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TU Berlin

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Lehre und Studium

„Flying Professors“

Ein weiterbildender Master-Studiengang an der German Jordanian University soll mit Hilfe von TU-Experten Bauforschungsprofis zur Rettung des Kulturerbes für die „Stunde Null“ im Nahen Osten ausbilden

Die „Flying Professors“ auf dem Sprung nach Jordanien: Professor Thekla Schulz-Brize (2. v. l.) mit ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Yasser Shretah (RWTH Aachen), Mada Saleh und Claudia Winterstein sowie Youssef El Khoury (v.l.)
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Hektische Betriebsamkeit herrscht in den Räumen im 6. Stock des TU-Architekturgebäudes. Kisten und Kästen stapeln sich, wertvolles Gerät wird darin stoßsicher verpackt: Kreuzlinienleser, Tachymeter, ein Oktakopter (eine Drohne mit Kamera), Scanner, Software, große Stahlwinkel, Maßbänder, Lote und anderes modernstes Vermessungsgerät. Morgen soll es nach Jordanien gehen, denn schon übermorgen starten dort die ersten Veranstaltungen des neuen Master-Studiengangs „Conservation Studies“ an der German Jordanian University in Amman, der maßgeblich vom Fachgebiet Historische Bauforschung und Baudenkmalpflege von Prof. Dr.-Ing. Thekla Schulz-Brize mitorganisiert wird. Hier sollen Flüchtlinge – vor allem Iraker, Palästinenser und Syrer – zu Fachleuten für Behörden, für Forschung und Baumanagement vor Ort ausgebildet werden. Sie sollen wissen, was zu tun ist, um das zerstörte kulturelle Erbe in den Kriegsgebieten zu retten oder wiederaufzubauen, wenn die „Stunde Null“ schlägt, die Stunde nach der Krise.

Mehrsprachige Informationstafeln in Hujayarat al-Ghuzlan, Jordanien
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Die Bauforscherin Thekla Schulz-Brize ist der ruhende Pol, der Dreh- und Angelpunkt dieses im Reisefieber surrenden Bienenstocks im Architekturgebäude. „Der Studiengang entsteht im Rahmen des Projekts ‚Die Stunde Null – Eine Zukunft für die Zeit nach der Krise‘“, erklärt sie. „Es ist ein Projekt des neu gegründeten Archaeological Heritage Network, initiiert vom DAI, dem Deutschen Archäologischen Institut, und finanziell unterstützt vom DAAD sowie vom Außenministerium. Die TU Berlin und die RWTH Aachen stellen vor allem die Expertise, die ‚manpower‘. Das Archaeological Heritage Network wurde im vergangenen Jahr im Beisein des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier gestartet.“ Als Mitglied der Zentraldirektion des DAI war sie bei der Suche nach Fachleuten für die akademische Ausbildung der Fachkräfte vor Ort natürlich erste Wahl. „Geplant ist, Architekten, Archäologen, Denkmalpfleger, Bauforscher, Stadtplaner und auch Handwerker weiterzubilden, das sogenannte ‚capacity building‘. Sie sollen für die ‚Stunde Null‘ gewappnet sein, dafür Ruinen zu untersuchen und bauhistorisch einzuschätzen, statische Sicherungen vorzunehmen, Konzepte für Rekonstruktion oder Umnutzung von Gebäuden und ganzen Stadtkernen vorzulegen.“ Sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden als „Flying Professors“ in Amman Vorlesungen und Veranstaltungen im Block organisieren und die Studierenden auch praktisch in Fallstudien anleiten. Dafür ist das ganze Gerät, das auch wieder nach Berlin zurückkommt. Neben der humanitären Katastrophe bedeuten die barbarischen Zerstörungen zum Beispiel des Basars von Aleppo, eines UNESCO-Weltkulturerbes, oder von den antiken Bauwerken von Palmyra auch eine kulturelle Katastrophe. Auch Mada Saleh, Mitarbeiterin am Fachgebiet, die aus Syrien stammt und bereits 2011 mit einem DAAD-Stipendium nach Deutschland kam, ist ganz persönlich betroffen: „Als die antiken Monumente und Tempel in Palmyra im Mai 2015 vom sogenannten IS zerstört wurden, war ich gerade in der Türkei bei einer Ausgrabung. Dort ist ein Stück meiner Identität zerstört worden und auch meines Selbstverständnisses als Frau.“ Palmyra ist eng verbunden mit einer der größten antiken Frauengestalten, die sogar Rom die Stirn bot: die gebildete und schöne Königin Zenobia, die im dritten Jahrhundert nach Christus lebte und zur Identifikationsfigur einer modernen arabischen Kultur und insbesondere der aufkeimenden arabischen Frauenbewegung wurde. 

Steinmetzarbeiten für die Sicherung der Basilika A in Resefa (Syrien)
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Wenn Teile des Kulturerbes gerettet werden sollen, sei durchaus Eile geboten, damit nicht vorschnell Maßnahmen ergriffen würden, die in die falsche Richtung führen, erklärt Thekla Schulz-Brize. Dabei sind für die bauhistorische Untersuchung auch zerstörte Bauteile wichtig, um beurteilen zu können, wie viel originale Bausubstanz überhaupt noch vorhanden ist, ob also der Wiederaufbau das Mittel der Wahl ist, eine Konservierung oder auch eine andere Maßnahme. Der Studiengang „Conservation Studies“ wird zunächst für drei Jahre vom DAAD finanziert, zwei Kohorten der Bauforschungs- und Denkmalprofis sollen zunächst ausgebildet werden. Der DAAD stellt außerdem Stipendien für die Gruppe der Geflüchteten zur Verfügung.

Zum Archaeological Heritage Network, das die Kompetenzen zum Kulturerhalt bündelt, gehören Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Museen, nationale und internationale Verbände aus den Bereichen der jeweiligen Landesarchäologie und Landesdenkmalpflege.
Bald ist alles sicher verpackt, die „Flying Professors“ auf dem Weg nach Jordanien, damit sie pünktlich zu Semesteranfang wieder zurück in Berlin sind.
    
bauforschung-denkmalpflege.de 
www.dainst.org

Patricia Pätzold, "TU intern" 7. April 2017

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