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TU Berlin

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Internationales

24-mal Hoffnung am Hindukusch

Freitag, 11. Oktober 2013

Die zweite Generation der afghanischen Studierenden im TU-Master-Programm Informatik zieht wieder in die Heimat

TU-Vizepräsident Hans-Ulrich Heiß diskutiert mit Absolventen, in der Hand die Dankes-und-Anerkennungs-Urkunde, die er von der afghanischen Regierung erhielt
Lupe

„Zuerst war die Familie skeptisch, dass mein Vater mich zum Studium ins Ausland gehen ließ“, sagt Foawziah Naseri. „Doch nun wollen einige Familienmitglieder es mir nachmachen.“ Foawziah ist eine der vier Frauen unter den 24 Studierenden aus Afghanistan, die in diesen Tagen ihr Master-Studium der Informatik an der TU Berlin abschließen. Das entspricht prozentual etwa dem Anteil, den Frauen auch an afghanischen Universitäten haben. Doch für das Land am Hindukusch ist das ein großer Erfolg. Am Ende der Talibanherrschaft 2001/02 waren Frauen aus dem universitären Alltag vollständig verschwunden. Jetzt wollen Foawziah und ihre Mitstudierenden, unterstützt von der TU Berlin, ihrem Land Zugang zum globalen Wissen verschaffen und damit helfen, es zu einer freien und modernen Gesellschaft zu entwickeln.

„Wir wollen Frieden für Afghanistan – und der Schlüssel ist Bildung“, sagt auch Abed Nadjib, Gesandter der afghanischen Botschaft in Berlin. „Deutschland hat uns in diesem Bestreben nicht allein gelassen. Dafür sind wir sehr dankbar.“ Worte voller Dankbarkeit und Herzlichkeit, die am 20. September bei der Abschlussfeier und Podiumsdiskussion häufig zu hören waren. Das seit 2007 laufende Programm, in dem nun bereits die zweite Generation der jungen Afghanen drei Jahre lang an der TU Berlin Informatik studiert hat, wird vom Auswärtigen Amt aus Mitteln des „Stabilitätspakts Afghanistan“ finanziert und durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert. Zu Beginn hatte die Weltbank die Finanzierung übernommen.

Das Programm genießt hier wie dort hohes Ansehen: Der Vizeminister für höhere Bildung Afghanistans, Professor Osman Babury, der Botschafter der Islamischen Republik Afghanistan in Berlin, Vertreter von DAAD, Auswärtigem Amt, afghanischen und deutschen Universitäten waren gekommen, um zu gratulieren sowie das weitere Vorgehen zu diskutieren. Vizeminister Babury erläuterte den Strategieplan seines Ministeriums für die nächsten Jahre. Angesichts seines Budgets von 64 Millionen US-Dollar und einigen Hilfen durch Weltbank, USAID, Nato und Entwicklungshilfe für 2013 sind die Ideen ehrgeizig: Die Erhöhung der Studierendenzahlen – derzeit sind es an staatlichen und privaten Universitäten rund 200 000 –, Verbesserung von Infrastruktur, Laborausstattung und Lehrmaterial, Bau von Schlafräumen für Studierende und vieles mehr kommen darin vor. Eine große Herausforderung, so räumt er ein, sei aber auch der Umbau der traditionell geprägten Forschungslandschaft in ein effizientes, wettbewerbs- und qualitätsorientiertes System, das Verdienste belohnt, mit autonomeren Universitäten.

Für den technologischen Aufbau sollen nun die frischgebackenen Absolventinnen und Absolventen sorgen, die später mehrheitlich in Universitäten und Verwaltung ihrer Heimat tätig werden. So beschäftigten sie sich in ihren Master-Arbeiten auch mit Projekten, die dem Aufbau und der Entwicklung nachhaltiger IT-Strukturen an afghanischen Universitäten und Behörden dienen: Lösungen für den Aufbau eines städtischen drahtlosen Netzes zur Verbindung von Bildungseinrichtungen, Aufbau der Infrastruktur solcher Netze, Schaffung von Netzzugängen in Stadt und Land, Entwicklung modularer E-Learning- und Campus-Management-Systeme oder Verbesserung von IT-Ausbildung an afghanischen Schulen.

Koordiniert wird das Master-Programm an der TU Berlin vom Zentrum für internationale und interkulturelle Kommunikation (ZiiK) an der Fakultät IV Elektrotechnik und Informatik unter Leitung von Dr. Nazir Peroz. Selbst aus Afghanistan stammend kam er vor mehr als 30 Jahren nach Deutschland, von wo aus er vielfältige Projekte und Aktionen startete, um insbesondere der brachliegenden akademischen Bildung seines Heimatlandes wieder auf die Beine zu helfen.

Als er 2002 erstmals wieder nach Afghanistan kam, waren 70 Prozent der Universitätslandschaft zerstört. „Es gab nur einen alten Computer an der Fakultät ,Science‘ der Universität Kabul“, erzählt Peroz. Mittlerweile verfügt Afghanistan über sieben Fakultäten für Computer Science sowie über vier Rechenzentren. Mit dem Aufbau eines ersten Rechenzentrums an der Universität Kabul, gemeinsam mit dem DAAD, schufen er und seine Assistenten und Studenten den Gelehrten des Landes einen schmalen Zugang zum Wissen des 21. Jahrhunderts. In den Jahren danach wurde Nazir Peroz, der mit dem ZiiK bereits viel Erfahrung im Aufbau von wissenschaftlichen Strukturen in Entwicklungsländern hatte, europäischer Koordinator für den Aufbau von IT-Strukturen in Afghanistan. Eva Hoffmann, ehemalige TU-Informatikstudentin, die heute in Schottland promoviert, war eine der ersten Frauen, die an den Afghanistan-Exkursionen teilnahmen. „Vielleicht hat das geholfen, dass heute 40 Prozent der Informatikstudierenden in Afghanistan weiblich sind, viel mehr als in anderen Fächern und sogar viel mehr als in Deutschland“, erzählt sie. Und die langfristige Wirksamkeit der Aktivitäten bestätigt auch TU-Vizepräsident Prof. Dr. Hans-Ulrich Heiß: „Unsere Erfahrung ist, dass die ausländischen Studierenden oft lebenslang ein enges Band zu ihrem Studienland knüpfen, häufig zurückkehren und gute Botschafter Deutschlands in ihrer Heimat werden.“ So wie Foawziah Naseri, ihre 23 Kommilitoninnen und Kommilitonen, ihre 24 Vorgänger und die 25 Aspiranten, die 2014 an der TU Berlin erwartet werden.

Patricia Pätzold / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 10/2013

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