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TU Berlin

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Forschung

Saubere Energie zum Nulltarif ist eine Illusion

Montag, 17. November 2008

TU-Studie hat konkrete Mehrkosten in Milliardenhöhe errechnet

Prof. Erdmann hält eine Rede
Lupe

Professor Erdmann, Sie haben kürzlich eine Studie erstellt, in der Sie erstmalig konkrete Zahlen zu den indirekten Kosten für die erneuerbaren Energien vorgelegt haben. Dabei haben sich Milliardenbeträge ergeben, die bei einem weiteren Ausbau zu tragen wären. Was bedeutet das für die Verbraucher und für das politische Ziel, den Anteil der erneuerbaren Energien an unserem Strommix zu erhöhen?

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist politisch gewollt. Das dient nicht nur dem Klimaschutz, sondern soll auch eine international wettbewerbs- und exportfähige Industrie in Deutschland entwickeln. Im Erneuerbare-Energien-Gesetz werden für die Einspeisung regenerativer Energien in das Netz garantierte Mindestpreise festgelegt. Das macht die Sache teurer gegenüber der konventionellen Stromerzeugung. Doch regenerative Energien aus Wind und Sonne stehen nicht kontinuierlich zur Verfügung und werden zudem fernab vom Verbraucher produziert, zum Beispiel künftig in Off-Shore-Windparks. Daraus resultieren die indirekten Kosten. Dazu kommt, ebenfalls verteuernd, dass der Bau der benötigten Leitungen oft nicht von der Öffentlichkeit akzeptiert wird.

Aber das Problem ist doch seit Langem bekannt. Wieso gab es jetzt diese Überraschung von derart hohen Kosten?

Leider hat bisher niemand versucht, abzuschätzen, wie groß die indirekten Kosten wirklich sind. Das habe ich mit meiner Studie jetzt erstmals versucht. Bislang hat man sich wohl mit dem Gedanken beruhigt, dass ja auch Entlastungseffekte entstehen, weil durch die regenerative Stromversorgung ein Teil der konventionellen Stromkosten entfällt. Wir haben jetzt den Saldo aus Vorteilen und Nachteilen ermittelt.

Konkret haben Sie 0,7 Eurocent indirekte Kosten pro Kilowattstunde errechnet. Was bedeutet das für stromintensive Industrien?

Bei der Zahl handelt es sich um einen Mindestwert. Höhere Kosten sind nicht ausgeschlossen. Stromintensive Industrien - zum Beispiel Elektro-, Stahl- oder Aluminiumerzeugung - sind nach dem EEG, dem "Erneuerbare-Energien-Gesetz", nur verpflichtet, 0,5 Cent pro Kilowattstunde zu tragen. Die berechneten indirekten Kosten müssen jedoch auch von diesen Stromkunden bezahlt werden und unterlaufen sozusagen das EEG.

Wenn der Gesetzgeber die energieintensiven Industrien nicht zu sehr belasten will, um deren Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, müssten diese zu Lasten der anderen Verbraucher, auch der Privathaushalte, entlastet werden.

Saubere Energien sind also doch nicht zum Nulltarif zu haben?

Natürlich nicht. Es ist in letzter Zeit die Illusion verbreitet worden, dass man einen beliebig anspruchsvollen Umwelt- und Klimaschutz erreichen kann, ohne dass die Bevölkerung ernsthaft belastet wird. Die Strompreise sind auch wegen der gesetzlichen Belastungen gestiegen. Hinzu kommt, dass stromintensive Industrien, deren Stromkosten vielleicht 30 Prozent ihrer Betriebskosten ausmachen, im Falle einer weiteren Strompreissteigerung ihre Aktivität in Deutschland einstellen müssen. Das wäre für den Industriestandort Deutschland und die Arbeitsplätze fatal.

Ist der Aufbau von regenerativen Energien überhaupt als nationale Aufgabe geeignet?

Deutschland hat besonders ungünstige Voraussetzungen zur regenerativen Stromerzeugung. Spanien, die Normandie, England oder Irland haben bessere Windbedingungen als wir. Unsere Küsten für Off-Shore-Erzeugung stehen teilweise unter Naturschutz. In England und Dänemark können die Windparks in Sichtweite aufgestellt werden, bei uns geht das nicht. Die großen Bevölkerungszentren - Ruhrgebiet, Sachsen oder Frankfurt - liegen küstenfern. Das bedeutet Mehrkosten für den Transport, für Bau und Instandhaltung von Übertragungsleitungen. In England leben die meisten Menschen innerhalb von 100 Kilometern zur Küste.

Für die Photovoltaik haben südliche Länder mit einer höheren Sonnenscheindauer bessere Voraussetzungen als Deutschland. Deutschland hat als relativ flaches Land auch bei der Wasserkraft Nachteile gegenüber Ländern wie zum Beispiel Skandinavien.
Eine europäische Harmonisierung des EEG hätte wahrscheinlich zur Folge, dass die regenerative Stromerzeugung in anderen Ländern stärker als in Deutschland vorangetrieben würde. Also wehrt sich die Bundesregierung gegen die entsprechenden Harmonisierungsbemühungen der EU. Deutschlands Position wird langfristig im Export von Know-how liegen müssen.

Woher haben Sie all die Daten zu Ihrer Studie bekommen?

Wir sammeln hier an der TU Berlin in einer deutschlandweit einmaligen Datenbank Zehntausende von Daten, um das Verhalten der Energiemärkte studieren zu können. Zu den Daten gehören verschiedene Windprognosen und die tatsächlichen Windeinspeisungen, tages- und stundengenau, außerdem die stündlichen Angebots- und Nachfragekurven an den wichtigsten Strrombörsen. Diese Daten stehen für Forschungsarbeiten, aber auch für Diplom- und Masterarbeiten zur Verfügung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 11/2008

Prof. Dr. Georg Erdmann leitet das Fachgebiet Energiesysteme der TU Berlin. Er arbeitet im Innovationszentrum Energie der  TU Berlin mit. Seit 2008 gehört er als gewählter Präsident zum Präsidium der International Association for Energy Economics (IAEE). Die Eigenschaften der internationalen Energiemärkte hat er in seinem Buch "Energieökonomik" dargelegt (Springer-Verlag 2007, ISBN 978-3-540-71698-3)

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