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Geschichte des Studentenhauses

Die Verdienste des Fördertechnikers Heinrich Aumund um den Bau wurden von den Nationalsozialisten totgeschwiegen

Das „Studentenhaus“ an der Hardenbergstraße wurde 1936 errichtet. Es wurde zur Hochburg nationalsozialistischer Studenten
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Der Hochschullehrer, Unternehmer und Erfinder Heinrich Aumund (1873–1959) war zwischen 1920 und 1926 verantwortlich für die Technischen Hochschulen Preußens. Zwischen 1925 und 1935 vertrat er das Fachgebiet Fördertechnik an der Technischen Hochschule Berlin. Er kanalisierte die öffentliche Reformdiskussion und erstellte Vorlagen für Parlament und Wissenschaftsministerium. Doch diese wurden häufig durch die Nationalsozialisten wieder rückgängig gemacht. Anhand zahlreicher neuer Quellen zeichnet der ehemalige TU-Technikhistoriker Wolfgang König mit dieser Biografie auch die Geschichte der deutschen Hochschulreform nach. In der Person von Heinrich Aumund, so Wolfgang König, werde dabei zugleich das schwierige Verhältnis zwischen freien Erfindern und Großindustrie sichtbar, ebenso wie die Stellung der Ingenieure in der Kriegswirtschaft des Ersten Weltkriegs – und nicht zuletzt der Umgang der Nationalsozialisten mit politisch missliebigen Professoren. Ein Kapitel befasst sich auch mit der Geschichte des Studentenhauses der TU Berlin. Wir drucken hier einen Auszug ab:

Geht man vom Hauptgebäude der Technischen Universität zur Mensa, dann steht rechter Hand ein Studentenwohnheim, das zur Hardenbergstraße hin die Aufschrift „Studentenhaus“ trägt. Es bedarf schon eines genauen Blicks, um zu sehen, dass es sich dabei um ein historisches Gebäude handelt. Tatsächlich wurde das Wohnheim 1936 errichtet – unter besonderen, bislang unbekannten Umständen.

In der Zeit der Weimarer Republik war die soziale Lage der deutschen Studenten denkbar schlecht. Deshalb wurden an den einzelnen Hochschulorten und Hochschulen soziale Einrichtungen ins Leben gerufen, die Minderbemittelten ein Studium ermöglichen sollten.

Ein solches als Verein organisiertes Studentenwerk, das sich seit 1928 „Studentenhaus“ nannte, entstand auch an der Technischen Hochschule Berlin. 1930 übernahm der Fördertechniker Heinrich Aumund (1873-1959) den Vorsitz des Studentenwerks.

Die deutsche Studentenschaft war in der Zwischenkriegszeit hoch politisiert. Die 1926 erfolgte Gründung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDSB) und seine Erfolge bei den Studentenschaftswahlen spitzten die politischen Konflikte zu. Die Technische Hochschule Berlin bildete eine der Hochburgen des NSDSB; 1930/31 errang der Bund bei den Studentenschaftswahlen erstmals die absolute Mehrheit. Innerhalb der ersten Monate des Jahres 1933 gestalteten die Nationalsozialisten die Arbeit des „Studentenhauses“ in ihrem Sinne um. Der Wissenschaftsminister ordnete an, dass nationalsozialistische Studenten bei der Vergabe von Begünstigungen zu bevorzugen seien; jüdische und marxistische Studenten waren von allen sozialen Leistungen grundsätzlich ausgeschlossen.

All dies erfolgte unter der nominellen Verantwortung Aumunds, der jedoch im August 1933 vom Amt des Vorsitzenden zurücktrat. Den Anlass für seinen Rücktritt bildete das Verhalten der nationalsozialistischen Studenten beim Bau des seit langer Zeit geplanten Studentenhauses. Entsprechende Pläne gingen bis mindestens in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück. Nachdem verschiedene Anläufe gescheitert waren, unterbreitete Aumund im Februar 1933 einen neuen Vorschlag, dessen Charme darin bestand, dass er ohne staatliche Mittel auskam. Er spekulierte auf einen Bauplatz, der für den Neubau einer Hochschulbibliothek reserviert war. Aumund schlug vor, auf ihm das Studentenhaus zu errichten. Sollte die Bibliothek später tatsächlich in Angriff genommen werden, könne man das Gebäude umwidmen. Der Wissenschafts- und der Finanzminister ließen sich überzeugen und stellten den Bauplatz zur Verfügung.

Das von ihm konzipierte Raumprogramm sprach Aumund mit den Studentenvertretern ab. Die verabschiedeten Pläne enthielten keine Wohnungen mehr, sondern konzentrierten sich auf studentische Gemeinschaftseinrichtungen. Sie umfassten unter anderem eine Mensa, eine Sporthalle, eine Bücherei mit Lesesaal, Räume für die studentischen Ämter sowie Läden. Als die Vorbereitungen für den Bau bereits weit gediehen waren, zog der „Führer“ der Studentenschaft seine Zustimmung zurück. Er hatte mit Kommilitonen einen Studententag in Aachen besucht, auf dem die Zusammenfassung der Studienanfänger bis zum dritten Semester in „Kameradschaftshäusern“ propagiert wurde – mit dem Ziel, diese politisch zu indoktrinieren. Hierfür – so die Studentenschaft – benötige man ein wesentlich größeres Grundstück. Aumund hielt dies unter Kostengesichtspunkten für nicht realisierbar und erklärte seinen Rücktritt.

1934 wurde das Vorhaben an der von Aumund vorgesehenen Stelle wiederaufgenommen, nachdem die von den Studentenvertretern betriebene Suche nach einem größeren Grundstück ergebnislos verlaufen war. Die neuen Planungen fügten den studentischen Gemeinschaftseinrichtungen ein Wohnheim hinzu, was mit beträchtlichen Kostensteigerungen verbunden war. Im Wintersemester 1936/37 konnte das Haus eingeweiht werden. Die Verdienste Aumunds um den Bau wurden totgeschwiegen.

Wolfgang König: Heinrich Aumund (1873 bis 1959), Erfinder, Fördertechniker, Hochschul­reformer, Franz Steiner Verlag 2018, ISBN 978-3-515-11980-1

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