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TU Berlin

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Forschung

Die unsezierte Nation

Montag, 15. Dezember 2008

Über den Umgang mit dem Tod und dem menschlichen Leichnam

Vom Umgang mit Toten zeugt auch die große Vielfalt von Grabmälern.
Vom Umgang mit Toten zeugt auch die große Vielfalt von Grabmälern. Hier eine Steinmetzarbeit auf dem Friedhof der Georgen- und Parochialgemeinde in Berlin-Prenzlauer Berg
Lupe

In Deutschland liegt die klinische Obduktionsrate bei drei Prozent. Damit ist sie eine der niedrigsten weltweit. Die niedrige Sektionsrate muss alarmieren, ist die klinische Sektion doch nicht nur ein wichtiges Instrument medizinwissenschaftlicher Erkenntnis, sondern auch eine entscheidende Grundlage für die Todesursachenstatistik, auf der wiederum gesundheitspolitische Entscheidungen beruhen wie zum Beispiel die Einführung eines öffentlichen Rauchverbotes.

Darüber hinaus beeinflusst das Wissen über Todesursachen die Vergabe von Mitteln im Gesundheitswesen, aber auch für die Forschung. Um die Mortalitätsstatistik nicht zu verfälschen, müsste die Sektionsrate bei 30 Prozent liegen.

Unter klinischer Obduktion versteht man die Öffnung der Leiche, um die Todesursache eindeutig festzustellen oder Erkenntnisse über die Entstehung und den Verlauf einer Krankheit zu gewinnen. Obwohl die Ärzte seit langem auf die Folgen der „Sektionsmüdigkeit“ der Deutschen verweisen, sind die Ursachen dieses Phänomens keineswegs systematisch untersucht. Nun soll diese Lücke geschlossen werden. In dem von der Volkswagen-Stiftung mit 900000 Euro finanzierten Forschungsprojekt "Tod und toter Körper. Zur Veränderung des Umgangs mit dem Tod in der gegenwärtigen Gesellschaft" wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem auch klären, warum in Deutschland kaum noch obduziert wird.

"Aber die Fokussierung allein auf diese Frage wäre viel zu eng", sagt Hubert Knoblauch, Professor am Institut für Soziologie der TU Berlin und Leiter des Projektes. "Vielmehr wollen wir untersuchen, welche Stellung der Tod in der heutigen Gesellschaft einnimmt."

Die Tabuisierung des Todes wird der Moderne als ein konstitutives Merkmal zugeschrieben. Ob der Tod noch immer tabuisiert wird und ob zum Beispiel die ablehnende Haltung gegenüber der Sektion genau dafür ein Indiz ist oder sich ganz andere Phänomene dahinter verbergen, werden Wissenschaftler aus Aachen, Marburg, Zürich und Berlin aus philosophischer, soziologischer, medizinhistorischer und juristischer Sicht erforschen.

"Es gibt viele Indizien, die auf eine Enttabuisierung des Todes hindeuten, wie die öffentlichen Debatten um Sterbehilfe und Organspende zeigen. Aber auch die Aids- und Hospiz-Bewegung haben das Sterben und den Tod öffentlicher gemacht", so Knoblauch. Inwiefern diese Indizien jedoch die Schlussfolgerung zuließen, dass sich ein Wandel vollziehe, ist bei dem gegenwärtigen Stand der Forschung offen.


Unter Knoblauchs Ägide läuft das Projekt „Praxis und soziales Wissen der Obduktion“. Hier wird empirisch untersucht, warum in Deutschland so wenige klinische Obduktionen vorgenommen werden. "Wir müssen uns Kenntnisse darüber verschaffen, wie Ärzte und Betroffene agieren und reagieren, wie die medizinischen Anforderungen und die Motive, Vorstellungen und Wünsche der Betroffenen, die ihre Einwilligung geben sollen, ausgetauscht werden", erklärt Knoblauch.

In einem anderen Teilprojekt wird der Frage nachgegangen, ob der tote Körper noch als Mensch zu behandeln ist. Fragen von höchster Brisanz angesichts von Transplantations-, Organspende- und Gewebegesetzen.

Sybille Nitsche / Quelle: "TU intern", 12/2008

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