direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Menschen

Verhärtete Fronten in der ehemaligen Frontstadt

Freitag, 22. Februar 2013

Neu berufene Juniorprofessorin Sybille Frank über die Auseinandersetzungen am Checkpoint Charlie

Sybille Frank am Checkpoint Charlie. Das Gelände ist inzwischen privatisiert
Lupe

Mit dem Fall der Mauer 1989 und im Zuge der Globalisierung kam ein Modell der Geschichtsvermittlung nach Deutschland, das es weder im Osten noch im Westen gab: Heritage, die angelsächsische und US-amerikanische Art, historische Ereignisse sinnlich, emotional und erlebnisorientiert zu erzählen und zu vermarkten.

„Diesem Modell steht in Deutschland eine Geschichtsvermittlung gegenüber, die fest in den Händen der Wissenschaft und staatlicher Institutionen ist und auf Fakten, wissenschaftliche Abhandlungen und auf Originale in verschlossenen Vitrinen setzt, also sehr verkopft und intellektuell ist, und als Adressat sich selbst hat, das Bildungsbürgertum“, sagt Sybille Frank, seit Juli 2012 Juniorprofessorin für Stadt- und Regionalsoziologie. Versuche, Vergangenheit anders zu erzählen, als Performance zum Anfassen und Mitmachen, würden von der hiesigen Fachwissenschaft als Disneyfizierung und Trivialisierung gebrandmarkt und als unseriös hingestellt.

Am heftigsten tobe diese Auseinandersetzung um die richtige Form der Vergangenheitsbetrachtung – welch Ironie – am Checkpoint Charlie, so Frank. „Standen sich hier im Kalten Krieg die zwei politischen Systeme unversöhnlich gegenüber, sind es heute die Verfechter einer institutionalisierten Geschichtsschreibung, ,History’ genannt, auf der einen Seite und die Anhänger von Heritage, meist private Akteure, auf der anderen Seite“, sagt die Soziologin, die an der Universität Bielefeld, der FU Berlin und im schottischen Glasgow studierte.

Sie machte den Streit um das „richtige Erinnern“ an die Teilungsgeschichte Berlins am ehemaligen Grenzübergang und damit die Frage, wie Vergangenheit erzählt wird und von wem, zum Thema ihrer Promotion „Der Mauer um die Wette gedenken. Die Formation einer Heritage-Industrie am Berliner Checkpoint Charlie“.

„Ein Grund, weshalb sich Heritage dort etablierte, sind die ausländischen Touristen, insbesondere die amerikanischen, britischen und japanischen, denen eine erlebnisorientierte Geschichtserzählung vertraut ist und die solche Angebote nachfragen. Sie haben kein Problem damit, dass SchauspielStudierende in Uniformen der Alliierten für ein Foto gegen Geld posieren“, erzählt sie. Für die große Mehrzahl der hiesigen Kommentatoren jedoch ist dies eine ungeheuerliche Banalisierung des Ortes, an dem sich russische und amerikanische Panzer 1961 gegenüberstanden.

Die Wissenschaftlerin sieht keinen Widerspruch darin, Historie auf anspruchsvolle Weise anschaulich und emotional zu erzählen. Das Problem am Checkpoint Charlie sei jedoch, dass die Stadt mit der Privatisierung des Geländes jegliche Handhabe über die sich dort formierende Heritage-Industrie verloren habe und diese sich nun „abseits geregelter Verfahren“ und zuweilen jenseits der historischen Fakten entwickle, so Frank. „Anders als in den USA oder Großbritannien, wo bei der Planung und Gestaltung von Heritage-Stätten nationale oder lokale Regierungen als Struktur vorgebende Akteure auftreten, gibt es am privatisierten Checkpoint Charlie keine solche Struktur vorgebende öffentliche Instanz“, sagt Sybille Frank. Dieses Defizit habe unter anderem dazu geführt, dass der ehemalige Kontrollpunkt der Alliierten vom mittlerweile privatisierten Museum „Haus am Checkpoint Charlie“ öffentlichkeitswirksam als Ort inszeniert wurde, an dem es angeblich Hunderte Mauer-Tote gegeben hat.

Ein Ergebnis ihrer Forschungen ist, dass sich in Berlin eine Heritage-Industrie etabliert hat, es aber keinerlei Austausch zwischen den privaten Akteuren dieser Heritage-Industrie und den Vertretern der Stadt, der Wissenschaft und der Denkmalpflege gibt. Vielmehr seien die Fronten in der ehemaligen Frontstadt absolut verhärtet, so Frank.

Sybille Nitsche / Quelle: Hochschulzeitung "TU intern", 2/2013

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Piwik für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.