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TU Berlin

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Innenansichten

Unter dem Motto „Digitale Zukunft“ luden die Präsidentin und die Präsidenten der Berliner Unis sowie der Vorstandvorsitzende der Charité – Universitätsmedizin Berlin zum Dank und zum gegenseitigen Kennenlernen die Personen ein, die das „Einstein Center Digital Future“ ermöglichen: die Stifterinnen und Stifter sowie die mitteleinwerbenden Professorinnen und Professoren. Am 21. November begrüßte TU-Präsident Prof. Dr. Christian Thomsen die Gäste im festlich geschmückten Lichthof. TU-Professor und designierter Sprecher des Centers Prof. Dr. Odej Kao gab einen Ausblick auf das Kommende und der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Martin Grötschel hielt die Dinner Speech.

„Open Science, digitale Städte, Industrie 4.0 und andere revolutionäre Träume“

von Martin Grötschel

Martin Grötschel hielt die "Dinner Speech" beim Dinner "Digitale Zukunft" an der TU Berlin
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Als mich die Bitte erreichte, heute Abend eine „Digital Dinner Speech“ zu halten, um bei den Stiftern und Einwerbern für Juniorprofessuren im Rahmen des Einstein Zentrums „Digital Future“ (kurz ECDF) Vorfreude auf das entstehende Zentrum zu wecken, hatte ich mich darüber sehr gefreut und gerne zugesagt. Mir fiel sofort der bombastische Titel ein: „Open Science, digitale Städte, Industrie 4.0 und andere revolutionäre Träume“, der alles und nichts sagt und bei dem man den Inhalt kurzfristig anpassen kann.

Und sofort kam mir die Idee, mit einem Gedicht von Antoine de Saint-Exupéry anzufangen. Dieses lautet wie folgt: „Wenn Du ein Schiff bauen willst,  dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Und dann, dachte ich, sollte ich fortfahren mit der Verkündung all der Verheißungen der Digitalisierung und so etwas wie eine „digitale Predigt“ halten. Allerdings bemerkte ich sehr schnell drei Dinge:

  • Erstens: Alles, was mir an Verheißungen einfiel, steht schon im ECDF-Antrag.
  • Zweitens: Der Kollege Odej Kao wird nach mir noch einen Ausblick auf die Zukunft des Zentrums geben. Es gehört sich nicht, ihm die Rosinen aus seinem Vortrag zu picken.
  • Drittens: Meine Predigt würde sich nur an die bereits Bekehrten richten, aber die brauchen so etwas eigentlich nicht.

Meine nächste Idee: Ich bringe Konrad Zuse ins Spiel. Immerhin haben wir in diesem Jahr den 75. Jahrestag der Erfindung des Computers, also seiner Erfindung, gefeiert. Das ist ein Highlight für die Wissenschaftsgeschichte Berlins, aber wirklich signifikante wirtschaftliche Auswirkungen hatten die späteren technischen Entwicklungen anderer. Deutschland wurde bekanntermaßen nicht Computerland.

Ich habe Konrad Zuse letztmalig im Jahr 1994 bei einem Besuch des Zuse-Instituts getroffen, dessen Vizepräsident ich damals war. Zuse erzählte u. a. von einem Gespräch mit Bill Gates, das auf dessen Wunsch zustande gekommen war. Konrad Zuses wichtigste Bemerkung zu Gates war damals: „Ich hätte nie gedacht, dass man mit Gebrauchsanleitungen Geld verdienen kann.“

Konrad Zuse war eben Techniker, ihm war erst sehr spät die Bedeutung von Software klar geworden. Er hatte anfangs, wie er mir damals sagte, Software für eine Art von Gebrauchsanleitungen für Waschmaschinen gehalten.

Und dies deutet auf eines der Probleme in unserem Land. Wir haben glänzende wissenschaftliche Erfolge, sind aber nicht umsetzungsstark.

Ein wichtiges Ziel unseres neuen Einstein Zentrums ist – natürlich neben der zu erzielenden wissenschaftlichen Exzellenz – die rasche Umsetzung von Ideen in marktfähige Produkte. Nach meiner Einschätzung gibt es in Deutschland keine Region, die besser dazu geeignet ist als Berlin.
Dafür gibt es mehrere Gründe. So sind die Mauern zwischen Institutionen und Fächern in der Berliner Wissenschaftslandschaft weitgehend eingerissen worden. Die Berliner Universitäten stehen in engem Kontakt zueinander, die Disziplinen schauen nicht mehr mit Arroganz auf die anderen, sondern haben vielmehr verstanden, dass Herausforderungen nur durch die Zusammenarbeit vieler Einrichtungen und Fächer gemeistert werden können. Das alle verbindende Netz ist dabei die Digitalisierung. Dieses gilt es zu verstärken und zu nutzen. Und dieses Netz darf, wenn es zu wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Erfolg führen soll, nicht an der Grenze zur Wirtschaft und Industrie gekappt werden. Die heute hier anwesenden Personen stehen für den Bau neuer und tragfähiger Brücken.

OPEN SCIENCE

Ein zentraler Aspekt in der wissenschaftlichen Entwicklung ist dabei Open Science. In Open Science geht es darum, alle Bestandteile des wissenschaftlichen Prozesses offenzulegen und transparent über das Internet darzustellen. Ewas präziser formuliert: In Open Science soll der gesamte Weg wissenschaftlicher Erkenntnis von der Datenerhebung, dem Einsatz von Software, der Art der algorithmischen Bearbeitung und Ergebnisfindung bis hin zur Interpretation nachvollziehbar dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Geheimniskrämerei in der Wissenschaft niemandem nutzt und dass Open Science der richtige Weg dazu ist, Fortschritte schnell und gesichert zu erzielen. Open Science liefert die Basis für Innovationen und schließt keineswegs proprietäre Produktentwicklungen aus.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur daran, dass Google durch die Idee von Larry Page entstanden ist, Informationsrelevanz aus einer gewissen Matrix durch die Berechnung von Eigenwerten abzuleiten. Der zentrale Algorithmus der Google-Suchmaschine ist eine Methode zur schnellen Eigenwertberechnung; und eine solche haben Sergej Brin und Larry Page in einer Numerik-Vorlesung meines Kollegen Gene Golub kennengelernt. Dafür ist Golub dann später von Brin und Page mit einem Aktienpaket belohnt worden. Hätten wir Mathematiker diese Methodik geheim gehalten, gäbe es Google heute vielleicht nicht. Die Liste ähnlicher Beispiele könnte ich endlos fortsetzen.

DIGITALE STÄDTE

Es wäre wunderbar, wenn Berlin sich parallel zum Einstein Zentrum Digitale Zukunft auch zu einer digitalen Stadt entwickeln würde. Man kann im Augenblick leider nicht davon sprechen, dass die Stadt auf einem guten Weg dahin ist. Aber: Wie Sie wissen, ist der Regierende Bürgermeister, Michael Müller, persönlich sehr an diesem Thema interessiert. Das gilt ebenso für den hier anwesenden Staatssekretär Steffen Krach. Zu dem vor wenigen Tagen abgeschlossenen Koalitionsvertrag finden Sie auf netzpolitik.org einen sehr positiven Artikel mit dem Titel „Ganz schön digital: Der Berliner Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün“.

Ich zitiere aus dem Koalitionsvertrag: „Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung bringen umfassende Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Arbeitswelt, die diese Koalition aufgreift. Dafür werden eine Digitalisierungsstrategie auf Basis der Maßgaben von Nachhaltigkeit, Teilhabe und wirtschaftlicher Entwicklung erarbeitet und ein Bürgerdialog »Mein digitales Berlin« durchgeführt sowie ein »Koordinator Digitales Berlin« zur Koordination der verschiedenen digitalisierungsrelevanten politischen Aktivitäten mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren eingesetzt.
Die Digitalwirtschaft schafft viele neue Arbeitsplätze und ist wichtiger Treiber von Innovationen in Berlin.
Die Koalition wird eine eigene Open-Innovation-Strategie entwickeln. Zur Unterstützung der Digitalisierungsstrategie wird die Koalition eine zentrale Stelle, abgestimmt auf bestehende Strukturen, aufbauen, die kleine und mittlere Unternehmen, die Industrie sowie das Handwerk bei ihren notwendigen digitalen Transformationsprozessen unterstützt.“

Der gute Wille ist da. Hoffen wir, dass die Umsetzung der Pläne gelingt.

Die Gäste fühlten sich sichtlich gut und intelligent unterhalten
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INDUSTRIE 4.0

Das Schlagwort Industrie 4.0 kommt auch an verschiedenen Stellen des Koalitionsvertrages vor. Die IHK Berlin hat in diesem Jahr einen Bericht mit dem Titel „Digitalisierung in der Unternehmensstrategie: Wo steht die Berliner Wirtschaft?“ vorgelegt. Daraus erwähne ich nur ganz kurz ein paar statistische Ergebnisse:

STAND DER DIGITALISIERUNG in Berlin

  • 58 Prozent der Berliner Unternehmen schätzen den Stand ihrer Digitalisierung als hoch oder sehr hoch ein.
  • Nur 39 Prozent der großen Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern weisen aber einen hohen oder sehr hohen Digitalisierungsgrad auf.
  • In 90 Prozent der Berliner Unternehmen sind digitale Technologien von hoher Bedeutung für die Unternehmensstrategie.
  • In nur 39 Prozent der großen Unternehmen mit über 50 Mitarbeitern ist der Einsatz digitaler Technologien absolut zentral für die Unternehmensstrategie.
  • 82 Prozent wollen mithilfe digitaler Technologien neue Märkte und Kundengruppen erschließen, 80 Prozent innovative Produkte und Services anbieten.
  • Die Mehrheit der Berliner Führungskräfte schätzt die Voraussetzungen für digitalen Wandel im eigenen Unternehmen sehr positiv ein.
  • Aber viele Unternehmen sehen für sich keine klaren Vorteile von Industrie 4.0 oder ihnen fehlen die Ressourcen.
  • Der Informationsbedarf zu Industrie 4.0 ist groß!

Das Ergebnis ist also sehr zwiespältig und interpretationsbedürftig.

Ich kann und will hier keine Analyse der Versprechungen von Industrie 4.0 geben, sondern möchte einfach den acatech-Präsidenten Henning Kagermann zitieren, der eine der Personen in Deutschland ist, die dieses Thema besonders intensiv analytisch und fördernd begleiten und voranbringen. Wiederholt hat er in seinen Reden und Veröffentlichungen auf die wirtschaftliche Bedeutung von Industrie 4.0 in den verschiedensten Industriezweigen hingewiesen, aber auch darauf, dass die digitale Transformation nicht an den Unternehmensgrenzen haltmachen darf. Sie verändert die Unternehmensorganisation ebenso wie unsere Art zu arbeiten oder zu lernen.

Bei der acatech Festveranstaltung am 12. Oktober 2016 sagte Henning Kagermann  u.a.:
„Der Abstand zwischen Mensch und Maschine verringert sich. Doch der Mensch steht weiter im Mittelpunkt und lernfähige Maschinen müssen sich anpassen. Eine positive Entwicklung ist allerdings kein Selbstläufer, sondern eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe. Wollen wir Mensch und Maschine in beste Gesellschaft bringen, dann müssen wir die berechtigten Bedenken – etwa vor Arbeitsplatz- oder Kontrollverlusten – ernst nehmen. Denn die Aufgeschlossenheit gegenüber technologischen Innovationen ist mitentscheidend für die Modernisierungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.“

Damit komme ich zum vorletzten Punkt meiner Rede.

Die digitale Revolution und die Gesellschaft.

Wenn die Perspektiven wirklich so großartig sind, wie das in allen Reden über die Digitalisierung zu hören ist, dann muss doch eigentlich jeder diese digitale Zukunft mit Begeisterung begrüßen. Aber gerade die jüngsten Entwicklungen machen mich besorgt. Bei den digitalen Predigten wird manchmal der Mund zu voll genommen. Es werden Dinge versprochen, die kaum zu halten sind. Und so kann der digitale Hype schnell in sein Gegenteil umschlagen.

Wenn man das Brexit-Votum analysiert und sich den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf in Erinnerung ruft, dann wird klar, dass man heute Fakten verdrehen, glatt lügen oder blanken Unsinn verbreiten und eine Mehrheit von Betroffenen finden kann, die diesem zustimmen. Es sieht fast so aus, als komme es nur noch auf die Art des Vortrags, die psychologische Einbettung, das sog. Framing, an, um den Nerv von Wählerinnen und Wählern zu treffen. Fakten scheinen offenbar kaum noch eine Rolle zu spielen. Dies, und dazu gehört auch der Missbrauch von digitalen Techniken zur Meinungsmanipulation, ist eine echte Gefahr für unsere Kultur. Auch wir in Deutschland sind gegen diese neue Populismuswelle nicht gefeit; ich erwähne nur die AfD und Pegida.

Gilt diese Analyse auch für die digitale Revolution? Was kann da schieflaufen? Und vor allem: Was sollen wir, die wir hier versammelt sind, tun, damit wir weder von der Entwicklung abgehängt werden noch in digitale Versionen von – im übertragenen Sinne formuliert – weltweiten Weberaufständen geraten? Was ist also der richtige Weg, der aus der Angst vor der Digitalisierung und ihren Verheißungen hin zu einer positiven Entwicklung führt?
Die Signale sind äußerst vielschichtig.

Ich zitiere einige Ergebnisse aus einer FORSA-Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung vom September 2016:
Die Befragten sind bei der Einschätzung der Folgen der Digitalisierung kritisch. So sehen nur 47% der Deutschen im digitalen Wandel mehr Chancen als Risiken für die Gesellschaft, nur 43 % bewerten die Folgen als überwiegend positiv für sich persönlich. Nur 50% der Befragten mit Abitur und Studium erkennen Chancen für sich, bei denjenigen mit Hauptschulabschluss sind es dagegen nur 23 %.
Julia André, Leiterin des Fokusthemas „Digitale Mündigkeit“ bei der Körber-Stiftung, ist überzeugt: »Wir brauchen mündige Bürgerinnen und Bürger, die der Digitalisierung nicht nur hinterherlaufen, sondern sie kompetent, kreativ und engagiert mitgestalten. Um das zu erreichen, müssen wir die digitale Alphabetisierung in Deutschland entschlossener vorantreiben. Denn nur Menschen, die sachkundig und verantwortungsvoll mit den neuen Technologien umzugehen wissen, können die Chancen dieses tiefgreifenden Wandels nutzen, ohne die Risiken aus dem Blick zu verlieren.«

Und weiter heißt es:
»Unser Bildungssystem ist für den digitalen Wandel noch nicht ausreichend gerüstet. Wir müssen aber dringend entsprechende Bildungsangebote schaffen, um die digitale Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. «


Teilhabe am digitalen Wandel ist wichtig, und das darf das Einstein Zentrum „Digital Future“ bei seinen Aktivitäten, auch wenn sie vornehmlich forschungszentriert sind, nicht aus den Augen verlieren.
Am gestrigen Sonntag gab es im „Tagesspiegel“ drei gewichtige Artikel zu diesem Thema. Ich zitiere nur die Titel und einige Zwischenüberschriften, welche die Diskussionspunkte verdeutlichen:
Der Autor Tim Klimeš schreibt: „Diese Coca-Cola geht uns alle an: Facebook und Google sind die Knotenpunkte der Information. Wer so viel Macht hat braucht Kontrolle. Algorithmen des Silicon Valley werden Perpetuum mobile der Meinungsmache.“

Und unter der Gesamtüberschrift „Der Mensch steht im Weg“ werden zwei verschiedene Meinungen dargestellt.
„Schadet oder nutzt uns die künstliche Intelligenz? Nicht noch mehr Rechenleistung fehlt den Menschen, sagt Stefan Selke, sondern der Sinn.“

Und
„Künstliche Intelligenz bietet viel Chancen, aber hierzulande geht es vor allem um Risiken, sagt Martin Schallbruch und warnt: So fallen wir zurück.“


Die vorgebrachten Argumente der beiden Journalisten brauche ich nicht zusammenzufassen. Die kennen Sie. Der Punkt, den ich mit dieser Bemerkung setzen will ist, folgender: Wir dürfen die digitale Transformation nicht allein aus technischer Sicht betrachten, sondern alle Beteiligten müssen sich auch der gesellschaftlichen Verantwortung ihres Handelns bewusst sein und die sozialen und soziologischen Aspekte in Betracht ziehen.

Am 16. November 2016, also vor 5 Tagen, ist in der Reihe acatech POSITION eine Publikation mit dem Titel „Kompetenzen für die Industrie 4.0“ erschienen. Acatech, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, warnt hierin vor einer doppelten digitalen Kluft: Diese öffnet sich einerseits zwischen hoch- und niedrigqualifizierten Beschäftigten und andererseits zwischen großen und kleineren Unternehmen. Deutschland braucht deshalb eine nationale Bildungsoffensive Industrie 4.0.
Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass rationale Argumente nicht von gefühlsbetonten und falschen Argumenten verdrängt werden können. Das ist offenbar schwerer als man glaubt.

Einstein Center „Digital Future“

Wenn man mit Google nach „Digital Future“ sucht, findet man sehr schnell den Bericht

REPORT TO THE PRESIDENT AND CONGRESS DESIGNING A DIGITAL FUTURE:
FEDERALLY FUNDED RESEARCH AND DEVELOPMENT IN NETWORKING AND INFORMATION TECHNOLOGY
President’s Council of Advisors on Science and Technology
DECEMBER 2010,

in dem vor sechs Jahren bereits vieles angeführt wird, was auch im Antrag für unser Einstein-Zentrum vorkommt, allerdings mit einer sehr starken Betonung auf der nationalen Bedeutung für die USA. Ich zitiere:

“The Federal investment in Network and Information Technology (NIT) research and development is without question one of the best investments our Nation has ever made. In order to sustain and improve our quality of life, it is crucial that the United States continue to innovate more rapidly and more creatively than other countries in important areas of NIT. Only by continuing to invest in core NIT science and technology will we continue to reap such enormous societal benefits in the decades to come.
Recent technological and societal trends place the further advancement and application of NIT squarely at the center of our Nation’s ability to achieve essentially all of our priorities and to address essentially all of our challenges.”

Bedeutet die Tatsache, dass dies schon vor sechs Jahren formuliert wurde, dass wir bereits hoffnungslos zu spät sind?

Anders herum: Machen wir in Berlin mit dem Einstein Zentrum etwas richtig? Ja, ich bin davon überzeugt und will auf einige der Punkte hinweisen, die meine Überzeugung stützen.

Die Digital-Future-Initiative ist breit angelegt und umfasst beinahe die gesamte Bandbreite der Forschung in Berlin – beginnend mit der formalen Methodik in Mathematik und Informatik, in technologischen Entwicklungen, in der technischen Informatik, Nachrichtentechnik und weiteren Ingenieurwissenschaften über Physik, Chemie und Medizin bis hin zu Geistes- und Sozialwissenschaften, die heute häufig unter den Terminus Digital Humanities „firmieren“. Diese Bandbreite ist äußerst selten und wird nur in wenigen Regionen der Welt erreicht.

Ich weiß aus meinen Tätigkeiten in der Akademie, in der Einstein Stiftung, in der Exzellenz-Initiative und in anderen Institutionen, dass viele Regionen in der Welt geradezu neidvoll darauf schauen, dass sich in Berlin eine Kultur der Kooperation entwickelt hat. Dies war nicht immer so. Noch vor 15 Jahren war auch Berlin in gleichsam eingemauerte wissenschaftliche Bezirke unterteilt, wobei jeder eifersüchtig auf seine jeweilige Besonderheit Wert gelegt hat.

Diese Haltung ist so gut wie überwunden und einer Kultur der Offenheit und Kooperation gewichen, wie es sie vor 316 Jahren schon einmal gegeben hatte. Damals gründete Gottfried Wilhelm Leibniz, dessen dreihundertsten Todestag wir vor einer Woche begangen haben, die heutige Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die als erste Akademie alle Formen der damals bekannten Wissenschaft umfasste. Leibniz war als Wissenschaftler die verkörperte Interdisziplinarität selbst. Er hat der Akademie organisatorisch diese Richtung gewiesen. Leider ist der Kooperationsgeist im Lauf der Zeit etwas verlorengegangen. Aber dieser ist nun zurück – und das ist eine große Stärke von Berlin. Ich hoffe, dass sich dieser Geist im Einstein Zentrum Digitale Zukunft weiterentwickelt, denn die wirklich wichtigen Themen liegen an den Grenzflächen zwischen den verschiedenen Gebieten.

Ist Berlin konkurrenzfähig?

Wenn man auf die internationalen Statistiken in Bezug auf Innovationszentren etc. schaut, so steht Berlin gar nicht schlecht da. In den weltweiten Hitlisten rangieren wir häufig im einstelligen Bereich – je nach Untersuchungsfeld. Wir sollten uns hier jedoch nicht täuschen. Die Geldmittel, die andernorts in Innovation und insbesondere in digitale Innovation gesteckt werden, sind enorm. Zur Vorbereitung auf diese Rede habe ich im Internet zu den Investitionssummen in anderen Regionen recherchiert. Asien, ganz besonders Indien und China, haben ganz andere Zuwachsraten als wir in Europa, und das Silicon Valley ist uns um ein Vielfaches voraus. Es war mir nicht möglich, eindeutig herauszufinden, ob dort 10, 20 oder 30 Mrd. Dollar pro Jahr in Forschung dieser Art investiert werden. Klar ist jedoch, dass das in Kalifornien zur Verfügung stehende Finanzvolumen um den Faktor 1000 größer ist als das Budget des Einstein Zentrums. Finanziell gesehen handelt es sich im Vergleich zum Silicon Valley bei den Berliner Mitteln um einen Rundungsfehler.

Muss man sich davor fürchten? Ja und nein. Eine Gefahr ist natürlich, dass Top-Wissenschaftler und Praktiker durch hohe Gehälter weggekauft werden oder gar nicht erst zu uns kommen. Gleiches gilt für erfolgreiche Startup-Companies. Hierüber müssen wir uns Gedanken machen. Dennoch habe ich keine Furcht.

Auch die Mathematik in Berlin ist den Top-US-Universitäten mit Mathematikfakultäten finanziell weit unterlegen – und trotzdem sind wir auf diesem Gebiet wissenschaftlich konkurrenzfähig. Das hat viele Gründe, die ich jetzt nicht aufzählen kann. Genauso sehe ich das im Bereich der Digitalisierung. Das große Ziel muss es sein, hier eine Kultur aufzubauen, die das Thema Digitalisierung umfassend in den Blick nimmt sowie Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen mitnimmt. Natürlich muss jeder Baustein dieses digitalen Gebäudes die eigene Arbeit erledigen. Der neue Senat von Berlin muss sich um E-Government kümmern, die Wissenschaft muss gute Wissenschaft liefern und sich bemühen, ihre Ergebnisse in wirtschaftlichen und industriellen Nutzen zu transferieren. Die Gänge und Brücken zwischen den Bereichen sind breiter und stabiler zu bauen. Diese Chance ist vorhanden und deshalb stimmt mich dieser Abend hoffnungsfroh, an dem einer der Startschüsse für das Einstein Zentrum Digital Future gegeben wird.

Schluss

Im Leibniz-Jubeljahr (370 Geburtstag und 300. Todestag) muss der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften jede Rede mit Leibniz-Zitaten schmücken. Ich möchte den großen Gelehrten zum Schluss zweimal zitieren:

  • Der Sinn und das Kennzeichen echter Wissenschaft besteht nach meiner Meinung in den nützlichen Erfindungen, die man daraus herleiten kann.
  • Cum Deus calculat et cogitationem exercet, fit mundus.
  • Zur Übersetzung  dieses Satzes ins Deutsche oder Englische gibt es lange Abhandlungen, u.a. von Nietzsche. Meine Übersetzung lautet:
  • „Indem Gott rechnet und seine Gedanken umsetzt, entsteht die Welt.“

Den Leibniz-Spruch könnte man also gut als Motto des Einstein Zentrums Digital Future wählen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Martin Grötschel, "TU intern" 16. Dezember 2016

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