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TU Berlin

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Biologische Vielfalt auf dem Friedhof

Montag, 29. Januar 2018

Medieninformation Nr. 17/2018

Projekt zu Naturschutz und Denkmalpflege auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee erhält Auszeichnung „UN-Dekade Biologische Vielfalt“

Der Jüdische Friedhof Weißensee ist mit einer Größe von 42 Hektar und mit über 116.000 Begräbnissen der größte noch praktizierende Jüdische Friedhof Europas. Er ist ein Ort des Erinnerns und gleichzeitig ein herausragendes Kulturdenkmal. Nicht zuletzt stellt er einen Lebensraum mit hoher biologischer Vielfalt dar. Mit dem Ziel, diese biologische Vielfalt zu erforschen und zu bewahren, hat die TU Berlin mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ein Konzept entwickelt, das nun als offizielles Projekt der „UN-Dekade Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet wird.
Die Auszeichnung wird am 31. Januar in Berlin auf dem Jüdischen Friedhof (Herbert-Baum-Straße 45, 13088 Berlin) an die Jüdische Gemeinde zu Berlin überreicht.

Der Jüdische Friedhof in Berlin-Weißensee zeichnet sich durch seine besondere Entwicklungsgeschichte mit dem Nebeneinander von gepflegten, gegenwärtig noch genutzten Grabfeldern und wildnisartigen Bereichen durch eine besondere biologische Vielfalt aus. In dem interdisziplinären Projekt „Naturschutz und Denkmalpflege auf dem Jüdischen Friedhof Berlin Weißensee“, das die   Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fachlich und finanziell gefördert hat und in Zusammenarbeit zwischen Jüdischer Gemeinde,  dem Fachgebiet Ökosystemkunde / Pflanzenökologie der TU Berlin und weiteren Akteuren aus Wissenschaft und Praxis durchgeführt wurde, wurde die biologische Vielfalt des Friedhofs erforscht, um diese bei der Pflege und bei Instandhaltungsarbeiten des Friedhofs besser berücksichtigen zu können.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten dabei zunächst den Bestand an Gefäßpflanzen, Moosen, Flechten, Vögeln, Fledermäusen, Laufkäfern und Spinnentieren. Da die Pflanzenwelt des Friedhofs durch die jahrzehntelange Nutzung kulturell stark überprägt ist, wurde neben einer flächendeckenden Kartierung der Gehölze auch die Bedeutung bestimmter Arten als Teile des Gartendenkmals oder als Kulturrelikte (z. B. Alleebäume, Grabgehölze, krautige Zierpflanzen) herausgearbeitet. So konnte durch die Auswertung historischer Pflegeakten gezeigt werden, dass ein bedeutender Anteil der originalen Gehölzpflanzungen noch erhalten ist. Die historischen Veränderungen des Alleebaumbestands wurden ebenso dokumentiert wie die für die Biodiversität wertvollen Strukturen wie Höhlen und Totholz. Die Daten sind eine wesentliche Grundlage für ein Baumkataster des Friedhofs, mit dessen Hilfe die wachsenden Anforderungen an die Pflege bewältigt werden können.

Die Ergebnisse der Kartierung unterstreichen die große Bedeutung des Friedhofs für die biologische Vielfalt. Mit 363 wildwachsenden Gefäßpflanzenarten ist der Friedhof überdurchschnittlich artenreich. Grabsteine aus porösen Materialien sind Wuchsorte für bedeutende Gesteinsflechten und –moose, die bei Restaurierungsarbeiten erhalten werden sollten und darüber hinaus auch eine schützende Funktion für die Grabsteinsubstanz besitzen können.

Unter den Brutvögeln stellen unter anderem Baum- und Buschbrüter sowie Höhlen- und Nischenbrüter einen bedeutenden Anteil seltener und streng geschützter Arten. Altbäume, dichtes Unterholz und Höhlenbäume sind wichtige Lebensräume für diese Arten, die bei Pflegemaßnahmen erhalten werden sollten. Auch Fledermäuse profitieren von diesem Biotop. Sie sind auf dem Friedhof mit fünf Arten vertreten.

In Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde und Akteuren der Denkmalpflege und des Naturschutzes wurde ein Konzept für eine abgestufte, differenzierte Pflege erarbeitet. Hierbei sollte der Friedhof als Ort der Erinnerung und jüdischer Kultur, die herausragende Denkmalsubstanz der Grabmale und Gebäude, die als Gartendenkmal geschützte Gesamtanlage und die Vielfalt der auf dem Friedhof vorkommenden Arten und Lebensgemeinschaften geschützt und erhalten werden.

Die Maßnahmen, die in dem nun ausgezeichneten Projekt vorgeschlagen wurden, konzentrieren sich auf die Erhaltung bzw. Entwicklung eines Mosaiks naturnaher und parkartiger Gehölzbestände, aber auch auf die Erhaltung von Grabgehölzen, Friedhofsalleen, Friedhofswiesen oder bewachsenen Friedhofsmauern.

In einem praktischen Modul wurden die vorgeschlagenen Maßnahmen bereits beispielhaft erprobt. So wurde auf einem Grabfeld der vorhandene Gehölzbestand behutsam ausgelichtet, wobei wertvolle Biotopholzstrukturen verschont wurden, sofern sie die Verkehrssicherheit nicht beeinträchtigten. Darüber hinaus wurden bedeutsame Grabgehölze gepflegt und die Standsicherheit der Grabmale verbessert. Bei der Fällung bzw. der Kronenpflege der Bäume kamen dabei spezielle Techniken zur Schonung der Grabmalsubstanz zum Einsatz. Im Ergebnis konnte die Standsicherheit der Gehölze auf einem Grabfeld nachhaltig verbessert werden, typische Grabgehölze wurden erhalten und ein bedeutsamer Grabsteintyp wurde instand gesetzt.

UN-Dekade Biologische Vielfalt
Die Vereinten Nationen haben die Jahre 2011 bis 2020 zur UN-Dekade für biologische Vielfalt erklärt. Die Staatengemeinschaft ruft damit die Weltöffentlichkeit auf, sich für die biologische Vielfalt einzusetzen. Im Wettbewerb "Biologische Vielfalt" wird jede Woche ein Projekt ausgezeichnet, das sich besonders für den Erhalt, eine nachhaltige Nutzung oder die Vermittlung der biologischen Vielfalt einsetzt.

bk

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:

Dr. Birgit Seitz
TU Berlin
Institut für Ökologie
Tel. 030 314-71353

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