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Internationales

Werte in beide Richtungen vermitteln

Donnerstag, 16. April 2015

Rita Süssmuth zur Entstehungsgeschichte der Türkisch-Deutschen Universität (TDU) in Istanbul

Rita Süssmuth ist Präsidentin des Konsortiums der Türkisch-Deutschen Universität, die 2014 ihre Tore öffnete. Die TU Berlin ist für die Ingenieurwissenschaften federführend verantwortlich
Lupe

Frau Professor Süssmuth, die Idee einer deutschen Universität in der Türkei existiert nun mehr als 100 Jahre. Was waren Ihre Beweggründe, sich für solch ein Projekt zu engagieren?

Nach meiner parlamentarischen Zeit wurde ich von Edzard Reuter gebeten, Beratungsarbeit an der privaten Berliner SRH-Fachhochschule zu leisten, welche von einem türkischstämmigen Unternehmer gegründet worden ist. Etwa zu dieser Zeit verdichtete sich die Idee einer deutschen Universität in der Türkei. Ich wusste von zuvor bereits unternommenen, aber jedes Mal gescheiterten Versuchen eines solchen Unterfangens. Einer der ersten war von Dr. Hugo Grothe im Jahre 1906 unternommen worden, beschrieben im Jahrbuch „Beitrag zur Kenntnis des Orients“; einen weiteren gab es im Jahre 1957, dem Jahr des türkisch-deutschen Kulturabkommens. Zu guter Letzt gab es Schritte in den Jahren 1993–1997 mit Helmut Kohl als damaligem Bundeskanzler und Süleyman Demirel als türkischem Präsidenten. Obwohl damals schon Entwürfe für entsprechende Studiengänge vorlagen, kam die Gründung nicht zustande. Damals lieferten die deutschen lieber Fregatten, als dass die erforderlichen Unterschriften zu Papier gebracht worden wären.

Wie begann diesmal das Projekt einer Neugründung?

Alles begann kurz vor dem Aufbruch des deutschen Botschafters Eckart Cuntz in die Türkei im Jahre 2006. Er lud mich damals zu einem Abendessen ein und ich trug ihm die Idee einer deutschen Universität in der Türkei vor. Er willigte ein mit den Worten „Was tät’ ich lieber!“, und im Mai desselben Jahres fand ein türkisch-deutscher Wirtschaftskongress statt, zu dem auch der damalige türkische Ministerpräsident Erdogan erscheinen sollte. Der Botschafter organisierte ein kurzes Treffen zwischen uns, und Erdogan willigte ein. Jetzt galt es, schleunigst noch die Kanzlerin davon zu unterrichten. Denn ohne ihre Zustimmung konnte das Projekt nicht verwirklicht werden. Geplant war eine langfristige und nachhaltige Zusammenarbeit mit der Türkei. Der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD und das Ministerium für Bildung und Forschung stellten im darauffolgenden Jahr einen Finanzierungsplan auf. Der benötigte gesetzliche Beschluss des türkischen Parlaments wurde im Jahre 2010 unterschrieben. Man einigte sich auf den Standort Istanbul, der die Verbindung von Orient und Okzident verkörpert.

Im Zweiten Weltkrieg suchten viele deutsche Wissenschaftler Zuflucht in der Türkei. Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht den Einfluss dieser Flüchtlinge auf die türkische Hochschullandschaft?

Sogar schon vor dem Ersten Weltkrieg hat es eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den beiden Nationen gegeben. Es gilt an diese Tradition anzuknüpfen und als Gegenpol zu dem immer wieder propagierten Kampf der Kulturen zu wirken. Die Türkei gilt traditionell in Bezug auf Flüchtlingspolitik als sehr offen. So fanden politische Flüchtlinge und Juden in diesem Land eine Zuflucht während der Zeit des Nationalsozialismus. Einer unter diesen war der Vater von Edzard Reuter, Prof. Dr. Ernst Reuter. Diesen Flüchtlingen verdankt die Türkei heute einige Bausteine der aktuellen Bildungs- und Forschungspolitik. Von diesen Flüchtlingen sollten wir lernen – vor allem, Politik mit der Türkei auf Augenhöhe zu führen.

Welchen Beitrag kann die junge TDU für die Beziehung zwischen Europa und der Türkei leisten?

Ich kann mir langfristig kein Europa ohne die Türkei vorstellen. Die TDU ist ein hervorragendes Mittel, um weltaktuelle Themen genauer zu beleuchten, andererseits als ein lebendiges Beispiel eines produktiven und nachhaltigen Miteinanders der Kulturen zu dienen, damit beidseitig ein erweitertes Verständnis des anderen erlangt wird. Die Türkei hat durch ihre geopolitische Lage eine besondere Stellung in der arabischen Welt. Wenn manche sagen, dass in Europa kein Frieden ohne Russland möglich sei, so will ich ergänzen, dass dasselbige für die arabische Welt und die Türkei gilt. Die Kritik an der Instrumentalisierung von Einrichtungen wie der TDU, Forschungsbelange zu überschreiten, weise ich mit dem Argument zurück, dass Dinge wie Politik, Forschung und Wirtschaft einfach untrennbar miteinander verbunden sind, und so soll die TDU als Vermittlerin von Werten in beiderlei Richtungen fungieren.

Das Gespräch führten Dipl.-Ing. Pinar Bilge und Dipl.-Ing. Soner Emec, Studiengangskoordinatoren an der TDU


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