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TU Berlin

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Innenansichten

Schaut nach Polen

Freitag, 11. Mai 2012

Der östliche Nachbar wird als wissenschaftlicher Kooperationspartner immer wichtiger

TU intern sprach mit Prof. Dr.-Ing. Adam Wolisz, Leiter des Fachgebiets Telekommunikationsnetze

Seit 1989 sind Polen und Deutschland politisch enger zusammengerückt. Polen ist zu einer parlamentarischen Demokratie geworden, führte die Marktwirtschaft ein und wurde Vollmitglied der EU. Welche Veränderungen hat das in der polnischen Bildungslandschaft mit sich gebracht?


Die gesamte Struktur der Forschungs-förderung hat sich verändert: von der Zuweisung der Mittel zum Wettbewerbsverfahren, national und international. Als Folge der EU-Mitgliedschaft wird von polnischen Wissenschaftlern erwartet, dass sie sich für ihre Forschung das Geld auch aus der EU-Förderung in dem üblichen Wettbewerb sichern. Eine Herausforderung war es, sich das Procedere anzueignen. So etwas brauchte Zeit. Aus meiner Sicht sollte mehr Mobilität zwischen den einzelnen polnischen Forschungszentren bei Berufungen zustande kommen. Auch internationale Ausschreibungen und Berufungen würden die Wissenschaftslandschaft bereichern.


Welche Bedeutung hat Polen für eine deutsche Universität?

Mit seinen 38 Millionen Einwohnern und einer sich erfreulich entwickelnden Wirtschaft ist Polen ein wichtiger Nachbar und bekommt dafür noch zu wenig Aufmerksamkeit. Ein großes Potenzial ist vorhanden. Zum Beispiel haben sich im Bereich Telekommunikation, den ich ja vertrete, schon viele Hightech-Firmen etabliert. Sie sind sehr zufrieden mit der Qualität und Kreativität der Absolventen. Es lohnt sich also, sich hier enger zu verzahnen.


Die Regionen um Warschau und Krakau, Wroclaw und Poznan florieren wirtschaftlich besonders. Dort sind auch die großen Universitäten angesiedelt …

Warschau und Krakau sind die traditionellen Zentren der Universitätsforschung mit einer – wie in Krakau – über 600-jährigen Geschichte. Seit jeher werden hier exzellente Absolventen ausgebildet, was natürlich auf die Entwicklung der Umgebung ausstrahlt. Vor der Grenzöffnung befürchteten westliche EU-Länder, sie würden von einem Millionenheer von „Gastarbeitern“ überschwemmt. Das hat sich nicht bewahrheitet, da der Arbeitsmarkt inzwischen im eigenen Land für die Absolventen zufriedenstellende berufliche Perspektiven bietet. Ausstattung und Gehälter an den Universitäten müssen freilich weiter verbessert werden, um mit der Industrie konkurrieren zu können.


Nach dem II. Weltkrieg gab es vorerst keine nennenswerte Zusammenarbeit der TU Berlin mit polnischen Wissenschaftlern. Erst in den Siebzigerjahren knüpfte der TU-Professor Heinz Brauer, Verfahrenstechnik, Kontakte zur Politechnika Krakowska (Krakau). Zu dem Zeitpunkt war die Organisation des Austausches noch schwierig. Wie sehen Sie die Randbedingungen der Kooperationen jetzt?

Die administrativen Barrieren sind weggefallen. Doch der Umbau in den Köpfen der Menschen beider Länder dauert noch an. Aber die gegenseitige Neugier steigt und kann an jahrhundertealte Traditionen des wissenschaftlichen Austausches anknüpfen, der von polnischer Seite immer sehr intensiv war, nicht nur mit Deutschland, auch mit Italien und Frankreich. Der wissenschaftliche Austausch war und ist für alle Beteiligten von hoher Bedeutung. Professor Wlodzimierz Kurnik, der in diesen Tagen die TU-Ehrensenatorenwürde erhält, hat genau dies erkannt und streitet international dafür, gemeinsame Wege mit den Nachbarn zu gehen, die als Partner Wichtigkeit erlangen werden. Dafür gebührt dem Rektor der Politechnika Warszawska hohe Anerkennung.


Welche Bereiche könnten für das gemeinsame Forschen besonders interessant sein?

Es sind zuallererst diejenigen Gebiete, die ein Interesse an der gemeinsamen Entwicklung haben: Infrastrukturmaßnahmen, zum Beispiel die Telekommunikation, das Eisenbahnwesen, das Bauingenieurwesen, die Stadt- und Regionalplanung, die Baukunst, die auf ein gemeinsames kulturelles Erbe zurückgreifen kann. Es ist kein Zufall, dass genau in diesen Gebieten die Kooperationen bereits anrollen. In der Energieforschung müssen sich die Dinge noch entwickeln.

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Die traditionsreiche Politechnische Universität Warschau
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Wie steht es um den Studierendenaustausch?

Der Studierendenaustausch ist in der Tat die beste Grundlage für Kooperationen. Er ist etabliert. Aber die Ausgewogenheit des Austausches der Studierenden beider Länder fehlt noch. Die polnischen Studierenden kommen gern hierher – seit einigen Jahren bilden sie eine der größten Gruppen unter den ausländischen Studierenden bei uns –, umgekehrt geht leider kaum einer.


Was sind die Barrieren?

Berlin besitzt eine großartig vernetzte Forschungslandschaft mit vielen Praxisverknüpfungen, was äußerst attraktiv ist. Es gibt bereits mehrere Absolventen unserer beiden Doppeldiplom- beziehungsweise DoppelmasterProgramme. Doch obwohl wir sogar Stipendien eingeworben haben, ist das Interesse deutscher Studierender, ein Austauschjahr in Polen zu absolvieren, gering. Sprachbarrieren spielen sicher eine Rolle. Es hat sich sicher auch noch nicht herumgesprochen, dass Polen als Bildungsstätte sehr attraktiv ist. Wenn wir als TU Berlin etwas für weiteres Zusammenwachsen in Europa tun wollen, ist unsere größte Aufgabe also, sowohl die jungen Leute als auch die Wissenschaftskollegen zu ermutigen, das Nachbarland als vielversprechenden Partner zu erkennen. Ich kann die Kolleginnen und Kollegen nur dazu aufrufen: Schaut in Richtung Polen!

Das Gespräch führte Patricia Pätzold

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Lupe

Prof. Dr.-Ing. Adam Wolisz leitet das Fachgebiet Telekommunikationsnetze (TKN) am Institut für Telekommunikationssysteme (Fakultät IV Elektrotechnik und Informatik). Er koordiniert die Doppelmaster- Studiengänge Technische Informatik/ Informatik mit der Politechnika Warszawska sowie das Stipendienprogramm des DAAD

Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 5/2012

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