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TU Berlin

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Forschung

Vom Fossil zur Ikone

Der Berliner Brachiosaurus zwischen Kolonialgeschichte und Populärkultur

Mareike Vennen (l.) und Ina Heumann forschen über „Dinosaurier in Berlin“
Lupe

Gemeinsam mit deutschen Kolonialherren hatten Hunderte afrikanischer Arbeiter 1909 bis 1913 am Fuße des tansanischen Tendaguru das fast vollständige Skelett eines gewaltigen Dinosauriers aus dem Jura ausgegraben, einen der bedeutendsten paläontologischen Funde bislang. Rund 250 Tonnen Knochen- und Skelettteile wurden damals ins ferne, kalte Deutschland verschifft: Die mächtige Urechse Brachiosaurus brancai, fast 13 Meter hoch und von Kopf bis Schwanzspitze mehr als 20 Meter lang, ist heute eine der Hauptattraktionen des Berliner Naturkundemuseums und zieht jährlich Hunderttausende Besucher an.

„Er ist mehr als ein besonderes naturkundliches Objekt, er ist auch ein Symbol populärer Wissenschaftsvermarktung“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Dr. Mareike Vennen. Sie erforscht, wie Objekte zur Ikone werden, wie sich populäre Attraktion und Wissenschaft gegenseitig beeinflussen, wie insbesondere aus den fossilen Funden von 1909 ein weltweit berühmtes naturhistorisches Ausstellungsstück wurde. Ihr Projekt „Der Dinosaurier als museales und populäres Objekt“ gehört zum BMBF-geförderten Forschungsprojekt „Dinosaurier in Berlin“, das von Dr. Ina Heumann am Naturkundemuseum geleitet wird und an dem die TU Berlin und die HU Berlin beteiligt sind. Seit 2015 wird hier untersucht, wie die Fossilien in den Besitz des Museums gekommen sind und wie der Brachiosaurus zur politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Ikone wurde. Mareike Vennen ist zugleich Teil des Forschungsverbunds „translocations“ zur Provenienz- und Erwerbsforschung am TU-Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne.

Anders als damals – das deutsche Kaiserreich hatte als Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Ostafrika die Fundstelle kurzerhand zu „herrenlosem Land“ erklärt und die Funde so „legal“ konfisziert – arbeiten heute Wissenschaftler, Staatsorgane und Archive beider Länder zusammen. Immer wieder aufkeimende Rückgabeforderungen werden zwar aus finanziellen und politischen Gründen nicht kontinuierlich verfolgt, doch wenigstens bleiben die Funde heute im Land. Auf einer Forschungsreise durch das ostafrikanische Land sprach Mareike Vennen mit Mitarbeitern in Museen wie dem House of Culture in Daressalaam, dem National Natural History Museum in Arusha oder dem Maji Maji Memorial Museum in Songea, in Archiven und Verwaltungen. „Überall stießen wir auf großes Interesse und große Kooperationsbereitschaft“, erzählt sie. „Auch zufällige Gespräche im Bus, im Taxi, auf der Straße zeugten von regem Interesse der Bevölkerung. Das Vorwissen über Dinosaurier und den Brachiosaurus ist allerdings sehr unterschiedlich.“

In der westlichen Welt seien Dinosaurier dagegen sehr populär. Schon „King Kong und die weiße Frau“ von 1933 oder „The Lost World“ (1925) ließen mit dem Grusel rund um die großen Urzeit-Geschöpfe die Kassen klingeln. Der moderne Medienrummel, begleitet von der Produktion von Bergen von Plastik- und Kuscheltier-Dinos, setzte dann 1977 mit der japanisch-amerikanischen Koproduktion „The Last Dinosaur“ und noch stärker mit dem Kinohit „Jurassic Park“ von 1993 ein. Sie geben die ersten Antworten auf die Fragen, wie Objekte wie der Brachiosaurus öffentlich konstruiert und animiert, museal und medial von der Grabungskampagne bis heute inszeniert wurden. Doch diese Inszenierung begann bereits mit der Ankunft des Skeletts am Anfang des vorigen Jahrhunderts in Deutschland. Mareike Vennen fand zum Beispiel Manuskripte von populären Vorträgen der Wissenschaftler oder kolorierte Dias von damaligen Diashows in der Urania. „Mit dem Projekt setzen wir uns für eine stärkere Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit auch in der musealen Inszenierung der Ausgrabung im Naturkundemuseum ein.“  

Patricia Pätzold, "TU intern" 19. Januar 2018

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