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TU Berlin

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Hochschulpolitik

Priorität für wissenschaftliche Qualität

ERC-Präsident Jean-Pierre Bourguignon über Wissensvermittlung in postfaktischer Zeit

Nicht nur zur Politik, sondern auch zur europäischen Forschung werden wichtige Entscheidungen in Brüssel getroffen
Lupe

„Wissenschaft in Zeiten des Postfaktischen – Forschung und Öffentlichkeit“ steht über der Debatte, die die ERC-Veranstaltung „High Risk High Gain – Groundbreaking Research in Berlin“ an der TU Berlin begleitet. Warum erscheint eine solche Diskussion heute notwendig? Besteht die Gefahr, dass Wissenschaft an Glaubwürdigkeit verliert?
Die Frage des Zugangs zu den Aussagen der Wissenschaft für ein breites Publikum war immer da. Doch hat diese Frage heute besondere Bedeutung: Erstens steht heute dank des Internets viel mehr Information zur Verfügung, und zwar fast unverzüglich, zweitens ist in den letzten 20 oder 30 Jahren die Wirkung von Ereignissen und Entwicklungen, deren Quelle die Arbeit von Forschenden ist, auf das Leben der Bürgerinnen und Bürger gewachsen. Vieles, wie zum Beispiel medizinische Fortschritte, wird als sehr positiv empfunden, während andere Entwicklungen, die möglicherweise Arbeitsbedingungen oder Arbeitsplätze gefährden, als nicht so positiv betrachtet werden. Eine Konsequenz davon ist, dass die Gleichung zwischen Wissenschaft und Fortschritt, die am Anfang des 20. Jahrhunderts oft gezogen wurde, nicht universell angenommen wird. Das ist nicht neu. In der Vergangenheit gab es viele wissenschaftliche Entdeckungen, die als ketzerisch angesehen wurden. In die Diskussion sind heute, wie gesagt, viel mehr Leute involviert, und Meinungen werden viel schneller – und oft gedankenlos – geäußert. Einige Gruppen von Aktivisten haben es verstanden, einen großen Einfluss durch die Verbreitung von Pseudo-Fakten zu gewinnen. Das geht viel tiefer als die Propaganda, die immer existierte.

Der ERC fördert EU-weit insbesondere Grundlagenforschung. Diese ist der Öffentlichkeit häufig besonders schwierig zu erklären. Insbesondere, wenn es um die bloße Generierung von Wissen geht, also mögliche Anwendungsfelder wirtschaftlicher, industrieller oder gesellschaftlicher Natur nicht auf Anhieb erkennbar sind. Gibt es dabei Unterschiede, wie die Menschen in den einzelnen Ländern reagieren?
Natürlich reagieren Menschen verschiedener Länder mit verschiedenen kulturellen Hintergründen nicht alle gleich. Kernpunkt der Frage ist, wie ein besseres Verständnis des wissenschaftlichen Forschungsprozesses gewonnen werden kann. Das ist nicht leicht, denn das kann viel länger dauern als andere Prozesse in der Gesellschaft, beispielsweise die Steuerung des politischen Lebens. Die Lösung liegt oft in einer substanziellen Änderung der Ausgangsfrage. Das nehmen die Leute nicht leicht an, weil das nach ihrem Gefühl keine richtige Antwort ist. Oft müssen die Forschenden auch ihre Meinung ändern, wenn sie erkennen, dass das, was früher als vollständige Beschreibung eines Prozesses betrachtet wurde, eben nicht vollständig ist. Ein permanent kritischer Blick auf die von der Wissenschaft vorgeschlagene Beschreibung der Realität ist eine der Säulen der wissenschaftlichen Methodik. 

Wissenschaft gerät damit aber auch immer stärker unter Druck, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern unterhaltsam zu sein – hier in Berlin gibt es zum Beispiel Veranstaltungen wie „Mein Prof ist ein DJ“, „Wissenschaftsshows“, sehr populäre „Science Slams“ oder die Pecha-Kucha-Vorträge – 20 Folien in sechs Minuten –, die auch die ERC-Veranstaltung am 20. Juli begleiten – ist das der richtige Weg?
Es ist wahr, dass heute etwas mehr von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verlangt wird. Sie müssen ihre Ergebnisse in Übereinstimmung mit den zeitgemäßen Standards präsentieren: sehr scharfe Formulierung, schnelle Reaktion, die wichtigere Rolle von Bildern. Es ist eine große Herausforderung, denn oft ist eine solch extreme Zusammenfassung von komplexen, subtilen Inhalten dafür nicht geeignet. Vielleicht liegt die Lösung darin, dass man nicht die vollständige Natur des Problems liefern soll, sondern nur dazu ermutigen, mehr zu entdecken. Dazu gehört auch die notwendige Wiederholung, dass nur Geduld und viel Arbeit wichtige Fortschritte bringen. 

Was bedeutet dieser Druck für die großen Fördereinrichtungen, zu denen ja auch der Europäische Forschungsrat zuoberst gehört?  Hat das Auswirkungen auf die Prüf- und Evaluationsverfahren, die den Projektbewilligungen vorausgehen?
Dieser Druck ist sicher da, aber es ist wichtig, dass Fördereinrichtungen wie der ERC ihre grundsätzlichen Regeln, Entscheidungen zu treffen, nicht ändern, vor allem die, der wissenschaftlichen Qualität absolute Priorität zu geben, ohne Berücksichtigung sekundärer Gründe. Dennoch soll sich der ERC auch bemühen, die Forschenden auf diese neuen Bedingungen aufmerksam zu machen: durch geeignetes Training oder relevante Veranstaltungen, wo sie sich mit Journalisten, Politikern und natürlich auch mit dem breiten Publikum austauschen können. Dafür müssen neue Kompetenzen entwickelt und gebündelt werden.

Vielen Dank!

Die Fragen stellte Patricia Pätzold

Prof. Dr. Jean-Pierre ­Bourguignon, Präsident des Europäischen Forschungsrates (European Research Council, ERC)

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Seit Januar 2014 ist Prof. Dr. Jean-Pierre Bourguignon Präsident des Europäischen Forschungsrates (European Research Council, ERC). Der Mathematiker war von 1986 bis 2012 Professor an der École polytechnique in Paris, war Präsident der Société Mathématique de France sowie der European Mathematical Society und ist Mitglied weiterer Europäischer Forschungsorganisationen. Er wurde ausgezeichnet mit vielen hochrangigen Preisen und hält Ehrendoktorwürden in Japan und China.

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