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TU Berlin

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Forschung

Prophezeiung, die sich selbst erfüllt

Freitag, 11. Oktober 2013

Das „GeMIS-Projekt“ an der TU Berlin erforscht, welche Faktoren das Interesse an Mathematik beeinflussen

Mädchen und Mathe - schon in der Schule werden die Weichen gestellt
Lupe

Vor drei Jahren begann das Forschungsprojekt „GeMiS – Gender, Migration, Schule“. Nun liegen abschließende Ergebnisse der Studie vor, die vom Europäischen National Fond unterstützt wurde. Dr. Rebecca Lazarides und Prof. Dr. Angela Ittel vom Institut für Erziehungswissenschaften der TU Berlin zeichnen dafür verantwortlich.

Unter anderem wurden 425 Schülerinnen und Schüler der achten bis zehnten Schulstufe verschiedener Schultypen in Berlin zu den Faktoren befragt, die das fachliche Interesse an Mathematik beeinflussen: die Einschätzung der eigenen mathematischen Fähigkeiten, die Mathe-Note und die Stereotypisierung des Faches als „typisch männlich“. Außerdem untersuchte Rebecca Lazarides, wie Lehrende und Eltern die Ausprägung dieser drei Faktoren beeinflussen.

Dabei stellte sie fest: Obwohl Mädchen sich in ihren mathematischen Leistungen kaum von Jungen unterschieden, schätzten sie ihre Fähigkeiten deutlich schlechter ein als ihre männlichen Mitschüler. „Den Mädchen ist nicht bewusst, dass sie genauso gut rechnen können wie die Jungs“, sagt die Wissenschaftlerin.

Dieses negative Selbstbild hängt anscheinend oft mit Vorurteilen der Lehrenden zusammen, die von den Lernenden wahrgenommenen werden. Mädchen, die den Eindruck hatten, dass ihre Lehrkraft die Jungen für begabter hielt, berichteten, dass sie sich weniger für Mathe interessierten, und schätzten auch ihre mathematischen Fähigkeiten schlechter ein. Der direkte Vergleich zwischen Schülerinnen zeigte sogar, dass Mädchen, deren Lehrerin oder Lehrer Mathematik für ein typisches „Jungenfach“ hielt, schlechtere Noten hatten – eine „selbsterfüllende Prophezeiung“, so nennt es die Forschung: Die Schülerinnen verhalten sich so, wie sie annehmen, dass es von ihnen erwartet wird.

„Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Lehrenden den Schülerinnen und Schülern immer wieder vermitteln, dass stereotypisierende Zuschreibungen wie ,Mädchen sind ja allgemein nicht besonders begabt in Mathe!‘ nicht zutreffend sind“, erklärt Rebecca Lazarides. Hilfreich sei auch, wenn die Lehrenden im Unterricht beispielhaft auch berühmte Mathematikerinnen erwähnen. „Dadurch vermitteln sie ihren Schülerinnen, dass Mathe kein reines Männerfach ist“, so die TU-Pädagogin. Auch Unterrichtsmaterialien wie Textaufgaben müssten für Jungen und Mädchen gleichermaßen ansprechend sein.

Rebecca Lazarides fand außerdem heraus, dass die von den Lernenden wahrgenommene Sozialkompetenz der Lehrenden eine entscheidende Rolle spielt: Schülerinnen, die ihre Lehrerinnen oder Lehrer als zugewandt und an sich persönlich interessiert wahrnahmen, interessierten sich auch mehr für den Mathematik-Unterricht. Gleiches gilt der Studie zufolge auch in der Beziehung zwischen Eltern und Töchtern. Bezeichnend dafür ist, dass das Interesse der Mädchen stieg, wenn sie den Eindruck hatten, ihre Eltern würden sich für ihren Lernfortschritt interessieren, etwa weil diese bei den Mathe-Hausaufgaben halfen oder ihre Töchter zu guten Leistungen ermunterten. Bei Jungen ist diese Wechselwirkung nicht zu beobachten.

Aber auch ein als klar strukturiert und verständnisorientiert wahrgenommener Unterricht steigerte das Interesse der Schülerinnen. Und Lernende, die sich in die Gestaltung des Unterrichts eingebunden fühlten, schätzten nicht nur ihre eigenen Fähigkeiten besser ein, sondern erzielten auch bessere Leistungen.

Doch wie viele Schülerinnen empfinden ihren Mathematik-Unterricht tatsächlich als interessefördernd? „Leider zu wenige“, meint die TU-Forscherin. Fast die Hälfte der befragten Jugendlichen nahm ihre Mathe-Stunden als wenig strukturiert und die Lehrkraft als wenig sozial unterstützend wahr. Auch sahen über 45 Prozent kaum Möglichkeiten, den Unterricht selbst mitzugestalten.

„Insgesamt legen die Ergebnisse unserer Studie nahe, dass die Lehrenden von vornherein verhindern müssen, dass sich geschlechtsspezifische Vorurteile in den Köpfen der Schülerinnen festsetzen“, sagt Rebecca Lazarides. Gelingt das nicht, werden Mathematik-Studentinnen wie Julia auf Aussagen wie „Ich studiere Mathe“ auch weiterhin die übliche Reaktion bekommen: „Echt?“

 

www.schulpaedagogik-heute.de/index.php/sh-zeitschrift-0813

Jennifer Algner / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 10/2013

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