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TU Berlin

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Forschung

Die neue Spur der Steine

Mittwoch, 17. Juni 2009

Was von der ursprünglichen Bausubstanz des Berliner Schlosses noch übrig ist

Hunderte von Fragmenten lagern unter anderem im Depot des Landesdenkmalamtes Berlin in Friedrichsfelde
Hunderte von Fragmenten lagern unter anderem im Depot des Landesdenkmalamtes Berlin in Friedrichsfelde
Lupe

Mitten im Herzen Berlins klafft eine große Wunde. Ein paar Tausend Quadratmeter Brachland, Grabungs- und Baugruben dominieren das Bild, wo sich ehemals mehr als 500 Jahre Berliner Baukunst in dem Prachtbau des Stadtschlosses widerspiegelten. Nachdem der Zweite Weltkrieg ihm arg zugesetzt hatte, vollendete die DDR-Regierung die Zerstörung, sprengte das malträtierte Schloss und setzte damit allen Hoffnungen auf eine Restaurierung abrupt ein Ende. Doch das Schloss beschäftigte die Fantasie der Berlinerinnen und Berliner weiter.

Heute, rund 60 Jahre, nachdem es aufgehört hat zu existieren, ist es aktueller denn je. Ein Wiederaufbau ist in greifbare Nähe gerückt. Doch was ist noch übrig von der historischen Bausubstanz? Hatten nicht die DDR-Machthaber versucht, die Proteste von Wissenschaft und kunsthistorisch interessierter Öffentlichkeit zu besänftigen, indem sie ein "Wissenschaftliches Aktiv" beauftragten, wertvolle Atlanten, Wappen, Skulpturen, Kapitelle, Reliefsteine oder andere Fragmente vor der Sprengung aus dem Schloss auszubauen? "Hier kursieren teils wilde Spekulationen über steinerne Überreste in diversen Deponien", sagt Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin Anja Tuma. Sie weiß mittlerweile recht genau, welche Fragmente des alten Schlosses noch vorhanden sind. "Es ist nur ein winziger Bruchteil der ehemaligen Bausubstanz. Sie lagern heute in verschiedenen Museen und Depots über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Sogar im öffentlichen Raum können Kenner einige Stücke finden, zum Beispiel an der Klosterkirche und im Köllnischen Park." Für ihre Abschlussarbeit im postgradualen Masterstudiengang "Denkmalpflege" hat sich die 30-Jährige mit den erhaltenen Fassadenelementen des Schlosses beschäftigt. Genau 128 Plastiken und Bruchstücke aus Sandstein mit Ausmaßen von 30 Zentimetern bis zu drei Metern konnte sie eindeutig dem Schloss zuordnen. Die daraus entstandene einzigartige, verlässliche Dokumentation der verbliebenen Schlosselemente begeisterte auch den Landeskonservator Jörg Haspel und die Kunsthistorikerin Gabriele Dolff-Bonekämper - beide lehren an der TU Berlin -, die sie bei ihrer Arbeit unterstützt hatten. Seit Jahren hatte Haspel das Fehlen einer wissenschaftlich seriösen Erfassung und Dokumentation aller noch zugänglichen Schlossbauteile beklagt. Die Lagerung an den verschiedenen Orten wie dem Landesdenkmalamt, dem Märkischen Museum, dem Bode-Museum und dem Deutschen Historischen Museum hatte zur Folge, dass es keine einheitliche, systematische Kategorisierung und Erfassung gab. Und mehr noch: Die museale Systematik stimmte schon gar nicht mit der umfangreich vorhandenen Systematik des "Wissenschaftlichen Aktivs" von 1951 überein. Anja Tuma konnte sich also wie Sisyphus fühlen, als sie sich aufmachte, alle Plastiken zu finden, zu begutachten, zu fotografieren, mit alten und neuen Katalogen und Fotos zu vergleichen und dann ein völlig neues Dokumentationssystem aufzubauen. Es gelang ihr sogar, den ehemaligen Sitz der einzelnen Fragmente am Bau zu lokalisieren. Auf alten Fotos von Fassaden, Portalen oder Gesimsen hat sie nun die Herkunft jedes gefundenen Fragments markiert.

Anja Tuma schuf mit ihrer Arbeit die wissenschaftliche Grundlage für zukünftige Diskussionen um diese Fragmente. Und strittige Fragen gebe es genug, sagt die Wissenschaftlerin: "Wem gehören eigentlich die Fragmente? Welche sind in einem Zustand, der es erlaubt, sie wieder in die neue Fassade einzubauen? Sollte man das überhaupt tun? Oder sollten die Bruchstücke in einem Lapidarium, einer musealen Steinsammlung, ausgestellt werden?" An dieser Diskussion möchte sie sich aber nicht beteiligen. Ihre wissenschaftliche Neugier treibt sie zu neuen Ufern. Für ihre Doktorarbeit will sie das zum großen Teil noch ungesichtete Material des "Wissenschaftlichen Aktivs" von 1951 umkrempeln, auswerten und neue Spuren entdecken.

Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 6/2009

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