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Zum 80. Geburtstag der Feministin Christina Thürmer-Rohr

von Sabine Hark

Prof. Dr. Christina Thürmer-Rohr ist eine der einflussreichsten Theoretikerinnen im Diskurs feministischer Herrschaftskritik. Von 1972 bis 2005 hatte die Sozialwissenschaftlerin den Lehrstuhl Feministische Forschung/Menschenrechte an der TU Berlin inne. Als eine der ersten beschäftigte sie sich auch mit dem Thema „Mit­täterschaft von Frauen im Nationalsozialismus“. In diesem Jahr feierte sie ihren 80. Geburtstag. Hier lesen Sie Auszüge aus einem Text von Prof. Dr. Sabine Hark, Soziologin und Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin, online veröffentlicht am 17. November 2016.

Christina Thürmer-Rohr war bis 2005 Professorin an der TU Berlin
Lupe

[…] „Es ist trügerisch, zu meinen, Frauen führten mehr oder weniger und vielleicht sogar zunehmend ein unabhängiges Eigenleben parallel zu den patriarchalen Taten; sozusagen an einem anderen Ort“ (Thürmer-Rohr 1987, 41), schreibt Christina Thürmer-Rohr in jenem Essay zur Mittäterschaft. [in: „Vagabundinnen“, 1983] Eine „differenzierte geschlechtliche Interessenverquickung in den zivilisierten Patriarchaten“, weil Frauen* sich dem „Normgefüge der polaren Ergänzung und der Egalität von Frauen und Männern“ gefügt hätten, habe vielmehr deren Mittäterschaft hergestellt – eine Mittäterschaft, die im Ergebnis dazu führte, dass Frauen „Männer nicht verraten, bekämpfen oder in ihren Taten behindern“ (ebd.).

In der Wirklichkeit ankommen. Die ordentliche Optik aufgeben. Sich aus der Täuschung in die Ent-Täuschung bewegen. Der differenzierten geschlechtlichen Interessenverquickung in den zivilisierten Patriarchaten auf den Grund gehen. Das bedeutete für Christina Thürmer-Rohr nicht zuletzt, auch sich selbst nicht zu schonen, besonders die eigene, die familiäre, gerade die affektive und emotionale Verstrickung mit der patriarchalen, der rassistischen, der mörderischen Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus nicht auszusparen. „Politische Grammatik der Gefühle“ nennen wir heute (Bargetz 2014), was sie vor nunmehr dreißig Jahren an der eigenen Biografie herausarbeitete. Im Essay „Liebe und Lüge: ,Meine geliebten Kinderchen‘“ (Thürmer-Rohr 1987) unterzieht sie die Feldpostbriefe des Vaters – „überzeugter Nationalsozialist, deutscher Offizier und evangelischer Pfarrer“ (ebd., 57) – mehr als vierzig Jahre nachdem sie geschrieben, abgeschickt, empfangen, gelesen und vorgelesen wurden, einer kritischen Re-Lektüre. Sie verschweigt nicht, wie sie die Briefe nach dem Krieg, als der Vater längst den „Heldentod“ gestorben war, „oft und immer heimlich gelesen“ habe und dabei „die Schrift hinter Tränen verschwommen“ sei (ebd.). Akribisch und bar jeglicher Sentimentalität legt sie die „Einübung in eine soldatische Moral für Mädchen“ frei (ebd., 59), die sie als „Kernaussage aller Briefe“ des Vaters identifiziert – und die sie auch in ihrem ersten Lesebuch, Hirts Deutsches Lesebuch für Mädchen, Oberschule Kl. 1, aus dem Jahr 1939, wiederfindet. „Es geht“ dabei „zuerst um die Produktion einer Beziehung: Frauen/Mädchen sollen ihre Gefühle, Gedanken und Interessen auf diese Männer ausrichten.“ […]

Nein: Frauen und Mädchen waren nicht ausgeschlossen aus dem nationalsozialistischen Erobern, Vernichten und Morden; in einem „gnadenlos-normalen Zusammenspiel von Sorge und emotionaler Rückmeldung der Versorgten“ (ebd., 69) wurden sie Teil der Kriegsmaschine, dazu erzogen, Empathie nur für die Einen, die Eigenen, zu empfinden, während das Recht der Anderen, in der Welt zu Hause zu sein, radikal negiert wird. Noch in den scheinbar privatesten Formulierungen der Briefe des Vaters findet Thürmer-Rohr diese untrennbare Verfechtung von Liebe und Lüge: „Wir erfuhren: Deutsche Soldaten erobern ein Land, um wieder bei ihren Kindern zu sein. Statt: Deutsche Soldaten erobern ein Land aus Eroberungs- und Unterwerfungswillen, ein Verbrechen, nicht um Kindern etwas Gutes zu tun“ (ebd., 74).

Vielleicht verdanken wir es dieser Einsicht in die „Untrennbarkeit von Liebe und Lüge“ (ebd., 75), die Christina Thürmer-Rohr zur Wirklichkeitssucher*in, zur Weltleser*in werden ließ. Zu einer Denker*in, mit anderen Worten, deren Schreiben bis heute motiviert ist vom Wunsch, zu verstehen, geprägt von jener […] „nicht endenden Tätigkeit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein“ (Hannah Arendt 1994, 110). […] Und gerade weil diese Welt ein so zerbrechliches und riskantes Gebilde von Menschenhand ist, […] braucht die Welt Freund*innen wie Christina Thürmer-Rohr.

Freund*innen, die der Welt eine neue Wirklichkeit geben, indem sie sie anders lesen – und die, wie sie im Essay zur Kohabitation schreibt, im „Versuch, aus sich selbst herauszutreten“ (ebd.) konkrete Andere im eigenen Bewusstsein versammeln und in die eigene Gegenwart holen. Uns daran erneut erinnert zu haben, […] ist einer der vielen Freundschaftsdienste, die Christina Thürmer-Rohr der Welt erwiesen hat. Dass wir uns noch lange an solcher Freundschaft erfreuen dürfen, darauf hoffen wir.

http://www.gwi-boell.de/sites/default/files/thuermer-rohr_-freundschaft_zur_welt-_online.pdf
http://blog.feministische-studien.de/2016/11/welt-lesen

Sabine Hark, "TU intern" 16. Dezember 2016

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