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TU Berlin

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Forschung

Die Sichtbarkeit des Mittelmaßes

Dienstag, 17. Juni 2008

Die neuen elektronischen Medien verändern nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch unsere Wertewelt - Interview mit Medienexperte Norbert Bolz

(Prof. Dr. Norbert Bolz ist Leiter des Fachgebietes Medienwissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Netzwerklogik und die Theorie der Massenmedien. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher einschlägiger Bücher und Artikel.)

Prof. Dr. Norbert Bolz ist Leiter des Fachgebietes Medienwissenschaften.
Prof. Dr. Norbert Bolz
Lupe

Herr Prof. Bolz, wie verändert das Internet unser Kommunikationsverhalten, insbesondere auch das der jüngeren Generation, die in Web 2.0 und Foren wie StudiVZ oder SchülerVZ unterwegs sind? Ist das häufige Fehlen des Vis-à-vis-Dialogs ein Kulturverlust?

Gewiss ändern diese neuen Formen die Kommunikationsverhältnisse fundamental. Ich zögere aber, zu unterstellen, hier gehe automatisch eine wertvollere Form von Kommunikation verloren. Der Dialog von Angesicht zu Angesicht ist natürlich eine sehr wertvolle, durch nichts zu ersetzende Form von Kommunikation. Doch man vergisst gerne: Nur die allerwenigsten verfügen über diese Form. Es gehören viel Selbstbewusstsein, Souveränität, Sprachkompetenz sowie rhetorische Fähigkeiten dazu, sich angemessen auszutauschen und darzustellen.

Die technisch vermittelte Kommunikation ist ja weniger direkt. Sie ist immer, wenn auch oft nur wenig, zeitlich verzögert …

… doch sie bringt einen ganz entscheidenden Vorteil: Vor allem wenig selbstbewusste, rhetorisch unbedarfte und wenig geistesgegenwärtige Leute nutzen diese Zeitverzögerung in einer Kommunikation, die wirkt wie Echtzeit-Kommunikation, um sich in Kommunikationssituationen einzuschalten, in denen sie früher niemals aufzutreten gewagt hätten. Das merkt man auch am veränderten Tonfall. Menschen, die es von Angesicht zu Angesicht niemals wagen würden, eine Frechheit oder auch nur eine Bitte vorzutragen, tun das jetzt ohne zu zögern. Das ist ein enormer Gewinn, der sich auch schon in der alten Form der E-Mail-Kommunikation bemerkbar machte. Ein Verlust ist das nur, wenn man eine hochgezüchtete Diskussionskultur als Maßstab anlegt - meines Erachtens eine reine "Seminar-Fiktion".

Beinhalten die neuen Kommunikationsformen die Gefahr von Vereinsamung, von Isolation, von verloren gehenden Kommunikations- und Sprachtechniken, wie oft beklagt wird?

Alle, die von Verlust in diesem Sinne reden, scheinen mir die alten Verhältnisse zu verklären. Schwierigkeiten gibt es an ganz anderer Stelle, nämlich am Beginn dieser Kommunikation. Das Bild eines Menschen, den man zunächst virtuell kennenlernt, prägt sich auch virtuell aus. Dieses hält oft der Belastung durch ein reales Treffen nicht stand. Das ist aber bereits ein uraltes Problem. Man kennt es schon aus den Brieffreundschaften oder aus der Kontaktanzeigen-Kultur: der "Cyrano-Effekt": In virtuellen Welten kann man sehr erfolgreich und dauerhaft ein Bild von sich selbst aufbauen, das der Wirklichkeit nicht standhält.

Der Romantiker Cyrano de Bergerac, eher scheu und hässlich, beeindruckte seine Angebetete durch die Kraft und Schönheit seiner Briefe. Die Anonymität des Netzes könnte also eher ein kultureller Vorteil sein beziehungsweise eine gesellschaftliche Weiterentwicklung, weil sie mehr Menschen animiert, am öffentlichen Gedankenaustausch teilzunehmen?

Richtig. Nicht die Isolation halte ich für bedenklich, sondern eher den sozialen Anschlusszwang, dem sich keiner entziehen kann. Schüler können es sich heute kaum leisten, nicht in SchülerVZ oder den modischen Communitys zu sein. Die Frage, ob ihnen das etwas bringt für die Konstruktion ihres eigenen Lebens, ob es für sie die ideale Form ist, stellt sich gar nicht mehr. Schon seit einigen Jahren ist es ja bereits peinlich, wenn man auf einer Visitenkarte keine E-Mail-Adresse angibt. Das kann sich heute keiner mehr leisten. Bereits für die Kinder ist es peinlich, nicht dabei zu sein. Bedenklich ist allerdings die Billigkeit der Telefonie durch die Flatrates. Wo Telefonie schon früher keine besonders artikulierte Form von Kommunikation war, führt das heute zu reinem "Gequassel". Mit Informationsübertragung hat das nichts zu tun.

Ein weiteres Problem ist der massive Höflichkeitsverlust, der Verlust von Manieren, Formorientierung. Diese Sekundärtugenden haben unmittelbar Einfluss auf das Kommunikationsverhalten. Einschränkend muss man allerdings sagen, dass das formale und kultivierte Verhalten von wenigen früher eher verallgemeinert wurde. Wir haben es heute nicht mit einem prinzipiellen Niveauverlust zu tun, sondern dadurch, dass diejenigen, die es mit der Form nicht so genau nehmen, durch die neuen Medien mehr in den Vordergrund gespült werden, mit einer größeren Sichtbarkeit der Mittelmäßigkeit. Die Mittelmäßigen, Unkultivierten oder Unproduktiven waren auch früher da, man hat sie nur nicht wahrgenommen. Heute kommen sie zur Hauptsendezeit ins Fernsehen. Das hat nichts mit Kulturverlust zu tun, es ist eine reine Aufmerksamkeitsverschiebung - hin zu Lebensformen, die unkultivierter sind, unproduktiver, unkreativer -, weil alle diese neuen Medien ihre Bandbreiten, ihre Spalten und Zeiten füllen müssen. Dennoch: Die anderen Kulturformen existieren ja weiter. Sie verlieren nur an Dominanz, haben keinen Leitbildcharakter mehr, sondern existieren in Nischen.

Ist damit die Medienlandschaft nicht auch ein Stück demokratischer geworden?

Ja, es ist sogar ein ganz wesentlicher Zug der Mediendemokratie. "Die Masse betritt den Schauplatz der Geschichte", hieß es in den Dreißigerjahren. Heute macht sogar jeder Einzelne in der Masse mit großer Selbstverständlichkeit und ungeheurem Selbstbewusstsein mobil. Und jeder erhebt dabei einen Anspruch auf "Eigenrichtigkeit". Das merkt man bei Schülern, bei Studierenden, es gibt keine Unterwürfigkeit mehr, kein Autoritätsbewusstsein mehr. Das werden viele beklagen, aber andererseits ist das auch erfrischend.

Gehen dabei aber nicht auch Orientierungsmuster verloren?

Jedenfalls sind die alten Orientierungsmöglichkeiten alle verloren gegangen, wie die Oberschichtenorientierung - in Geschmacksfragen beispielsweise -, die Orientierung an Expertenwissen oder unhinterfragbaren Autoritäten. Denken Sie nur an die Rolle der Kirche, die für die Orientierung der Menschen sogar noch bis vor Kurzem unglaublich wichtig war. Auch die Orientierung an den Medien hat sich verändert. Hier gibt es allerdings wichtige Korrekturen an der Anarchie der Informationen: ein Mechanismus, den man auch als "Wiki-Prinzip" beschreiben könnte: In der Internetgesellschaft kann heute jeder nicht nur Rezipient, sondern auch Produzent sein. Auf wirklich wichtige Artikel greifen täglich Hunderte, Tausende zu, stellen fest, wo etwas nicht stimmt, und korrigieren es sofort. Man kann also davon ausgehen, dass überall da, wo es wirklich wichtig ist, die Selbstkontrolle und die Filtermechanismen des Internets hervorragend funktionieren. Überall da, wo man es mit Spezialwissen oder auch mit Unwichtigem zu tun hat, muss man allerdings auch mit den schlimmsten Entgleisungen, mit Paranoia und allem Möglichen rechnen. Das ist Teil dessen, was man "wisdom of crowds", die "Weisheit der Vielen" nennt. Aus den unendlich vielen Beiträgen auch harmloser und einfacher Menschen kann dem Expertenwissen eine ernsthafte Konkurrenz erwachsen.

In diesem Punkt in der Internetkultur, den Wiki-Nets, bin ich allerdings rückhaltlos optimistisch. Das ist ein unverlierbarer Gewinn. Trotz aller immer wieder nachgewiesenen Schwächen. Doch dieses neue Prinzip der Selbstkontrolle durch massenweise Kollaboration in Netzwerken, wo Menschen ihre Unabhängigkeit bewahren können, das ist eine fantastische Neuerung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Patricia Pätzold / Quelle: "TU intern", 6/2008

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