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TU Berlin

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Literatur

Glück im Kosmos. Glück in der Literatur

Montag, 16. Juli 2007

Von Peter von Matt

Peter von Matt
Carl Hanser Verlag/Pohnert. Peter von Matt
Lupe

Der Satz fällt unerwartet. Goethe schreibt um 1805 eine biografische Studie über Winckelmann. Er streift dabei auch die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine vollkommene menschliche Existenz auf dieser Erde möglich wäre. Die Antwort ist: im Einklang aller menschlichen Kräfte, in der Ganzheit. So sagte es schon Schiller in der "Ästhetischen Erziehung", sagte es auch Hölderlin im "Hyperion". Goethe aber gerät dabei in einen merkwürdigen Überschwang. Während Schiller und Hölderlin bei diesem Gedanken düstere Klagen über die Gegenwart anstimmen, in der es nur noch Zerrissenheiten gebe, fährt Goethe aus dem gemessenen Reden heraus förmlich auf, in zwei jubelnden Sätzen. Mit fast erschreckender Plötzlichkeit konfrontiert er den vollkommenen Menschen mit der Unendlichkeit des Weltalls und erklärt, in einer bewegenden Sekunde mythischen Redens, das Weltall würde, wenn es sich selbst empfinden könnte, beim Anblick dieses Menschen "aufjauchzen", wörtlich so, es würde "als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern". Und darauf folgt der ungeheure Satz: "Denn wozu dient all der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?" […]

Goethes Lösung, wonach das Weltall, wenn es denken könnte, angesichts des glücklichen Menschen "als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern" würde, scheint zunächst harmloser als Novalis' Entwurf vom Menschen als dem Gegenuniversum, als Kants Entwurf vom Menschen als dem Medium einer absoluten Wahrheit, als Klopstocks und Jean Pauls Festhalten an der unsterblichen Seele, welche die kosmischen Jahrmillionen überdauert. Tatsächlich aber löst Goethe mit seinem Satz nicht nur ein Dilemma, das jedes Reden über das Glück seit Jahrtausenden belastet, sondern er skizziert auch eine Geschichtsphilosophie, welche alle monumentalen Theorien über die Gesetzmäßigkeiten und das Ziel der Weltgeschichte - von Herder über Hegel bis zu Marx und seinen Gefolgsleuten im 20. Jahrhundert - überholt.

Das Nachdenken über das Glück pendelt immer zwischen zwei Polen, zwei Konzepten von Zeitlichkeit. Auf der einen Seite steht die Bestimmung des Glücks als von kurzer Dauer, zerbrechlich, gläsern, das "glesîne gelücke", von dem Gottfried von Strassburg um 1210 spricht. […]

Auf der andern Seite steht das Glück als Dauer, als ein Ziel, das eines Tages endgültig erreicht wird. Wir können das Glück gar nicht denken, ohne mit beiden Konzepten zu operieren. Sobald wir es der Flüchtigkeit bezichtigen, tun wir dies vor dem Hintergrund der Vision eines Glücks von ungebrochener Dauer, sonst könnte unsere Anklage gar nicht so heftig sein. Die Vorstellung vom dauerhaften Glück ist im menschlichen Seelenleben tief verwurzelt. Seneca fragt in seiner Studie über das Glück ganz selbstverständlich nach dem ewigen Glück, der "felicitas aeterna". Märchen und Mythen bestätigen dies überall. […]

Wie also inszeniert der Autor Goethe das glückliche Ende, den Moment, wo alles, alles gut ist? Inszeniert er ihn so, dass wir sagen müssen: Das würde wohl besser gestrichen? Oder sagen wir zuletzt: Ja, so ist es richtig, so muss es stehen bleiben? Als Beispiel greife ich zu einer kurzen, extrem dramatischen Novelle Goethes, einem Text mit glockenhellem Schluss, der aber eingelassen ist in Goethes dunkelsten Roman: Die wunderlichen Nachbarskinder im 10. Kapitel des Zweiten Teils der Wahlverwandtschaften.

Die Geschichte wird zwar in einer versammelten Gesellschaft erzählt und ist somit Teil der größeren Romanhandlung. Gleichzeitig aber setzt der Autor sie vom laufenden Romantext ab, versieht sie mit Titel und Untertitel - Die wunderlichen Nachbarskinder. Novelle - und erklärt sie so zum eigenständigen Werk, zu einer Insel im Erzählgang. Was berichtet wird, ist die Genese von Glück, großem, unbedingtem Glück, als Gegenstück zur Genese von großem Unglück, die der Roman als Ganzes schildert. An welche Bedingungen also ist die Genese von Glück in der Literatur, die wir hier in exemplarischer Gestalt vor uns haben, geknüpft? Im Leben fühlt man sich von Zeit zu Zeit glücklich, ob aus guten oder zweifelhaften Gründen, gleichviel, das Glück ist da, happiness happens, man fühlt es, und man hat es, und was will man mehr? Irgendwann verfliegt es wieder - daz glesîne gelücke. Solche Stunden oder Tage kann auch die Literatur schildern, sie tut es gern, und es liest sich dann meistens recht hübsch. Nun ist es aber der Ehrgeiz der Literatur seit undenklichen Zeiten, Glück als Ziel und Dauer zu schildern, so wie es seit undenklichen Zeiten der Ehrgeiz der Philosophie ist, Glück als Ziel und Dauer in stringenter Theorie zu erfassen. Welchen Bedingungen also untersteht das definitive Glück in der Literatur, und wie schafft sie es, dessen Zerbrechlichkeit zu beseitigen?

Goethes Novelle handelt von einem weiblichen Werther. Eine junge Frau tut sich den Tod an aus verzweifelter Liebe. Vor den Augen des Mannes, den sie liebt, springt sie bei einer Stromfahrt ins Wasser, an der gefährlichsten Stelle. Sie wird gerettet, weil der, den sie liebt, ihr sofort nachspringt. Die beiden werden fortgerissen und abgetrieben; sie ist bewusstlos, als er sie endlich an ein einsames Ufer bringen kann. Er schleppt sie durch Schilf und Gebüsch, findet ein einsames Haus. Da wohnen zwei junge Eheleute, ihre Hochzeitskleider hängen noch an der Wand. Zu dritt kleidet man die junge Frau aus, nur auf Rettung bedacht, versucht sie zu wärmen, zum Atmen zu bringen, bis sie schließlich erwacht und nackt, wie sie daliegt, den Geliebten umarmt. Er selber trägt auch nicht mehr viel auf sich, und alles ist nass. Da ziehen sie denn die Hochzeitskleider der freundlichen Gastgeber an, und so, als ein geschmücktes Brautpaar, werden sie von den verzweifelten Eltern gefunden und wollen nun selbst nichts anderes mehr sein als ein jubelndes Brautpaar.

Das ist der Novellenkern, die unerhörte Begebenheit: dass eine junge Frau aus Liebeselend und aussichtsloser Leidenschaft den Tod sucht und dabei nicht nur gerettet, sondern in die Hochzeit förmlich katapultiert wird und der Geliebte mit ihr, wahrhaftig Hals über Kopf, und wie die beiden wieder zu sich kommen, haben sie schon ja gesagt zueinander und haben einander und wollen nichts anderes mehr. Sie sind am Ziel und im Glück, und die verblüfften Eltern segnen sie, noch bevor auch ihnen ganz klar wird, was sie da tun. "Al fine di tutti i desii", wie Dante im gewaltigen Finale der Divina Commedia sagt, am Ziel und Ende aller Wünsche, sind sie jetzt angelangt, und die Novelle ist es mit ihnen. Beide also sind am Ziel, das Paar und das Stück Literatur. Die Erzählung endet. Die Zeit steht still. So wie es jetzt ist, bleibt es. Dieser Augenblick ist tatsächlich Ewigkeit. So wenig wie das "Mädchen mit der Perle" von Jan Vermeer im Mauritshuis zu Den Haag je altern wird, so wenig wird diese junge, auf Tod und Leben liebende Frau in Goethes Novelle je wieder aus ihrem Glück fallen. Immer steht sie hochzeitlich gekleidet neben ihrem seltsamen Bräutigam vor uns, im Ufergebüsch, strahlend mit nassen Haaren, ein diesseitiges Wunder. […]

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das vom Glück weiß und das absolute Glück denken kann. Serotonin-Ausschüttungen im Gehirn haben auch die Eichhörnchen. Es wird ihnen wohlig dabei und klingt wieder ab. Der Mensch aber weiß vom Glück. Dieser Stachel sitzt so tief wie das Wissen um den Tod. Schon bevor wir richtig denken konnten, haben wir erfahren: Happiness happens. Seither sind wir gezwungen, dem Glück nachzusinnen. Der Prozess kommt nie zu einem Ende. Er zeichnet jede Kultur. Die Literatur nimmt daran teil, indem sie es wagt, das definitive Glück zu inszenieren. Sie wird dafür immer wieder gescholten und der Verlogenheit bezichtigt. Dabei arbeitet sie ja nur an der schlichten Frage, wozu denn der ganze Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden überhaupt dient.

Der Gesamttext wird im kommenden Jahr in einem Sammelband erscheinen: "Über das Glück", hrsg. von Heinrich Meier und Gerhard Neumann, Piper Verlag 2008
Quelle: "TU intern", 7/2007

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