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TU Berlin

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Hochschulpolitik

Welche Rolle spielt die deutsche Sprache in der Wissenschaft?

Zum aktuellen Stellenwert und zur Zukunftsperspektive von Deutsch als Wissenschaftssprache

Dr. Norbert Lammert war bis Oktober 2017 Präsident des Deutschen Bundestages. Er wurde im November dieses Jahres mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet. Er ist der erste Politiker in der Reihe der Preisträger, die mit ihm geehrt werden. Der Preis wird jährlich von der Eberhard-Schöck-Stiftung (Baden-Baden) und dem Verein Deutsche Sprache e. V. (Dortmund) vergeben
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Von Norbert Lammert
Ist der Traum von der Weltsprache Deutsch ausgeträumt? Für Jutta Limbach jedenfalls, die sich mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt hat, ist es mit dem Deutschen als Sprache der Wissenschaft seit Jahren kontinuierlich bergab gegangen. Das Urteil der inzwischen verstorbenen Präsidentin des Goethe-Instituts und langjährigen Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts ist, wenn auch nicht offensichtlich falsch, womöglich doch etwas zu ausnahmslos, es rechtfertigt aber die etwas genauere Betrachtung der Situation und der sich daraus ergebenden Zukunftsperspektiven von Deutsch als Wissenschaftssprache.

Wir haben es – verglichen mit einer Hochphase im 19./20. Jahrhundert – zweifellos längst mit einer beachtlichen Statusminderung der deutschen Sprache auch und gerade als Wissenschaftssprache zu tun. Dass in Deutschland bei wissenschaftlichen Konferenzen und Tagungen, bei wissenschaftlichen Publikationen, sogar bei der Beantragung von Forschungsmitteln nicht Deutsch, sondern Englisch als Sprache dominiert, ist nicht zu übersehen. Dass inzwischen selbst bei der Evaluierung germanistischer Forschungsprojekte bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft Anträge in Englisch eingereicht werden – und dies nach der Auffassung dafür beauftragter Gutachter auch Voraussetzung für eine sachgerechte Beurteilung ist –, kennzeichnet die Lage, mit der wir es zu tun haben. Die meisten Hochschulen bieten längst „internationale Studiengänge“ an, insbesondere in den Natur-, Technik- und Wirtschaftswissenschaften. Die großen wissenschaftlichen Datenbanken sind allesamt rein englisch, und das Englische weist am Weltaufkommen wissenschaftlicher Publikationen einen Anteil von mehr als 90 Prozent auf. Der Anteil der auf Deutsch verfassten wissenschaftlichen Publikationen ist demgegenüber auf wenige Prozente geschrumpft.

In der globalisierten Welt muss sich die Frage nach der Zukunft der Sprachen der Wissenschaft zuallererst an die Wissenschaften und die Wissenschaftler selbst richten. Sie hat etwas zu tun mit der Relevanz, der Vitalität, mit den Vermittlungsbedingungen und Vermittlungsmöglichkeiten von Wissenschaft. Sie ist zugleich aber auch eine Frage von besonderer politischer, sozialer und kultureller Relevanz, die deshalb nicht allein dem rein wissenschaftlichen Diskurs und seiner Eigendynamik überlassen bleiben darf.

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Ich möchte zur Verdeutlichung des Stellenwertes der Sprache zwei prominente Positionen zitieren: Nach Wilhelm von Humboldt ist „der Mensch nur Mensch durch Sprache“, und für Hans-Georg Gadamer ist gewiss: „Erst mit der Sprache geht die Welt auf.“ Auch wenn man die erste knappe Formel für eine Übertreibung halten mag – der Mensch ist sicher nicht ausschließlich durch Sprache Mensch –, so wird es an der klugen Bemerkung Gadamers kaum einen vernünftigen Zweifel geben. Sie verdeutlicht die überragende Bedeutung, die die Sprache für unser Verhältnis zur Welt hat, zur eigenen Herkunft, zur eigenen Umwelt, zu der Welt, in der wir leben, die wir ohne das Mittel Sprache kaum begreifen und noch weniger erklären können. Insofern wird man bei der Beschreibung des Stellenwertes von Sprache für uns Menschen kaum übertreiben können: Sprache erklärt, Sprache erläutert, verdeutlicht, verweist, klärt auf, verschleiert, bekräftigt, bestreitet, bestätigt, behauptet – und gerade in der Wissenschaft wird in beziehungsweise mit der Sprache das Terrain des Verstehbaren diskursiv erschlossen und mit unserer Erfahrungswelt verbunden. Auch und gerade unter diesem Gesichtspunkt ist es natürlich von Bedeutung, dass Englisch als die in der Wissenschaft längst dominierende Sprache die einzige der großen Weltsprachen geworden ist, die inzwischen weitgehend ohne Bezug zu dem europäischen Kulturraum gelernt wird, in dem sie zu Hause ist.

Ich stimme demzufolge der Forderung ausdrücklich zu, dass wir Mehrsprachigkeit fördern müssen. Neben Englisch als Lingua franca wird es nach meiner Überzeugung auch in Zukunft eine Koexistenz funktional differenzierter Sprachen von internationaler Bedeutung geben, zu denen auch Deutsch gehört. Dafür gibt es grundsätzliche und fast noch mehr praktische Gründe. Aber ich will eben auch hinzufügen: Für keine andere Sprache haben wir eine ähnliche Verpflichtung wie für die eigene. Der richtige Hinweis auf die Notwendigkeit der Förderung von Mehrsprachigkeit, mit Blick sowohl auf europäische Integrationsprozesse wie auf Globalisierungsbedingungen, darf das Engagement für die Erhaltung und Förderung der eigenen Sprache weder ersetzen noch verdrängen. Das hat nichts mit Nostalgie oder übersteigertem nationalen Selbstbewusstsein zu tun. Die Entwicklungsperspektive der Wissenschaft hängt von einer Reihe von Faktoren ab, und nicht der unbedeutendste dieser Faktoren ist Sprachkompetenz, also die Fähigkeit, das angemessen ausdrücken zu können, was man forschend gefunden oder verstanden zu haben glaubt. Eine der Muttersprache vergleichbare präzise und semantisch starke Sprachkompetenz ist auch unter Wissenschaftlern die seltene Ausnahme. Auf jeder der zahlreichen in Deutschland oder im Ausland stattfindenden englischsprachigen Wissenschaftskonferenzen kann man sich auch bei den gesprochenen Beiträgen vieler deutscher Wissenschaftler über diesen Zusammenhang einen ernüchternden Überblick verschaffen.

Das heißt, ohne jede Polemik, man muss schlicht wissen, was man aufgibt, wenn man im Interesse einer voreilig für praktisch erklärten Einsprachigkeit genau jenes sprachliche Vermögen riskiert, das für Wissenschaft mit konstitutiv ist. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich zudem keinen relevanten Unterschied zwischen Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften oder Ingenieurwissenschaften erkennen, wie er gelegentlich vorgegeben wird, für die in jeweils anderer, aber prinzipiell gleicher Weise eine erkenntnisbezogene Sprachkompetenz stillschweigende Voraussetzung des gelingenden wissenschaftlichen Diskurses ist – was aber bedeutet, dass sich jemand so treffend ausdrücken kann und darf, wie es dem eigenen Kenntnis- beziehungsweise Forschungsstand entspricht.

Von Rainer Kunze stammt der nachdenkenswerte Satz: „Ohne die deutsche Sprache könnte die Menschheit manches nicht denken, das zu denken möglich ist.“ Wer Rainer Kunze kennt, weiß, dass hier nicht dröhnendes Selbstbewusstsein auf sich aufmerksam zu machen sucht, sondern sich subtile Beobachtungsgabe zu Wort meldet. Wenn es wiederum vielleicht ein wenig übertrieben, aber ganz sicher nicht falsch ist, dass es ohne die deutsche Sprache eine Reihe von Möglichkeiten nicht gäbe, etwas zu denken und auszusprechen und zu vermitteln, was zu denken möglich ist, dann wäre der Niedergang der deutschen Sprache als Wissenschaftssprache nicht nur schade für Deutschland, sondern ein Verlust für die Welt der Wissenschaft. In genau diesem Sinne ist die Pflege, die Förderung der deutschen Sprache eine Chance, aber es ist auch ein Auftrag. Und den müssen wir wahrnehmen.

"TU intern" 15. Dezember 2017

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