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Der ewige Kreislauf

Dienstag, 22. Oktober 2019

Queen’s Lecture 2019: Was der Einzelne tun kann, das Null-Emissionen-Ziel zu erreichen und was die Politik tun muss – Interview mit Corinne Le Quéré

Corinne Le Quéré von der University of East Anglia hält die diesjährige Queen’s Lecture
Lupe

Prof. Le Quéré, Sie sind Physikerin und Ozeanografin, vielfach ausgezeichnet für Ihre Beiträge zur Klimawandelforschung. Sie haben unter anderem an drei Berichten des Weltklimarates (IPCC) mitgeschrieben und leiten seit 13 Jahren, seit seinem Bestehen, das jährliche Update „Global Carbon Budget“ des „Global Carbon Project“. Was hat es damit auf sich?
Für dieses internationale jährliche Update, das politischen Entscheider*innen für Klimavereinbarungen zur Verfügung gestellt wird, sammeln Wissenschaftler*innen weltweit Daten darüber, wie viele Emissionen entstehen, woher das CO2 stammt und wie es in der Umwelt verteilt wird. Wir wissen, dass rund die Hälfte der in der Atmosphäre befindlichen Emissionen von natürlichen Reservoiren aufgenommen wird, von den sogenannten Kohlenstoffsenken, also von Ozeanen und von Pflanzen und Böden der Biosphäre. Die andere Hälfte verbleibt in der Atmosphäre. Es gibt also ein bestimmtes Budget.

Der Mensch nimmt Einfluss auf den Kohlenstoff-Kreislauf. Und vieles, so haben Sie gesagt, sieht in der Realität noch beängstigender aus als auf dem Papier. Wie meinen Sie das?
Jahrzehntelang haben Wissenschaftler*innen bereits gewarnt. Man musste ihnen glauben oder nicht. Heute kann jeder und jede etwa 30-Jährige den Wandel seit seiner oder ihrer Geburt bereits mit eigenen Augen sehen: Hitzewellen, daraus resultierende Waldbrände und erhöhte Sterblichkeitsraten. Zehntausende starben infolge der Hitzewelle 2003 in Europa. Auch in diesem Sommer gab es 1500 zusätzliche Tote durch Hitzeeinwirkung. Das finde ich sehr beängstigend. Die Erderwärmung hat außerdem ungewöhnliche Starkregen zur Folge. Die Erhöhung des Meeresspiegels löst nicht nur katastrophale Überschwemmungen aus, sie verstärkt außerdem die Effekte von Stürmen, Hurrikans und schweren Regenfällen. Angesichts dieser bedrohlichen Ereignisse kann man schwer passiv bleiben.

Warum, denken Sie, findet die Wissenschaft bei Politik und Gesellschaft zu wenig Gehör?
Es gibt durchaus Bewegung und Fortschritt. Der Weltklimavertrag in Paris 2015 war ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Emissionen zwar derzeit weiter steigen, es im Hintergrund aber durchaus Aktivitäten gibt, um diese Bedrohung aufzuhalten. Doch es ist kein einfaches Unterfangen. Vielen Ländern ist das noch nicht klar genug. Einige jedoch nehmen das „Null-Emissionen bis 2050“-Ziel jetzt ernster und verstärken derzeit ihre Bemühungen, den Zielvereinbarungen näherzukommen. Besonders Europa, allen voran Frankreich, Großbritannien und Deutschland, hat sich dies auf die Fahnen geschrieben. Doch noch fehlen ausreichende Anreize, dem Klimaschutz Priorität einzuräumen.

Fehlt der Wille oder fehlt die Technologie?
Es ist mehr als der Wille. Es muss selbstverständlicher werden, alle politischen, geschäftlichen und privaten Entscheidungen auf ihre Umweltwirkung hin zu überprüfen. Wir müssen Wege und Regularien finden, den Blick auf unser CO2-Budget in Entscheidungsfindungen in Industrie und Handel, in Technologie, Transport und Verkehr einzubinden. Derzeit sind zum Beispiel die Kosten für Umweltverschmutzung viel zu gering, um Entscheidungen wirklich zu beeinflussen. Dazu brauchen wir einen breiten Diskurs in der Gesellschaft und in der Politik. 

Menschliche Aktivitäten haben eine Flut von Änderungen im natürlichen Kohlenstoff-Kreislauf ausgelöst. Welche Rolle spielt dieser dabei?
Wir müssen die Absorptionsfähigkeit der natürlichen Senken erhalten und bedenken, dass alle unsere Handlungen seine Gesundheit beeinflussen und damit unser Budget. Von Hitzewellen ausgelöste Waldbrände zum Beispiel vernichten Bäume, die natürlichen CO2-Speicher. Die Erwärmung des Ozeans löst einerseits mehr CO2 aus dem Wasser und reduziert gleichzeitig seine Fähigkeit, CO2 zu halten – eine Wirkung wie ein Brandbeschleuniger. Je stärker die Emissionen sind, desto schwächer werden die Effekte der Senken.

Die Kohlenstoffsenken bremsen also den Klimawandel nähern sich aber mehr und mehr ihren Grenzen. Sie schlagen den Aufbau eines planetaren Monitoring-Systems vor, das den sich immer schneller ändernden Kohlenstoff-Kreislauf beobachtet. Wie ist das gedacht?
Das ist ursprünglich eine Idee aus dem Pariser Abkommen. Dort wurde vereinbart, die Beobachtungen zu verifizieren, damit sie eine stabile Unterlage von Erkenntnissen bieten. Dazu gehört die Messung von Biomasse, die Messung des Einsatzes von bestimmten Chemikalien oder die Beobachtung durch Satelliten. Im Moment jedoch sammelt jedes Land eigene Daten, jeder muss dem anderen vertrauen. Es gibt noch keine unabhängige Verifizierung. Wir können momentan nur bestätigen, dass die Berichte in Ordnung sind, aber noch keine eigenen Daten liefern. Das wird Aufgabe der allernächsten Zukunft sein.

Die Interaktion zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit verändert sich derzeit. Wie schätzen Sie den Einfluss ein, den öffentliche Proteste wie die Fridays for Future-Bewegung haben?
Verändert hat sich in den vergangenen 25 Jahren vor allem die Richtung des Informationsflusses. Früher hat die Wissenschaft den Input in die Politik gegeben. Heute kommen die drängenden Fragen oft von außen. Politik und Bürger*innen tragen heute von sich aus sehr viel mehr Fragen an die Wissenschaft heran. Die Wissenschaft wird dadurch viel anwendbarer, aus Sicht der Bürger*innen quasi „nützlicher“ für eine Gesellschaft. Sie sollen mehr als die Ergebnisse ihrer Spezialgebiete liefern, eine viel breitere Grundlage zur Entscheidungsfindung. Ich bin als ausgebildete Ozeanografin eine Spezialistin für Kohlenstoff-Senken. Doch ich werde aufgefordert, in vielen inhaltlich breiteren Kommissionen mitzuarbeiten. Ein Beispiel ist der Wunsch nach Einschätzung des Kohlenstoff-Ausstoßes von großen Events wie den Olympischen Spielen. Auch als Wissenschaftlerin bekommt man mehr Einblick und Kontakt zu den entscheidenden Ebenen. Allerdings nicht, um die Entscheidungen selber zu treffen, sondern, um sicherzustellen, dass die schließlich getroffenen Entscheidungen die Wissenschaft respektieren.

Was kann man tun, um internationale Politiker*innen zu dem notwendigen gemeinsamen Handeln zu motivieren und was kann der Einzelne tun, um eine lebenswerte Zukunft zu wählen?
Die wichtigsten internationalen Rahmen sind das Pariser Abkommen, die G7- und G20-Gipfel. Das muss man unterstützen, denn diese multilateralen Koalitionen sind wichtig, um dem Druck einzelner Einflussreicher standzuhalten, um zu zeigen, ein Land steht nicht allein da mit seiner Aktivität.
Der Einzelne kann viel beeinflussen: Jeder kann überlegen, für welche Wege er welches Transportmittel benutzt, wie er heizt, wie er sich ernährt – also wo kommen die Lebensmittel her, welchen CO2-Ausstoß verursachen sie in Produktion und Transport bis ein Lebensmittel auf dem Teller liegt.
Doch die Hauptaktivität muss in der Politik liegen, um eine weltweit koordinierte Vorgehensweise sicherzustellen. Ich möchte mit meiner Präsentation an der TU Berlin aufklären, aber die Menschen auch optimistisch stimmen und motivieren. Jeder kann ganz privat etwas tun, und die Politik zeigt immer mehr Bereitschaft. Sie muss unterstützt werden, weiter und auch schneller das Richtige zu tun.
Global Carbon Budget 2019:www.earth-syst-sci-data-discuss.net/essd-2019-183

Das Gespräch führte Patricia Pätzold

Queen’s Lecture 2019

“The interactions between climate change and the carbon cycle and the future we choose”
Prof. Dr. Corinne Le Quéré, FRS, University of East Anglia
Zeit:
11. November 2019, 17 Uhr
Ort:
TU Berlin, Hauptgebäude, Audimax, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin
Hinweis:
Die Sitzplatzkapazität ist ausgebucht. Wir laden Sie ein, die Queen's Lecture per Live-Übertragung zu verfolgen:
youtu.be/XWxni9BjYew

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