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TU Berlin

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Alumni

Späte Promotion nach 65 Jahren

Montag, 09. Februar 2009

TU Berlin forscht nun, ob es weitere ähnliche Schicksale gab

Dimitri Stein und seine Frau Sophie in der TU Berlin
Glücklich nach erfolgter Promotion: Dimitri Stein und seine Frau Sophie in der TU Berlin
Lupe

Am 30. Januar 1933 begann mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Bekanntermaßen hielt der nationalsozialistische Gedanke auch in den Universitäten Einzug, wo jüdische oder kritische Wissenschaftler diskriminiert oder von der Hochschule vertrieben wurden. So auch in der Technischen Hochschule Berlin (TH).

Einer von ihnen war Dimitri Stein, der kürzlich an seine ehemalige Universität zurückkehrte, um seine Promotion, 65 Jahre nachdem er seine Dissertation im Diplomprüfungsamt der TH Berlin eingereicht hatte, endlich zu vollenden. Der 1920 geborene Dimitri Stein schloss Anfang der 1940er-Jahre an der Fakultät für Maschinenwesen der damaligen Technischen Hochschule Berlin erfolgreich sein Studium der Elektrotechnik ab, reichte 1943 seine Dissertation ein und beantragte die Zulassung zum Promotionsverfahren. Als "Mischling 1. Grades", wie es im NS-Jargon hieß, wurde ihm jedoch die Zulassung verweigert und somit seiner wissenschaftlichen Laufbahn ein jähes Ende gesetzt. Im Frühjahr 1944 musste er vor der Gestapo untertauchen und überlebte das NS-Regime nicht zuletzt durch die Unterstützung des Betreuers seiner wissenschaftlichen Arbeit, der ihn versteckte. Im Jahr 1947 wanderte Stein in die USA aus, wo er eine beachtliche Karriere als Ingenieur machte. Seine Nachfrage nach Kriegsende nach Möglichkeiten eines wiederaufzunehmenden Promotionsverfahrens wurde von der TU Berlin kurzerhand abgelehnt.

Durch den Freundeskreis von Dimitri Stein erfuhr die Fakultät IV Elektrotechnik und Informatik Anfang 2008 von diesen beschämenden Vorfällen, und die Fakultätsleitung war sehr überzeugt, dass die angemessene Reaktion auf das Dimitri Stein zugefügte Unrecht war, ihm heute das einzuräumen, was ihm 1943 verwehrt wurde: die Zulassung zur Promotion, eine Prüfung der Arbeit und bei positivem Verlauf die Promotion zum Dr.-Ing. Die Dissertation ist verloren gegangen, ihr wesentlicher Inhalt glücklicherweise aber in einer Fachzeitschrift erhalten geblieben. Dieser Aufsatz wurde dem Promotionsverfahren an Stelle der Originaldissertation zugrunde gelegt. Die vom Fakultätsrat eingesetzten Gutachter beurteilten die Arbeit positiv, die wissenschaftliche Aussprache fand am 12. November 2008 mit Erfolg statt und TU-Präsident Kurt Kutzler überreichte in einer kleinen Feierstunde die Promotionsurkunde. "Nach New York zurückgekehrt, klingen die wunderbaren Ereignisse an der TU Berlin noch täglich nach. Ich möchte Ihnen vor allen Dingen danken für die warmen Worte, die Sie anlässlich der Überreichung der Doktorurkunde gefunden haben. Für mich ist dies ein einmaliges Erlebnis. Ich habe nie daran geglaubt, dass nach 65 Jahren meine Dissertation anerkannt wird", schrieb Dimitri Stein in einem Brief an den TU-Präsidenten.

Dieser nimmt die Geschichte von Dimitri Stein nun zum Anlass, sich diesem Kapitel der eigenen Geschichte genauer zu widmen. Aufgearbeitet werden soll es am Zentrum für Antisemitismusforschung im Rahmen eines Forschungsprojektes, das nicht nur nach weiteren Wissenschaftlern suchen wird, denen der Doktorgrad verweigert oder entzogen wurde, sondern auch nach deren Lebens- und Überlebenswegen. Auch nach möglichen Helfern wie im Falle Stein soll geforscht werden. Und der Umgang der TU Berlin nach 1945 mit diesem Thema ist Gegenstand des Interesses. Vielleicht bleibt Dimitri Stein nicht der Einzige, dessen Verfahren nach so langer Zeit wiederaufgenommen wird. Andere könnten posthum geehrt werden, um ihnen die Würde und Anerkennung zuteilwerden zu lassen, die ihnen damals verwehrt blieb. Da der überwiegende Teil des Hochschularchivs im Krieg verloren ging, freut sich die Leiterin des Projekts, Dr. Carina Baganz, über jeden Hinweis.

Bettina Klotz, Horst Bamberg, Dr. Carina Baganz / Quelle: "TU intern", 2/2009

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