direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Forschung

Weit vorne in den Trends

Was der Aktionstag „#4genderstudies“ gebracht hat – auch für die Wissenschaftskommunikation

Sabine Hark ist Soziologie-Professorin und leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG)
Lupe

Am 18. Dezember des vergangenen Jahres fand ein bundesweiter Aktionstag für Gender Studies mit dem Hashtag ­„#4genderstudies“ statt. Was war der Anlass dafür?
Bereits seit mehr als zehn Jahren publizieren Medien wie FAZ, Spiegel, Neue Zürcher Zeitung, aber auch die Süddeutsche Zeitung und andere immer wieder – teilweise auch persönlich diffamierende – Artikel, die der Geschlechterforschung die Wissenschaftlichkeit absprechen. Sie stellen diese beispielsweise als „lesbische Weltverschwörung“ und groß angelegtes gesellschaftliches Umerziehungsprogramm dar. Das häufte sich in letzter Zeit. Neuerdings stellt außerdem die AfD gezielt in parlamentarischen Anfragen die Wissenschaftlichkeit der Gender Studies in Frage, und jüngst positionierte sich auch die CSU gegen den sogenannten „Genderwahn“, den wir angeblich verbreiten würden. Da schien es vielen Kolleg*innen an der Zeit, stärker als bisher in die Öffentlichkeit zu gehen. Wir wollten an einem Tag konzentriert und konzertiert an möglichst vielen Orten darstellen, worüber wir forschen und was wir lehren.

Welches Ergebnis erschien Ihnen besonders wichtig?
Wir hatten nur sehr wenig Zeit zur Vorbereitung – die Idee dazu entstand erst Ende November –, doch ich denke, es wurde sichtbar, dass die Geschlechterforschung an vielen verschiedenen Hochschulstandorten ein ganz normaler Bestandteil von Forschung und Lehre ist und dass es die Gender Studies nicht nur in sozial- und kulturwissenschaftlichen Fächern gibt, sondern auch in natur- und technikwissenschaftlichen Disziplinen. Hier an der TU Berlin haben wir am ZIFG einen dezidierten Schwerpunkt an der Schnittstelle zu den MINT-Fächern ausgebildet, sowohl über das Studienprogramm Gender Pro MINT als auch in Forschungsprojekten mit natur- und technikwissenschaftlichen Fachgebieten. Besonders wichtig war, dass sich viele Hochschulleitungen klar positioniert und die Pressestellen uns sehr engagiert und professionell unterstützt haben. Es wurde teilweise sehr deutlich, dass es sich bei den Anwürfen  um einen Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre insgesamt handelt. Das war auch sehr wichtig. Und schließlich wurde der Austausch innerhalb der Scientific Community der Geschlechterforschung intensiviert, auch darüber, wie wir uns öffentlich präsentieren wollen.

Gab es auch negative Effekte?
Natürlich sind in den sozialen Netzwerken auch die üblichen Trolle und Bots auf den Hashtag des Tages, „#4genderstudies“, aufgesprungen. Doch damit haben sie letztlich einmal mehr deutlich gemacht, wie dürftig ihre Argumente sind, wenn man sie überhaupt so nennen will. Ironischerweise trugen sie aber vor allem dazu bei, dass der Hashtag den ganzen Tag über weit vorne in den Trends lag. Aber sicher muss das noch genauer ausgewertet werden.

Was entgegnen Sie als Genderforscherin der Kritik, auch im Nachgang zu der Debatte in der Presse aus den letzten Wochen? Was erscheint Ihnen als Kern der Auseinandersetzung?
In den derzeit extrem polarisierten und polarisierenden Zeiten ist die Sehnsucht, zu vereinfachen und klare Frontlinien zu ziehen, sehr stark. Hier sollte man nicht einfach unbelehrbar bei den eigenen Positionen bleiben, aber man muss diese immer wieder deutlich machen und sich einfachen Entgegensetzungen verweigern. Totalisierende Sichtweisen wie das „Ewigweibliche“, „Afrika, der dunkle Kontinent“, „Frauen, die nicht einparken, und Männer, die nicht zuhören können“, das „Kopftuchmädchen“, der „Wirtschaftsflüchtling“, aber auch „der Feminismus“, „die Gender Studies“, „die Deutschen“, „die Männer“, „die Frauen“ – bringen uns überhaupt nicht weiter.

Auch gegen Ihr neues Buch „Unterscheiden und herrschen“ gab es Anfeindungen. Wie gehen Sie damit um?
Tatsächlich gibt es teilweise völlig haltlose Anfeindungen gegen das Buch zur Kölner Silvesternacht, das ich mit meiner Münchner Kollegin Paula-Irene Villa geschrieben habe. So behauptete die FAZ, wir würden islamistische Selbstmordattentate verherrlichen. Das kommt in unserem Buch aber überhaupt nicht vor. Wir können nur immer wieder versuchen, darzulegen, worüber wir tatsächlich geschrieben haben, und uns nicht irremachen zu lassen von pauschalen Anwürfen dieser Art.

Wie geht es weiter?
Wir werden den Aktionstag sehr genau auswerten und überlegen, ob es sinnvoll ist, den 18. 12. als eine Art „National Coming Out Day“ der Gender Studies zu einer regelmäßigen Einrichtung zu machen, auch als Maßnahme der Wissenschaftskommunikation. Das ist ja nicht nur für die Gender Studies wichtig. Darüber muss insgesamt weiter nachgedacht werden.

Die Fragen stellte Patricia Pätzold

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Piwik für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.