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TU Berlin

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Vermischtes

Der glänzende Harnisch ist beschädigt

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Die Ausstellung "Napoleon und Europa. Traum und Trauma" zeigt Graustufen der Geschichte

Bénédicte Savoy, TU-Professorin und Kuratorin der Ausstellung
Lupe

Die Ausstellung "Napoleon und Europa. Traum und Trauma" zeigt Graustufen der Geschichte
Frau Savoy, Sie sehen in historischen Ausstellungen weniger kritisch erzählte Geschichte als vielmehr radikale Verkürzungen auf das Wesentliche. Was ist das Wesentliche der Bonner Ausstellung "Napoleon und Europa. Traum und Trauma", die Sie kuratiert haben?

Die Skulptur von Jonathan Meese "Der Terminator: Napoleon" (2006, Bronze) zeigt die Ambivalenz, mit der der Feldherr heute gesehen wird
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Das Wesentliche steht vielleicht in dem Titel "Traum und Trauma". Wir werden zeigen, wie Napoleon eine ganze Generation in Europa elektrisierte und ihr für das eigene Leben eine neue Perspektive und Dynamik gab. Da existieren wunderbare allegorische Darstellungen von Napoleon als Retter Europas. Das ist der Traum. Auf der anderen Seite gibt es diese zu schnelle und brutale Reorganisation des europäischen Raumes, die mit Kriegen einherging und tiefe Wunden hinterließ in den verschiedenen kollektiven Erinnerungen. Napoleon verletzte den Vielvölkerstaat Europa mit schwerwiegenden Folgen, nämlich der Geburt des Nationalismus im 19. Jahrhundert. Der prägt Europa bis heute. Ziel war es, eine Ausstellung zu gestalten, die die Widersprüchlichkeit und Komplexität jener Zeit beleuchtet und die genährt ist von den Forschungen zur Verflechtungs- und Erinnerungsgeschichte Europas.

Wie wird der Besucher in der Ausstellung Traum und Trauma der napoleonischen Zeit sinnlich erleben?

Der Parcours führt durch zwölf Sektionen. Er beginnt mit der "Generation Bonaparte", führt über "Faszination und Abscheu", "Der Traum vom Weltreich" zu "Nationen und Emotionen" und endet mit "Eine geteilte Ikone". Für jede Sektion habe ich versucht, Objekte zu finden, die beides erzählen, wie zum Beispiel die Kürasse eines Soldaten aus der Schlacht von Waterloo. Der metallene Brustharnisch glänzt einerseits wie eine Sonne, andererseits ist er von einer Kanonenkugel durchschlagen, also extrem beschädigt. Der Soldat war 1815 noch einmal für Napoleon in den Krieg gezogen, in der Hoffnung, zu siegen, aber er fand den Tod. Da zeigen sich Traum und Trauma. Oder Beethovens 3. Sinfonie: Erst widmete er sie Napoleon, dann nahm er die Widmung zurück, indem er sie auf dem Deckblatt durchstrich. Beethoven war enttäuscht, weil sich Napoleon 1804 zum Kaiser gekrönt hatte. Auch an diesem Exponat wird die Polarität sichtbar.

Worin bestand für Sie die Herausforderung?

… mit einer historischen Ausstellung Graustufen der Geschichte sichtbar zu machen, subtile Inhalte zu vermitteln anstatt Klischees und darzustellen, was uns Bürger des 21. Jahrhunderts an dieser Geschichte noch berührt. Der Kunstraub zum Beispiel ist eine Frage, die uns heute im Zusammenhang mit Restitutionsfragen beschäftigt. Das ist auch unter Napoleon debattiert worden, mit sehr ähnlichen Argumenten. Wobei ich damit natürlich nicht sagen will, dass sich Geschichte wiederholt.

Sind aus der Arbeit an der Ausstellung für die Forschung neue Themen erwachsen?

Neben dem bekannten Kunstraub wird in der Ausstellung auch der bislang unbekannte Archivraub unter Napoleon thematisiert. Das ist für die Wissenschaft absolut neu.

Die Ausstellung wird im Jahr 2012 auch in Paris gezeigt. Es ist die erste große Napoleon-Schau in Frankreich nach über 40 Jahren.

Ja, die letzte war 1969 zu seinem 200. Geburtstag, und es war eine reine Huldigung. Ich freue mich deshalb, dass unsere sehr andersartige Ausstellung nach Paris wandert, zeugt es doch in vielerlei Hinsicht von einer intellektuellen Großzügigkeit der dortigen Verantwortlichen. Man übernimmt eine in Deutschland konzipierte Ausstellung auch über die Schattenseite Napoleons und zeigt sie im Musée de l’Armée, das sich direkt neben Bonapartes Grab im Invalidendom befindet – das wäre noch vor einigen Jahren in Frankreich eine "exposition impossible" gewesen. Außerdem stellt das Armeemuseum für die Bonner Ausstellung für vier Monate seine besten Exponate zur Verfügung, und das zu einer Zeit, da es nach zehn Jahren Renovierung gerade neu eröffnet worden ist. Das ist mutig.

Das Interview führte Sybille Nitsche / Quelle: "TU intern", 12/2010

Die Wunden der Soldaten

Die Ausstellung "Napoleon und Europa. Traum und Trauma" zeigt erstmals die unterschiedlichen Auswirkungen der napoleonischen Machtpolitik und ihrer Rezeptionslinien in ganz Europa. Schwerpunktthemen – und bisher nicht gezeigt – sind die Verwundung der Soldaten, deren Kriegsversehrungen zu Neuerungen in der Medizin führten, sowie die napoleonische Kulturpolitik, die Kunst in bisher nicht gekannter Weise als Propagandainstrument nutzte. Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy. Im Prestel Verlag erscheint zur Schau ein gleichnamiger Katalog.

Ausstellung "Napoleon und Europa. Traum und Trauma"
 
 
Ort:
Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 4
Zeit:
17. 12. 2010 bis 25. 4. 2011,
Di–Mi: 10–21 Uhr, Do–So: 10–19 Uhr
WWW
www.bundeskunsthalle.de

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