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Forschung

Am ökonomischen Limit

Montag, 22. Februar 2010

Hinfällige Lebensmuster, Raumpioniere sowie Chancen und Risiken gegenwärtiger Stadtentwicklung

Prof. Dr. Klaus Brake ist Gastprofessor am Center for Metropolitan Studies der TU Berlin
Lupe

Herr Professor Brake, im Zeitalter mobiler Informationstechnologien war befürchtet worden, dass die Städte als kreative Orte bedeutungslos werden. Dazu ist es nicht gekommen. Warum?

Wer nur mit Informationen arbeitet, kann das überall tun. Internet, E-Mail, Handy machen es möglich. Wer aber an das Wissen herankommen will, das noch in den Köpfen anderer steckt, um einen Wissensvorsprung zu haben, der muss dahin gehen, wo kreative Leute sind, und das sind nun mal die Städte mit ihrem Versprechen von Offenheit und Selbstverwirklichung.

Wer ist diese "kreative Klasse"?

Es sind diejenigen, die in der wissensbasierten Ökonomie arbeiten. Dazu gehört das gesamte Spektrum von Forschung und Entwicklung, intelligenter Fertigung, strategischer Unternehmensberatung bis zu kreativen Dienstleistungen.

Sie haben den provokanten Slogan geprägt: "Zukunft findet aggressive Stadt". Sie sehen in der Stadtentwicklung auf Grundlage der wissensbasierten Ökonomie nicht nur Positives?

Die wissensbasierte Ökonomie birgt eine große Sprengkraft in sich. Der Strukturwandel zu einer postindustriellen Gesellschaft hat enorme Entgrenzungen ausgelöst. Alle klassischen Muster von einer Familie, einem Beruf und einem Arbeitsverhältnis sind überholt. Die Menschen sind gezwungen, ihr flexibilisiertes Leben vollständig neu und sehr individuell zu sortieren. Das führt zwangsläufig zu Konflikten. Zu dieser gesamten Thematik habe ich 2009 mit Mitteln der Fritz-Thyssen-Stiftung ein Sympoisum veranstaltet.

Welche sind das?

Mit dem Strukturwandel ging eine hochgradige Deregulierung einher. Professionen, die früher in einer Firma untergebracht waren, werden ausgegliedert mit dem Ergebnis, dass die wissensbasierte Ökonomie von einem Heer von Selbstständigen getragen wird, die alle untereinander im Wettbewerb stehen. Früher waren es die Firmen, die dem Konkurrenzdruck ausgesetzt waren, heute ist es zunehmend das einzelne Individuum. Viele dieser Kreativen agieren zudem am ökonomischen Limit und sehen sich hochprofessionellen Akteuren gegenüber. Wir beobachten im Berliner Quartier "Media-Spree" oder in Hamburg im Gängeviertel, wie "Raumpioniere" die das Gebiet mit ihrer Kreativität erst interessant gemacht haben, von hochprofitablen Musik- und Mode-Labels verdrängt werden. Aber es gibt auch den Konflikt zwischen den Kreativen, die sich ein Viertel aneignen und es aufwerten, und den Alteingesessenen, die dadurch verdrängt werden, weil sie sich das Leben dort nicht mehr leisten können.

Kann den Verdrängungsprozessen etwas entgegengesetzt werden?

Stadtentwickler könnten das Thema der lokalen Ökonomie wieder aufgreifen. In Berlin mangelt es der Kreativwirtschaft an handwerklichem Umfeld, also der Modebranche an Schneidereien, den Möbeldesignern an Tischlereien. Was die Kreativen mit ihren Berufen an Neuem in diese Viertel hineintragen, müsste sich mit dem Potenzial der dort Lebenden vernetzen. Dies zu managen wäre eine spannende Aufgabe.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche / Quelle: "TU intern", 2/2010

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