeprägte Skepsis gegenüber dem in seiner Zeit vermittelten Schulwissen überliefert. Der Erwerb praktischer Fähigkeiten, das "Learning-by-doing", erschien ihm wichtiger als die ihn in der Schule quälende Aneignung toten philologisch-historischen Wissens, welches er mit dem bekannten Verdikt abtat: "Geschichte ist Quatsch." Auf der anderen Seite kann man in seiner Autobiografie lesen: "Eine Bildung, die aus einer Reihe von Wegweisern über die Irrtümer und Misserfolge der Vergangenheit bestünde, dürfte überaus nützlich sein." Damit ist – in Ford’scher Naivität und Hemdsärmeligkeit – das Spannungsfeld genannt, in dem jegliches Wissen zu situieren ist und in dem sich Wissenschaft vollzieht: das Spannungsfeld von zweckfreier Neugier und Relevanz für welche Zwecke auch immer.

Wie steht es mit der Relevanz und dem Bildungswert von Technikgeschichte? Allgemein könnte man formulieren, dass Technik nur unter Hinzuziehung der Geschichte zu verstehen und zu erklären ist. Beim Verstehen von Technik geht es nicht nur um die technische Funktion, sondern zuerst einmal um die Frage, warum Technik so und nicht anders gestaltet worden ist. Technik ist also nicht nur etwas Vorhandenes, sondern gleichzeitig etwas Gewordenes.

Wer weiß eigentlich heute noch, wenn er mit der Berliner U-Bahn vom Ernst-Reuter-Platz zur Warschauer Straße fährt, warum diese U-Bahn unterwegs plötzlich auftaucht und zur Hochbahn wird? Wer weiß, dass sich beim Bau dieser Strecke um die Jahrhundertwende die wohlhabenden Bürger der Stadt Charlottenburg so energisch gegen die an sich geplante Hochbahn zur Wehr setzten, dass man trotz der schwierigen Bodenverhältnisse das neue Verkehrssystem auf dieser Teilstrecke unter die Erde legte? Und wer kann erklären, dass für die Aufnahme in die britischen Ingenieurorganisationen auch heute noch in höherem Maße auf berufliche Praxis Wert gelegt wird als in Deutschland, wo man sich vor allem an der formalen Bildung orientiert? Hier muss man zur Erklärung weit ins 18. und 19. Jahrhundert zurückgreifen und sich klarmachen, dass die industrielle Revolution in Großbritannien sich auf der Basis empirisch entwickelter Technik durchsetzte, während die erfolgreiche Aufholjagd der deutschen Industrie und Technik im späten 19. Jahrhundert auch mit der Akademisierung und Verwissenschaftlichung der Technik zusammenhing.

Ich meine, wir können aus diesen Beispielen zweierlei lernen: Erstens können wir lernen, dass wir auch heute noch im "Reich der Technik" mit Erscheinungen konfrontiert werden, die nur mit Hilfe historischen Wissens zu erklären sind. Und zweitens können wir lernen, dass die Art und Weise technischer Entwicklungen nicht nur mit dem Stand des technischen Wissens und Könnens zusammenhängt, sondern mit Einflüssen unterschiedlichster Art, aus dem Bereich der Wirtschaft, der Politik, der Rechtsprechung oder sonstigen kulturellen Bereichen.

Technikgeschichte in diesem Sinn ist weder eine ausschließliche Aufgabe für Historikerinnen und Historiker noch für Ingenieure, sondern eine Bildungsaufgabe für alle. Denn besteht nicht die wichtigste Aufgabe von Bildung darin, dass man das, was einen täglich umgibt und betrifft, versteht? Selbst- und Weltverständnis kann man in diesem Sinne als die wichtigsten Bildungsziele bezeichnen. Und zumindest zum Selbstverständnis des Menschen gehört nicht nur die Gegenwart, sondern auch das gegenwartsunabhängige Wissen darum, welchen Weg die Menschheit bisher genommen hat. Nur die Kenntnis des bisherigen Weges der Menschen kann uns die Richtung weisen, in der wir unseren weiteren Weg in die Zukunft finden müssen.

Prof. Dr. Wolfgang König, Fachgebiet Technikgeschichte / Quelle: "TU intern", 5/2010

Der Computer und die Liebe: Höllerer-Vorlesung im Technikmuseum Berlin

Einen literarischen Beitrag zum Konrad-Zuse-Jahr leistet die Gesellschaft von Freunden der TU Berlin am 22. Juni 2010. Mit dem Deutschen Technikmuseum Berlin veranstaltet sie die dritte "Höllerer-Vorlesung". Der Schriftsteller F. C. Delius liest aus seinem Roman "Die Frau, für die ich den Computer erfand". Der Autor erzählt in seinem raffinierten und höchst unterhaltsamen Roman die unglaubliche Geschichte Konrad Zuses, der an der Technischen Hochschule Charlottenburg, der Vorgängereinrichtung der TU Berlin, studierte und den ersten Computer der Welt baute, sowie von dessen großer Liebe zu Ada Lovelace, der Tochter Lord Byrons.
Mit einem Vortrag zum Thema "Konrad Zuse – Gedanken zum Rechnen" gibt TU-Professor Bernd Mahr eine Einführung in die Lesung. Interessenten sind herzlich eingeladen. Beginn: 18 Uhr, Deutsches Technikmuseum Berlin, Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin

pp / Quelle: "TU intern", 5/2010

Navigation

Quick Access

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe