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TU Berlin

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Forschung

QUEEN´S LECTURE 2013 AN DER TU BERLIN: HAPPINESS BY DESIGN

Der Produktionsprozess des Glücks

Freitag, 11. Oktober 2013

Was Neurowissenschaft und Verhaltensforschung zum Wohlbefinden von Individuum und Gesellschaft beisteuern können

Paul Dolan, Ph. D., Professor für Neuro- und Verhaltenswissenschaften an der London School of Economics und Political Science
Lupe

Professor Dolan, als Verhaltens- und Wirtschaftsforscher beschäftigen Sie sich damit, wie Glücksgefühle entstehen und wie man das beeinflussen kann, als Individuum und als Gesellschaft. Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Das ist eine große Frage. Ich war kürzlich in Princeton bei Daniel Kahneman, der einen Nobelpreis für seine Forschungen in Wirtschaftspsychologie bekommen hat. Er weiß mehr über Verhaltensforschung als sonst jemand auf der Welt. Und er sagt, um wirklich unser eigenes Glück zu beeinflussen, müssen wir noch sehr viel über menschliches Verhalten lernen. Aber ich kann Folgendes sagen: Ich denke, es macht viel aus, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass das Glücksgefühl beeinflussbar ist. Man muss allerdings den Unterschied beachten zwischen den Dingen, von denen man weiß, dass sie einen glücklich machen, und den Dingen, von denen man weiß, dass sie einen eigentlich glücklich machen sollten: der Job, der Partner oder die Partnerin, das große Haus, möglichst viel Geld. Das verwechselt man leicht – und tut dann das Falsche. Ich nehme meine Person da nicht aus. Ein Tipp: Ein nachgewiesener Glücksfaktor ist, möglichst viel Zeit mit Menschen zu verbringen, die einem wichtig sind. Das liegt daran, dass erstens Zeit für die meisten von uns eine knappe Ressource ist und dass wir zweitens soziale Wesen sind.

Nach Ihren Forschungen ist ein wichtiger Glücksfaktor die Aufmerksamkeit, die wir den Dingen schenken, die wir gerade tun. Warum?

Hier geraten wir schon mitten hinein in die Neurowissenschaften, die sich mit den Gehirnfunktionen beschäftigen. Zunächst einmal: Das Gehirn ist ein faules Ding, oder etwas weniger platt: Das Gehirn versucht, mit minimalem Einsatz maximalen Gewinn zu generieren. Jede Ablenkung von den Dingen, die wir tun, kostet das Gehirn Energie, die es nur ungern investiert. Denn diese Energie geht den Dingen verloren, mit denen wir uns gerade beschäftigen. Wir haben dazu eine Untersuchung durchgeführt, bei der Studierende zwei Aufgaben lösen sollten, ein Kreuzworträtsel und ein Sudoku. Eine Gruppe konnte wählen, in welcher Reihenfolge sie die Aufgaben löst oder ob sie hin- und herspringen will. Die andere Gruppe bekam die Reihenfolge vorgeschrieben. Ergebnis: Die letztere Gruppe erledigte die Aufgaben am schnellsten. Die Zweitschnellsten waren diejenigen, die freiwillig eine Aufgabe nach der anderen erledigten. Schlusslicht waren diejenigen, die zwischen den Aufgaben hin- und hersprangen. Was sagt uns das? Das Gehirn derjenigen, die die Reihenfolge vorgeschrieben bekamen, verbrauchte am wenigsten Energie für andere Entscheidungsprozesse. Das „Switching“-Verfahren dagegen benötigt viel Energie für das wiederholte Hineindenken in die Aufgaben. Dass das sogenannte „Multitasking“ heute oft als gewünschte Fähigkeit betrachtet wird, ist danach eine komplette Fehlentwicklung, denn es kommt weder der Produktivität noch dem individuellen Glücksempfinden entgegen.

Gibt es denn Faktoren, die definitiv glücklich machen?

Menschen schreiben bestimmten Faktoren einen Einfluss auf ihr Glücksempfinden zu. Dazu gehören Einkommen, Ehe, Sex, Berufssituation. Doch diese, sogenannte „Glücks-Inputs“, haben keinen direkten Einfluss auf das erlebbare Glück, den „Glücks-Output“. Dieser hängt vielmehr davon ab, wie viel Aufmerksamkeit wir dem jeweiligen Faktor schenken. Eine Gehaltserhöhung macht also nur glücklich, solange sie Aufmerksamkeit bekommt. Doch meist tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Er entsteht dadurch, dass die Aufmerksamkeit, die ein knappes Gut ist, sich nach und nach anderen Dingen zuwendet. Damit verschwindet auch der Glückseffekt.

Was heißt das für unser Glück? Wie können wir also unser eigenes Glück gestalten?

Die Forschung hat bereits vor Jahrzehnten erkannt, dass unser Verhalten zu einem großen Teil von unbewussten und automatischen Prozessen gesteuert wird, die direkt im ältesten Teil unseres Gehirns, dem Hirnstamm oder dem limbischen System entstehen. Diese Prozesse wiederum werden von Situationen und Umgebungen beeinflusst. Dass Sie einen Schokoriegel kaufen, beruht meist nicht auf einer bewussten, vorher getroffenen Kaufentscheidung, sondern er ist Ihnen an der Kasse ins Auge gesprungen. Ihre Umgebung manipuliert Ihre Entscheidungen. Gestaltung von Glück ist also auch Gestaltung von Umwelt. Wenn wir zum Beispiel abnehmen wollen, sollten wir alle Verführungen aus unserer Umgebung entfernen. So verschwenden wir keine Energie damit, uns davon fernzuhalten. Für unerwünschtes Verhalten müssen wir also höhere Hürden aufbauen.

Der rein rational entscheidende „Homo oeconomicus“ existiert also nicht?

In dieser Absolutheit kann man das nicht sagen. Wir müssen noch vieles über das Zusammenspiel des limbischen Systems und anderer Anteile unseres Gehirns lernen. Klar ist aber, dass ein Kreditangebot mit einer attraktiven Frau auf dem Cover bis zu 25 Prozent mehr verkauft wird als ohne diese Frau, die rational mit dem Angebot gar nichts zu tun hat. Was passiert, ist Folgendes: Das Gehirn will uns Arbeit abnehmen, Energie sparen. Es verbindet die beiden Signale zu einem: schöne Frau, gutes Angebot. Das funktioniert bei beiden Geschlechtern. Wir müssen deshalb aber nicht vollkommen auf die Konstruktion des rational entscheidenden „Homo oeconomicus“ verzichten, aber wir müssen uns im Klaren sein, dass auch bewusste Entscheidungen immer Folgeprozesse von unbewussten Reaktionen aus dem Hirnstamm sind.

Wie können Politik und Wirtschaft von diesen Erkenntnissen profitieren?

Vieles deutet heute darauf hin, dass sich der Mensch „glücklich denken“ kann. Die Herausforderung ist, die Umwelt, die Arbeitsumgebung für die Menschen so zu gestalten, dass sie sich wohlfühlen. Glückliche Arbeiter sind auch produktivere Arbeiter; einfach, weil sie ihre Aufmerksamkeit auf ihr Tun richten, was die Produktivität steigert. Glückliche Menschen sind außerdem gesünder und weniger kriminell, also ein großer gesellschaftlicher Gewinn. In meiner „Queen’s Lecture“ werde ich den Begriff eines „Produktionsprozesses für Glück“ vorstellen. Ich werde die drei großen Hindernisse beschreiben, die uns bei Entscheidungen im Wege stehen, die uns glücklicher machen sollten. Ich werde zeigen, wie man diese Hindernisse abbauen und Barrieren gegen die großen Aufmerksamkeitsdiebe aufbauen kann, sowohl im Privatleben als auch im Gemeinwohl.

Ein Tipp von Ihnen?

Als goldene Regel empfehle ich: Wir sind alle glücklicher, wenn wir glücksteigernden Aktivitäten unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Um zu entscheiden, welche Aktivitäten das sind und welche weniger Aufmerksamkeit verdienen, müssen wir allerdings die Erfahrungen von Vergnügen und Zweckmäßigkeit unserer Aktivitäten genau analysieren. Ein paar Vorschläge werde ich im Gepäck haben.

Wir sind sehr gespannt!

Vielen Dank für das Gespräch.

Paul Dolan hält die Queen`s Lecture am 4. November 2013

Lupe

Der Verhaltens- und Wirtschaftsforscher Prof. Paul Dolan, Ph.D. von der London School of Economics and Political Science, hält die diesjährige Queen’s Lecture, das traditionelle Highlight im akademischen Kulturkalender der TU Berlin. Der britische Wissenschaftler erklärt in unterhaltsamer und allgemein verständlicher Weise, dass die Gestaltung von Glück nicht nur für das Individuum, sondern auch für Politik und Wirtschaft möglich und notwendig ist. Er wird außerdem seine These begründen, dass für politische Entscheidungsträger die Beeinflussung menschlichen Verhaltens effektiver ist als der Versuch, das Denken der Menschen zu verändern. Damit greift die diesjährige Queen’s Lecture ein breit diskutiertes Thema in Wissenschaft und Öffentlichkeit auf, das Aspekte von Psychologie bis Ökonomie enthält.

Professor Dolan ist Mitglied vieler Expertengremien der britischen Regierung sowie Berater des Department for Environment, Food and Rural Affairs, des Department of Health, des Department of Communities and Local Government sowie des britischen Innenministeriums. Er gehörte bis vor Kurzem zum „Behavioural Insights Team“ des britischen Kabinetts, das die Regierung zur Umsetzung von Konzepten aus der Verhaltensforschung in Wirtschaft und Politik berät. Derzeit ist Paul Dolan wissenschaftlicher Chefberater für Wirtschaftsbewertung des britischen „Government Economic Service“.

Die Queen’s Lecture ist eine gemeinsame Veranstaltung des Präsidenten der TU Berlin und des British Council, Großbritanniens internationaler Organisation für Bildung und Kulturbeziehungen, unterstützt von der Britischen Botschaft.

Mehr über die Queen’s Lecture sowie über die Vortragenden der vergangenen Jahre erfahren Sie im Internet.

Zeit: Montag, 4. 11. 2013, 17 Uhr, Einlass ab 16.30 Uhr

Ort: TU Berlin, Hauptgebäude, Audimax, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin

Der Vortrag wird in englischer Sprache gehalten. Der Eintritt ist frei.

Infos und Anmeldung: www.tu-berlin.de/?id=138759

Patricia Pätzold / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 10/2013

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