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TU Berlin

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Die toten Kinder von Abidjan

Mittwoch, 10. September 2014

Medieninformation Nr. 179/2014

Studie zur Sterblichkeit von armen und reichen Kindern in afrikanischen Städten

Wer in Deutschland zur Welt kommt, hat Glück. Denn die Wahrscheinlichkeit, zu überleben, ist groß: Nur 4 von 1000 Kindern sterben vor dem fünften Geburtstag. In Afrika sind es in vielen Ländern – trotz großer Verbesserungen in den letzten Jahren – weit über 100 tote Kinder pro 1000 Geburten. Mehr als 6,6 Millionen Kinder sterben weltweit vor dem fünften Geburtstag. Fast 99 Prozent davon in den ärmeren Ländern, insbesondere in Südasien und in den Ländern südlich der Sahara. Doch auch in diesen Ländern gibt es große Unterschiede. Wissenschaftler um Dr. Wilm Quentin vom Gesundheitsökonomischen Zentrum Berlin (BerlinHECOR) am Fachgebiet Management im Gesundheitswesen der Technischen Universität Berlin, haben erstmalig systematisch Ungleichheiten in der Sterblichkeit von Kindern bis zum fünften Lebensjahr in zehn großen afrikanischen Städten verglichen. Die Aufdeckung von Trends in den Sterblichkeitsraten und wovon diese abhängen, soll den Regierungen die Möglichkeit geben, effiziente Maßnahmen zu ergreifen. 

„Afrika ist für solche Untersuchungen besonders interessant, denn afrikanische Städte wachsen schneller als die Städte fast aller anderen Regionen der Welt. Man schätzt, dass 2020 mehr Menschen in afrikanischen Städten leben als in europäischen", erklärt Wilm Quentin zu den Hintergründen seiner Studie. Der Arzt, der auch einen Master of Science in Gesundheitspolitik, -planung und -finanzierung von der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM) und der London School of Economics (LSE) hat, interessiert sich für die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen von Gesundheitssystemen weltweit. Zu den Ergebnissen der aktuellen Studie sagt er: „Es gibt nicht nur Unterschiede in der Kindersterblichkeit zwischen Stadt- und Landbewohnern in Afrika, sondern auch in den sozio-ökonomischen Gruppen. Das ist durch viele Studien bereits gut dokumentiert. Was bisher fehlte, war ein aussagekräftiger, systematischer Vergleich.“ Den haben die Wissenschaftler nun vorgelegt. Ihrer Studie liegen die regelmäßig erhobenen Daten des „Demographic and health survey“-Programms der letzten etwa zehn Jahre aus den Städten Kairo, Lagos, Kinshasa, Luanda, Abidjan, Dar es Salaam, Nairobi, Dakar, Addis Abeba und Accra zugrunde. Unter anderem fanden sie heraus, dass es Städten wie Kairo, Lagos, Dar es Salaam, Nairobi und Dakar gelungen ist, sowohl die absolute Sterblichkeitsrate als auch die ungleiche Verteilung in den sozialen Gruppen zu verringern, während es vor allem in Abidjan zu einer Steigerung gekommen ist. Die Zahlen reichen von 39 Todesfällen pro 1000 Lebendgeborenen (Kairo, 2008) bis zu 107 Todesfällen pro 1000 Lebendgeborenen (Dar es Salaam, 2010). Besonders auffällige Ungleichheiten wurden dabei in Kinshasa, Luanda, Abidjan und Addis Abeba gefunden. Vor allem in Abidjan zeigte sich ein ausgeprägtes soziales Gefälle. Dort gab es 2011/2012 eine durchschnittliche Sterberate von 93 Todesfällen pro 1000 Lebendgeburten, dabei aber nur 31 im reichsten Fünftel der Bevölkerung, während es im ärmsten Fünftel 139 waren.

Bewaffnete Konflikte wirken lange auf die Kindersterblichkeit nach

„Es zeigte sich, dass es beträchtliche Unterschiede in fast allen untersuchten Städten gibt“, so Wilm Quentin. „Doch das Niveau der Ungleichheiten und ihre Entwicklung über die Jahre scheinen sehr stark von Stadt zu Stadt zu differieren. Das gibt Anlass zu der Annahme, dass die Sterblichkeitsraten durch politische und soziale Interventionen beeinflussbar sind und auch von der jeweiligen Konfliktlage abhängen.“ Das Beispiel Abidjan zeigt, dass vor allem politische Konflikte große Auswirkungen auf die Kindersterblichkeit haben: 1998/99 war die Ungleichheit relativ gering, dreizehn Jahre später aber wieder sehr hoch, verglichen mit anderen afrikanischen Städten. Über einen ähnlichen Zeitraum haben Kairo, Lagos, Dar es Salaam, Nairobi und Dakar die Ungleichheiten entscheidend gesenkt. „Eine Erklärung für diesen gegenläufigen Trend kann sein, dass Abidjan in dieser Zeit politisch sehr instabil war und vor allem unter dem Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste 1999 bis 2011 litt“, so Wilm Quentin. „Es hat sich gezeigt, dass bewaffnete Konflikte die Kindersterblichkeitsrate nicht nur während, sondern auch noch weit nach der Zeit der aktiven kriegerischen Auseinandersetzung stark erhöhen.“  Insgesamt sei jedoch klar geworden, so Quentin, dass noch weitere und umfangreichere Untersuchungen notwendig seien, um die Eindeutigkeit der Ergebnisse zu verbessern, den Grad der Ungleichheiten innerhalb der Städte zuverlässig zu quantifizieren, vor allem aber, um Faktoren zu identifizieren, die dazu beitragen, diese Ungleichheiten zu reduzieren.

Die Studie erschien kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „BMC Medicine“ unter dem Titel: „Inequalities in child mortality in ten major African cities“. Autoren: Wilm Quentin, Olayinka Abosede, Joseph Aka, Patricia Akweongo, Kouassi Dinard, Alex Ezeh, Ramadan Hamed, Patrick Kalambayi Kayembe, Getnet Mitike, Gemini Mtei, Marguerite Te Bonle and Leonie Sundmacher. Er ist online verfügbar unter:
www.biomedcentral.com/1741-7015/12/95

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Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Dr. Wilm Quentin
Technische Universität Berlin
Fakultät VII Wirtschaft und Management
Institut für Technologie und Management
Fachgebiet Management im Gesundheitswesen
Tel.: 030/314-29420

www.mig.tu-berlin.de

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