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TU Berlin

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Lehre & Studium

Deins? Meins? Fake!

Soll das Berliner Schloss geraubte Kunstwerke aus anderen Ländern als Nachbildungen ausstellen?

Wem gehört die Kunst? Aus den chinesischen Turfan-Höhlen, buddhistischen Höhlentempeln aus dem 5.–9. Jahrhundert, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts wertvolle Wandmalereien mit Erlaubnis des Kaisers von China von einem deutschen Archäologen herausgeschnitten. Sie lagern bis heute in Deutschland. Blick auf die Höhlen im Mutou-Tal.
Lupe

Was bedeutet eigentlich Originalität? Was genau ist die Kraft eines Originals? Warum wollen wir einen „echten“ Picasso sehen und keine Kopie? Und kann ein Original so etwas wie Identität geben, etwas, was eine Nachbildung nicht kann?

Obwohl das Thema „geraubte Kunst“ für die meisten Menschen wenig mit ihrem Alltag zu tun hat, stößt man jedoch schon bei oberflächlicher Beschäftigung auf Bereiche, die uns direkt oder indirekt alle etwas angehen. Schnell findet man sich in einem Spannungsfeld aus Identität, Politik, Kolonialgeschichte und Nationalstolz wieder, also Themen, die wieder stark unsere gesellschaftliche Diskussion beeinflussen. Und nicht zuletzt geht es dabei auch um die Frage, was die Kraft eines Originals wirklich ausmacht. Mit anderen Worten: Was ist echt? Und was ist ­„fake“?

Eine solche Diskussion entwickelte sich unter uns Studierenden geradezu leidenschaftlich, als wir in einer Sitzung des Seminars „Kunstraub aus der Sicht der Enteigneten“ unter der Leitung von Prof. Dr. Bénédicte Savoy und Merten Lagatz die Geschichte der chinesischen Turfan-Höhlen kennenlernten.

Wem gehört die Kunst? Aus den chinesischen Turfan-Höhlen, buddhistischen Höhlentempeln aus dem 5.–9. Jahrhundert, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts wertvolle Wandmalereien mit Erlaubnis des Kaisers von China von einem deutschen Archäologen herausgeschnitten. Sie lagern bis heute in Deutschland. Hier: Uigurische Fürsten in chinesischer Tracht, Wandfreske, ca. 8.–9. Jahrhundert, heute im Museum für Asiatische Kunst, Berlin
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Zwischen 1902 und 1914 gab es vier deutsche Expeditionen zu den Höhlen. Während der zweiten Expedition schnitt der Archäologe Albert von Le Coq mit Erlaubnis des chinesischen Kaisers wertvolle Wandmalereien von den Wänden der Höhlen und führte sie nach Deutschland, wo sie bis heute lagern. Die Malereien waren Teil einer großen künstlerischen Gestaltung der Höhle, ein wahres Gesamtkunstwerk also. Im Rahmen der Eröffnung des Humboldt Forums kamen nun die Verantwortlichen auf die Idee, die Wandmalereien in dem originalen Kontext auszustellen – indem sie den Rest der Höhle in der Kuppel des Berliner Schlosses nachbauen.

Nur warum so zögerlich? Wenn man schon nachbaut, wieso nicht gleich alles? Warum gibt man nicht die Kunst zurück – die Höhlen sind erhalten, für Besucher geöffnet, eine Rekonstruktion wäre problemlos zu erledigen – und baut hier alles nach? Das Schloss von 2019 wird schließlich selbst eine Rekonstruktion sein. Was spricht gegen das ­„Fake im ­Fake“?

Die Idee mag abwegig erscheinen, allerdings zeigt ein Beispiel aus Frankreich, dass die Methode großen Erfolg haben kann. 1994 wurde dort eine 35 000 Jahre alte Höhle, die Chauvet-Höhle, entdeckt, die mit die ältesten bekannten Höhlenmalereien enthält und von Werner Herzog in seiner Dokumentation „Die Höhle der vergessenen Träume“ verewigt wurde.

Um der Öffentlichkeit die Höhle zugänglich machen zu können und trotzdem die Atmosphäre im Inneren zu schützen (bei einer ähnlichen Höhle in Lascaux entstand durch den Atem der vielen Besucher Schimmel), baute man die Höhle einfach 1:1 nach, wobei genauestens die Atmosphäre, das Material und sogar der Klang berücksichtigt wurden. Auch die Malereien, deren unbekannte Erschaffer Filmemacher Herzog auf eine Stufe mit Meistern wie Michelangelo und Picasso stellt, wurden genauestens imitiert.

Die Reaktionen? Ein gewaltiger Flop? Mitnichten, die Nachbildung ist ein Publikumsrenner. Die Menschen kommen und sind offensichtlich auch bereit, Geld für präzise Nachbildungen zu zahlen.
Würden wir Geld bezahlen, um eine nachgebildete Nofretete zu bestaunen?
Was bedeutet eigentlich Originalität?

Im Seminar bildeten sich interessante Argumente heraus. Auf der einen Seite wäre es eine elegante Lösung, jeden Streit um ehemals geraubte Kunstgegenstände beizulegen. Sämtliche Kunstwerke könnten in die Ursprungsländer zurückgegeben werden, dafür hätte jedes Land seine individuelle Nachbildung. Zudem besteht auch in einer genauen Nachbildung eine große Kunstfertigkeit. Werkzeuge wie computererzeugte Faksimiles, CNC-Fräser und Lasertechnik würden sie nahezu perfekt erscheinen lassen. Das Studium der Kunstwerke wäre letztlich genauso präzise möglich. Man würde absolut die gleichen Farben, die gleiche Gestaltung sehen. Wir können einen Rembrandt als Scan im Internet anschauen und berührt werden, wieso sollte das nicht mit Gegenständen gehen? Wer beschwert sich schon, wenn Beethoven seine neunte Sinfonie nicht selber dirigiert?

Viele Studierende wandten jedoch ein, dass sie im Museum das Original sehen möchten, da von dem Original eine eigene Kraft auszugehen scheint. Schließlich lässt sich auch die „Mona Lisa“ problemlos in guter Qualität im Internet betrachten und dennoch stürmen die Leute in Scharen in den Louvre.
Was bedeutet Originalität?

Das „Fake im Fake“: Es gibt Überlegungen, die Wandmalereien (Foto oben) in einem originalen Kontext auszustellen – indem eine Höhle in der Kuppel des Berliner Schlosses nachgebaut wird
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Hat es etwas mit dem Werk   selber zu tun oder geht es am Ende um uns, um unsere Eitelkeit? Ist das Museum, wie man im 19. Jahrhundert glaubte, ein Heiligtum, ein Tempel der genialen Kostbarkeiten, in dem man sich entsprechend zu benehmen hat? Ein Ort, der den Zuschauer ebenso aufwerten soll wie das Geschaute, ja, der einer ganzen Nation eine Identität verleihen sollte?

Mein Eindruck ist, dass es die Zeit ist, die wir zu fühlen meinen, wenn wir einem Original gegenüberstehen, die vielleicht eingebildete Aura eines Gegenstands, an den ein großer Künstler vor langer Zeit Hand angelegt hat. Wenn wir das Objekt sehen, sehen wir vielleicht die vergangene Zeit und damit unsere eigene Geschichte.

Auch bei aufgeklärten Menschen scheinen dann schnell nationale Denkweisen wach zu werden. Der gleiche Mensch konnte die Rückgabe eines nationalen Heiligtums fordern und zugleich die Herausgabe von Kunst, die das eigene Land geraubt hat, verweigern.

Kann Kunst Identität geben? Welches Recht haben wir auf solche Identitäten? Die Fragen können an der Stelle nur gestellt, nicht beantwortet werden.

Würde ich ein ­„Fake-Museum“ befürworten? Ich bin in dieser Hinsicht gespalten.
Andererseits, wenn es um die Frage des Raubs von Kunst geht, geht es auch um geschichtliche Gerechtigkeit und Verantwortung. Und spielt es da wirklich eine Rolle, ob ich selbst eine Aura der Zeit fühlen möchte, wenn ich am Wochenende ins Museum gehe?

Paul Hoffmann ist Student der Kunstwissenschaft an der TU Berlin.

Paul Hoffmann, "TU intern" 7. April 2017

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