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„Die Biologie wird die Chemie in den kommenden Jahren sehr inspirieren“

Professor Gerhard Ertl, Nobelpreisträger für Chemie, über Alchemie, Katalyseforschung und die Popularität von Wissenschaftlern

Gerhard Ertl erhielt im Jahr 2007 den Chemie-Nobelpreis für seine Leistungen zum Verständnis von Mechanismen in der heterogenen Katalyse
Lupe

Obwohl von Haus aus Physiker, gehört Prof. Dr. Gerhard Ertl zu den Gründungsvätern der modernen Katalyseforschung und bekam für seine Arbeiten zur Oberflächenchemie von Festkörpern vor zehn Jahren den Nobelpreis für Chemie verliehen. Seine Karriere führte den geborenen Schwaben über die Studienorte Stuttgart, München und Paris als Professor nach Hannover und München und als Gastprofessor mehrmals in die USA. 1986 wurde er zum Direktor der Abteilung Physikalische Chemie am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin ernannt. Prof. Ertl ist Ehrenmitglied der TU Berlin und gilt vielen Wissenschaftlern als der ideelle „Spiritus Rector“ des Clusters UniCat. Nicht zuletzt baut ein erheblicher Teil der UniCat-Forschung auf seinen Arbeiten auf.

Das Gerhard Ertl Center in der Villa BEL auf dem TU-Campus wurde zum Thinktank und zur Heimstatt für UniCat und BIG-NSE. Zur Eröffnung 2012 kam der Namensgeber persönlich
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Herr Professor Ertl, als Kenner der Berliner Wissenschaftsszene: Wie stark lag die Gründung von UniCat 2007 in der Luft?  
Schon zu meiner aktiven Zeit gab es verschiedenste Querverbindungen zwischen den Wissen-schaftlern der Berliner Hochschulen und – zum Beispiel – denen am Fritz-Haber-Institut. Es gab unter anderem einen sehr erfolgreichen Sonderforschungsbereich zum Thema Katalyse, wenn auch nicht so umfassend interdisziplinär angelegt. Da hat es beinah auf der Hand gelegen, so etwas wie UniCat aufzubauen.

Wo sehen Sie die größten Erfolge des Clusters?
Der größte Erfolg war, dass die Wissenschaftler der verschiedenen Disziplinen, also Biologen, Chemiker, Physiker und Ingenieure, zusammengeführt wurden und sich gegenseitig verständigen mussten. Ich möchte da kein einzelnes Thema herausheben, da der größte Erfolg meines Erachtens in den Synergieeffekten liegt, die dieser Cluster gebracht hat. Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema heterogene Katalyse zu beschäftigen, da hatte es noch die Anmutung von Alchemie – schwarzer Kunst. Da hatte man noch wenig Ahnung, was da eigentlich abläuft. Deswegen hat mich das damals auch so fasziniert. Diese Zeiten sind aber auch – dank UniCat – vorbei. Wir können noch nicht alle Fragen beantworten, aber wir wissen, welchen grundsätzlichen Gesetzen die Prozesse gehorchen.

Wenn Sie heute noch mal ein Forschungsthema wählen dürften, würde das wieder die Katalyse sein?
Müsste ich heute noch mal anfangen, würde ich mich wahrscheinlich eher in den Bereich der Biophysik orientieren, da liegen aktuell die aufregenden Probleme. Das Zusammenwirken der verschiedenen einzelnen Prozesse in einer Zelle funktioniert unglaublich effizient – aber wir wissen im Einzelnen noch nicht, warum und wie. In dieser Kopplung von Prozessen liegen die wesentlichen und spannenden Fragen der Zukunft. Wie wirken verschiedene Systeme ressourcen- und energiesparend zusammen? Wie bekommt man eine Richtung in die Prozesse? Diese Art Forschung erfordert eine noch höhere Interdisziplinarität der Wissenschaftler. Aber ich bin überzeugt davon, dass die Biologie die Chemie in den kommenden Jahren sehr inspirieren wird.

Lupe

Einerseits ist eine hohe Fachkompetenz -gefragt, andererseits Interdisziplinarität. Wie passt das zusammen?
In dem Maße, wie die einzelnen Naturwissenschaften sich ständig weiterentwickeln, werden die Wissenschaften, vor allem an den Grenzbereichen, auch wieder zusammenwachsen. Universalwissenschaftler wie Gottfried Wilhelm Leibniz wird es nicht mehr geben, dazu ist die Spezialisie-rung zu weit vorangeschritten, aber eine gemeinsame Sprache der Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen wird immer wichtiger.

Wie wichtig ist ein großer, gut ausgestatteter Standort wie ein Exzellenzcluster dafür international erfolgreich und sichtbar zu sein?
Die Unterstützung guter Wissenschaftler durch so ein Förderungsinstrument ist auf jeden Fall richtig und wichtig. Aber die Reihenfolge ist entscheidend: Gute Wissenschaft ist aus sich heraus international. Ein guter Wissenschaftler entwickelt automatisch zahlreiche internationale Kontakte und zieht auch weitere gute Wissenschaftler nach. Ich wehre mich immer gegen die Vorstellung, dass mehr Geld auch automatisch eine bessere Wissenschaft bedeutet. Wer eine gute Idee hat, der findet in Deutschland auch eine Förderung.

Wir erleben heute mitunter die Negierung von Wissenschaftsergebnissen und die Diskussion über Postfaktisches. Wo sehen Sie da die Verantwortung der Wissenschaftler?
Es ist ganz wichtig, dass die Wissenschaft sich selbst artikuliert und deutlich darauf hinweist, dass es natürlich offene Fragen gibt, aber auch Erkenntnisse, die nicht einer Meinung unterliegen, die man nicht einfach wegdiskutieren oder ignorieren kann. Dafür hat es den March for Science gegeben, den ich sehr begrüßt habe. Die Wissenschaft wird von der Gemeinschaft finanziert und deshalb ist es absolut essenziell, dass sie auch in die Öffentlichkeit tritt. Es genügt nicht, eine wissenschaftliche Wahrheit nur zu publizieren, man muss sie auch verkaufen.

Wissenschaft trifft Musik – Musik trifft Wissenschaft: 2014 gab Gerhard Ertl im TU-Audimax vor 1000 Gästen ein Konzert anlässlich seines 78. Geburtstages
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Bevor Sie den Nobelpreis bekamen, hatten Sie schon einige wichtige internationale Preise bekommen. Warum wurden Ihre Leistungen erst mit dem Nobelpreis auch in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen?
Der Nobelpreis hat mir eine gewisse Popularität als Mensch gebracht, weniger für meine wissenschaftliche Arbeit. In dem Jahr kam ich bei der Umfrage einer Tageszeitung nach dem Berliner des Jahres auf Platz zwei – die Nummer eins war der Tierpfleger des kleinen Eisbären Knut. Daran sieht man schon, dass es bei dem Nobelpreis in der Öffentlichkeit auch um den Personenkult geht, weniger um die wissenschaftliche Arbeit.

Das Interview führte Katharina Jung

"TU intern" 13. Juni 2017

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