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TU Berlin

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Forschung

Hassliebe zur Revolution und zwei Sprachen

Donnerstag, 14. Juli 2011

Sprachliche Zweiteilung und ihre Auswirkung in Kuba

Die kubanische Revolution habe in der Sprachlandschaft ihre Spuren hinterlassen, schreibt Cornelius Griep vom Zentrum für internationale und interkulturelle Kommunikation der TU Berlin in der Einleitung seiner neuen Publikation. Der Linguist ging dem nach: Er untersuchte den offiziellen Diskurs und die Alltagssprache in Kuba, die sich gegenseitig beeinflussen und bekämpfen. "Wenn keine Anpassungsstruktur hergestellt wird, wenn der Staat seine Machtposition nicht aufgibt, kann keine öffentliche Diskussion entstehen, und es kommt zu sozialen Unruhen", lautet die zentrale These.

In Dutzenden Kuba-Aufenthalten entdeckte der Wissenschaftler die Alltagskultur und tauchte in sie ein. Er lebte inmitten der Bevölkerung, beobachtete die Menschen und führte Interviews. "Die Kubaner benutzen alte Kulturtechniken, um sich gegen die ,Sprache der Diktatur‘, die sich in Denkschemata und Zwängen festgesetzt hat, zu wehren. Untersucht habe ich die Langzeitwirkung des offiziellen Diskurses auf diese Alltagssprache."

Die Auseinandersetzung mit unzähligen Materialien kontrollierter Massenmedien und Propagandamitteln gibt ein ausführliches Bild über die offizielle Sprache. Zahlreiche Fotos, Interviews und Filme hat der Autor als CD seinem Buch hinzugefügt. Diese zeichnet sich durch militärisches Vokabular und einen kompromisslosen Ton aus, der keine Zwischentöne oder Dialoge zulässt. Im Prinzip sei sie dieselbe stalinistisch geprägte Sprache, mit der Fidel Castro 1961 den sozialistischen Charakter der Revolution proklamierte. So haben Slogans wie "Menschen sterben, die Partei ist unsterblich" und "Das vereinte Volk wird nie besiegt" ein halbes Jahrhundert ohne große Anpassung überstanden.

Die Haltung der Bevölkerung zur Revolution zeichne sich durch eine "tief verankerte Hassliebe" aus, die in diesen beiden Diskursen sichtbar ist. Sie hat Gefühle falscher Dankbarkeit und Treue. Gleichzeitig ist sie von Maßnahmen der Regierung abgestoßen, welche die Lebenssituation verschlechtern und die Freiheit beschneiden. Die Widersprüche scheinen sich im Bewusstsein der Menschen, in einer "Mentalität des doppelten Spiels" manifestiert zu haben. Die kubanische Bevölkerung greift auf alte Techniken und Muster zurück, die Mehrdeutigkeiten ermöglichen und Zwänge lösen. Beispielsweise wird die "choteo", eine kubanische Tradition der Übertreibung und Satire, zum Instrument des Widerstandes: Man macht sich über Sprache oder Führungspersönlichkeiten lustig. "Choteo" funktioniert auf emotionaler Ebene und hat eine Ventilfunktion. Griep spricht von einer "soziokulturellen (Überlebens-)Strategie".

Doch ein solches Ventil genüge nicht: "Sollte das Gesellschaftssystem, das derzeit nur noch durch die Macht des Wortes künstlich am Leben gehalten wird, nicht radikale sprachliche und politische Veränderungen erfahren, um sich an die Alltagssprache anzunähern, wird es nicht mehr zu verhindern sein, dass die sprachliche und psychologische Teilung der Nation in einer physischen Konfrontation mündet. Zu tief sind die Wunden der emotionalen Beeinflussung und mentalen Erstarrung, die ein halbes Jahrhundert Revolution im kollektiven Unterbewusstsein der Bevölkerung hinterlassen hat."

Jana Bialluch / Quelle: "TU intern", 7/2011

Cornelius Griep: Die Wirkung des offiziellen Diskurses auf die Alltagssprache in Kuba, Verlag Peter Lang 2011, ISBN: 978-3-631-58903-8

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