direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Page Content

There is no English translation for this web page.

Die TU Berlin in der Stadt

Mit den Ingenieuren kam der industrielle Aufschwung

Dienstag, 16. November 2010

Technische Hochschulen, Wirtschaft und Politik im 19. und 20. Jahrhundert – Wissenschaft in Berlin

Auch der Architekt der Berliner Oberbaumbrücke, Otto Stahn, war Absolvent der Bauakademie, einer Vorgängereinrichtung der TU Berlin
Lupe

Die um 1760 in Großbritannien einsetzende Industrielle Revolution stellte Wirtschaft und Gesellschaft auf eine neue Basis. Letzten Endes wurden mit der Zeit alle Lebensbereiche dynamisch umgestaltet. Außerhalb der britischen Insel setzte sich um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Überzeugung durch, dass man eigene Industrialisierungsanstrengungen unternehmen müsse, um nicht hoffnungslos in Rückstand zu geraten. Als probates Mittel, eine nachholende Industrialisierung in Gang zu setzen, erschien die Gründung technischer Schulen. So entstanden in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in den größeren und mittleren deutschen Ländern die technischen Unterrichtsanstalten, die auch heute noch den Kern des technischen Universitätswesens bilden – darunter 1821 eine technische Schule in Berlin, aus der durch Fusion mit der Bauakademie 1879 die Technische Hochschule Berlin hervorging.

Lupe

Entgegen gängigen Erzählungen ist der Einfluss dieser Gewerbeschulen und Polytechniken auf die Industrialisierung Deutschlands eher zweifelhaft. Die entstehenden technischen Wissenschaften waren noch nicht so weit, um in der Praxis verwertbares technisches Wissen zu generieren. Und die sich allmählich entwickelnde Industrie benötigte nur wenige qualifizierte Fachkräfte, welche sie sich zudem am liebsten im eigenen Betrieb heranzog. Dies änderte sich erst nach Gründung des Kaiserreichs 1870 und mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Hochindustrialisierung. Die Nachfrage nach Ingenieuren, die an technischen Hochschulen ausgebildet worden waren, erhöhte sich rapide. Und die Hochschulen lernten in einem mühsamen Prozess der Selbstfindung, Ingenieure auszubilden, die den Anforderungen der Industrie besser entsprachen.

Hierbei erwies es sich als besonders wichtig, dass sie dazu übergingen, Professoren zu berufen, welche die Industrie aus eigener Anschauung kannten. Die Hochschulen richteten seit dem späten 19. Jahrhundert Maschinenlaboratorien ein, die zunächst vor allem der Lehre, aber zunehmend auch der Forschung dienten. Und das 1899 verliehene Promotions- und Diplomierungsrecht stärkte zusätzlich die Forschung. Damit war eine Grundlage geschaffen für den im 20. Jahrhundert stattfindenden Ausbau der Kooperationsbeziehungen mit der Industrie.

An der Technischen Hochschule Berlin war der Maschinenbauer Alois Riedler (1850–1936) einer der wichtigsten Protagonisten dieser Entwicklung. Bei seiner Berufung 1888 stellte Riedler – unter Verweis auf das Vorbild der Mediziner und Architekten – die Bedingung, an der Hochschule seine technische Praxis fortzuführen. Schließlich arbeiteten mehrere Dutzend Ingenieure in Riedlers Konstruktionsbüro in den Räumen der Hochschule. Unter anderem entwarfen sie schnell laufende Pumpen und Kompressoren einer neuen, von Riedler patentierten Bauart für die städtische und industrielle Wasserversorgung, für die Wasserhaltung von Bergwerken und für Gebläsemaschinen von Hüttenwerken in aller Welt. So stattete Riedler im Jahr 1893 – um nur ein prominentes Beispiel zu nennen – das von Ludwig Persius (1803–1845) und August Borsig (1804–1845) 1842 an der Havel in Gestalt einer türkischen Moschee errichtete Pumpwerk für die Wasserversorgung des Parks von Sanssouci mit neuen Pumpen aus. Die exzessive Nebentätigkeit Riedlers rief aber auch Kritiker auf den Plan, die ihm im preußischen Abgeordnetenhaus eine Vernachlässigung der Lehre und eine Zweckentfremdung öffentlicher Gelder vorwarfen.

Doch auch an der Gestaltung des Berliner Stadtbilds wirkten Professoren der Technischen Hochschule Berlin mit. So war der Elektrotechniker Walter Reichel (1867–1937) noch vor seiner 1904 erfolgten Berufung verantwortlich für den von Siemens gebauten elektrischen Teil der Berliner Hochbahn. Auch der heute noch bei Straßenbahnen gebräuchliche Bügelstromabnehmer stammt von Reichel. Die berühmte Reichstagskuppel Paul Wallots (1841–1912) wurde durch den Bauingenieur Hermann Zimmermann (1845–1935) erst ermöglicht. Wallot hatte seine Planungen mehrmals geändert und Zimmermann löste zu Beginn der 1890er-Jahre die Aufgabe, die Kuppel dem schon teilweise fertigen Gebäude anzupassen. Der 1905 eingeweihte Berliner Dom, das große Repräsentationsbauwerk zu Ehren der Hohenzollerndynastie, war das Gemeinschaftswerk zweier TH-Professoren. Der Architekt Julius Raschdorff (1823–1914) zeichnete für den Entwurf verantwortlich, der Bauingenieur Heinrich Müller-Breslau (1851–1914) für die gesamten statischen Berechnungen.

Die um die Jahrhundertwende zunehmende Verflechtung der technischen Hochschulen mit Industrie und Politik machte sie aber auch anfälliger für vielfältige Vereinnahmungen. Der die technischen Hochschulen besonders fördernde Wilhelm II. sah in ihnen eine wichtige Stütze des von ihm propagierten Griffs nach der Weltmacht, der in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs endete. In der nationalsozialistischen Zeit entledigten sich die technischen Hochschulen mehr oder weniger bereitwillig der jüdischen und der politisch missliebigen Professoren, Mitarbeiter und Studenten. Und sie wirkten mit zahlreichen Forschungsprojekten an der gezielten Kriegsvorbereitung im 1936 anlaufenden Vierjahresplan, an der Autarkiepolitik und an der Aufrüstung mit. Seit 1933 arbeitete man an der Technischen Hochschule Berlin am Aufbau einer "Wehrtechnischen Fakultät". Wernher von Braun (1912–1977) wurde in diesem Zusammenhang mit einer Arbeit über Probleme der Flüssigkeitsrakete promoviert. Der vom nationalsozialistischen Deutschland begonnene Weltkrieg verhinderte allerdings, dass von den gigantischen Planungen viel realisiert wurde. Heute liegen die Trümmer der Rohbauten der "Wehrtechnischen Fakultät" unter dem Berliner Teufelsberg.

In den Nachkriegsjahrzehnten standen die technischen Hochschulen vor zahlreichen neuen Herausforderungen. Als Reaktion auf die nationalsozialistische Zeit institutionalisierte die sich jetzt Technische Universität nennende Berliner Hochschule ein „Humanistisches Begleitstudium“, dessen Erbe heute die Fakultät Geisteswissenschaften fortsetzt. Technische Innovationen wie die Halbleiterelektronik führten zur Einrichtung der Informatik und letztlich zur Umgestaltung aller Fachgebiete. Das Gleiche gilt für gesellschaftliche Entwicklungen wie das zunehmende Umweltbewusstsein und die Verankerung des Umweltschutzes. Die traditionellen Industriekooperationen wurden fortgeführt – in Berlin allerdings lange Zeit erschwert durch die politische Insellage und die Abwanderung der Industrie. Seit den 1980erJahren bemühten sich die technischen Universitäten jedoch mit vielen strategischen Kooperationen verstärkt um einen Technologietransfer in die Wirtschaft sowie um Internationalisierung und fachübergreifende Interdisziplinarität ihrer Wissenschaft.

Prof. Dr. Wolfgang König, Professor für Technikgeschichte an der TU Berlin und Mitglied von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften / Quelle: "TU intern", 11/2010

Bei der Gestaltung des Berliner Stadtbildes wirkten viele Professoren der TH Berlin mit, so der Bauingenieur Hermann Zimmermann bei der berühmten Reichstagskuppel (s.o.) oder der Elektrotechniker Walter Reichel beim elektrischen Teil der Berliner Hochbahn (ganz oben die Oberbaumbrücke, deren Architekt, Otto Stahn, Absolvent der Bauakademie war). Ihre und
weitere wissenschaftliche Leistungen werden derzeit in der Ausstellung „WeltWissen“ thematisiert (siehe Artikel "Ein 'Tag der TU Berlin' mit Einstein, Leibniz, Lilienthal und Zuse").

Zusatzinformationen / Extras

Quick Access:

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

This site uses Matomo for anonymized webanalysis. Visit Data Privacy for more information and opt-out options.