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TU Berlin

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Forschung

Überhastete Rettungsmaßnahmen

Montag, 18. Mai 2009

Milliardenbürgschaften für Banken, Abwrackprämien zur Stützung der nationalen Automobilbranche, Millionen und Abermillionen an Steuer-Euros wandern derzeit in wirtschaftlich am Boden liegende Branchen, um den finalen „Crash“ des Wirtschaftsriesen Deutschland zu verhindern. Düstere Prognosen der Wirtschaftsinstitute machen Angst, Finanz- und Wirtschaftsmanager werden öffentlich angefeindet, als raffgierig, amoralisch und skrupellos bezeichnet. Wie steht es um die deutsche Wirtschaft, ist sie noch zu retten? Und sind die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen sinnvoll? TU intern fragte ausgesuchte Wirtschaftsexperten aus ihren Reihen.

Das "moralische Risiko"

Prof. Dr. Christian von Hirschhausen ist Leiter des Fachgebiets Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP)
Prof. Dr. Christian von Hirschhausen, Fakultät VII Wirtschaft und Management, ist seit 1.4.2009 Leiter des Fachgebiets Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik (WIP)
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Prof. Dr. Christian von Hirschhausen: Die Finanz- und Wirtschaftskrise wurde durch ein Phänomen hervorgerufen, welches noch lange nicht beherrscht ist und unter Ökonomen als "moralisches Risiko" bezeichnet wird. Darunter wird nicht moralisches Fehlverhalten einzelner Manager verstanden; vielmehr geht es um systemimmanente Anreizverzerrung in Banken, Unternehmen und dem öffentlichen Sektor, welche durch Informationsasymmetrien zwischen Managern und Kontrolleuren entstehen. Nur so ist die Schieflage bei der Bewertung auf den amerikanischen Hypotheken- und Immobilienmärkten zu erklären. Ein plausibles Beispiel ist das Versagen der Rating-Agenturen bei der externen Kontrolle. Die Einbrüche der "Realwirtschaft", auch als Wirtschaftskrise bezeichnet, sind die logische Folge der Finanzkrise. Sie werden uns noch mindestens eine Dekade verfolgen, die es braucht, um die unvorstellbaren Staatsdefizite, die sich derzeit anhäufen, wieder abzubauen.

Problem erkannt, Problem gebannt? Keineswegs. Durch die überhasteten Rettungsmaßnahmen für Großbanken und Industriebetriebe besteht die Gefahr, dass die "moralischen Risiken" auf Jahre verschleppt werden. So können Finanzspritzen schädliche Anreize nach sich ziehen, wenn private Kontrollanreize teilweise ausgehebelt werden. Aktuelle Beispiele sind Chrysler, bei dem US-Präsident Obama direkt in die Priorität der Schuldenbedienung eingreift, aber auch Opel, bei dem der deutsche Staat zum „Schiedsrichter“ über Übernahmeangebote - Beispiel: Fiat - wird. Schon Walter Eucken und Alfred Müller-Armack betrachteten die Marktwirtschaft lediglich als zweckmäßiges Organisationsmittel, welches jedoch - vor allem in Krisenzeiten - nicht ohne den Staat als Regulator der wirtschaftlichen Ordnung auskommen kann.

Fiskalpolitik in der Finanzkrise

Prof. Dr. Frank Heinemann
Prof. Dr. Frank Heinemann, TU Berlin, Fakultät VII Wirtschaft und Management, Fachgebiet Makroökonomik
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Prof. Dr. Frank Heinemann: Gezielte Konjunkturprogramme des Staates sollen schnell zusätzliche Nachfrage generieren, ohne dabei veraltete Geschäftsmodelle zu stützen. Der Sachverständigenrat hat im November empfohlen, zusätzliche Investitionen in Infrastruktur und in den Bildungssektor vorzunehmen, bei denen eine zügige Umsetzung möglich ist. Leider ist der Umfang derartiger Projekte begrenzt und begünstigt in erster Linie die Bauindustrie. Die Abwrackprämie wirkt überraschend schnell, aber ebenfalls sektorspezifisch. Eine weniger verzerrende Maßnahme ist die temporäre Reduktion der Mehrwertsteuer, die in Großbritannien umgesetzt wird.

Das Hauptproblem ist jedoch, dass die Finanzkrise das Eigenkapital der Banken aufgezehrt hat. Um die Kredite vergeben zu können, von denen Investitionen und Welthandel abhängen, müssen die Banken wieder privates EK beschaffen. Dies ist nicht möglich, solange unbekannte Risiken aus "toxischen" Wertpapieren in den Bilanzen schlummern.

Eine Lösungsstrategie besteht in der Schaffung "guter" und "schlechter" Banken. Um Anreizprobleme zu vermeiden, sollten Verluste vorrangig von Eigentümern und Managern der bestehenden Banken getragen werden. Die Bundesbank hat hierzu vorgeschlagen, dass betroffene Banken Tochterunternehmen gründen, denen sie die guten beziehungsweise schlechten Papiere übertragen. Die gute Tochter soll (befreit von toxischen Papieren) neues Eigenkapital aufnehmen, Kredite vergeben und Gewinne erwirtschaften, die anteilig an die Mutter abgeführt und dort mit Verlusten der schlechten Bank verrechnet werden. Letztere wickelt lediglich die toxischen Papiere ab. Der Staat garantiert nur die Existenz der Muttergesellschaft, wodurch der Aufwand für den Steuerzahler minimiert wird.

Quelle: "TU intern", 5/2009

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