direkt zum Inhalt springen

direkt zum Hauptnavigationsmenü

Sie sind hier

TU Berlin

Inhalt des Dokuments

Forschung

Mehrwert schaffen

Lupe

Transdisziplinäre Forschung: Erkenntnisse aus vier Trialog-Veranstaltungen

Nachgefragt bei Prof. Dr.-Ing. Christine Ahrend, Vizepräsidentin für Forschung, Berufungen und Nachwuchsförderung der TU Berlin

Frau Professorin Ahrend,

Lupe

forschen für die Gesellschaft und mit der Gesellschaft – die TU Berlin hat sich aufgemacht, die sogenannte transdisziplinäre Forschung konkret zu fördern, unter anderem mit vier Trialog-Veranstaltungen, die im vergangenen Jahr über elf Monate stattfanden und die 2017 ihre Fortsetzung finden. Worum geht es bei den Trialogen?
Das transdisziplinäre Prinzip bezieht Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von vornherein mit ein, also schon bei der Findung von Forschungsthemen. Austausch und Verständigung schaffen so eine gemeinsame Basis. Denn diese Gruppen haben naturgemäß unterschiedliche Zugänge zu bestimmten Themen. Das Format der Trialoge hat die Humboldt-Viadrina Governance Platform (HVGP) entwickelt, unter Leitung von Prof. Dr. Gesine Schwan. Ziel war es, diese in Zusammenarbeit mit der TU Berlin als Opener für transdisziplinäres Arbeiten neu zu gestalten. Wir wollen zeigen, dass wir zur Interdisziplinarität, also zur Zusammenarbeit verschiedener Fächer, die Transdisziplinarität hinzufügen sollten, nämlich die Impulse und das Feedback der sogenannten organisierten Zivilgesellschaft. Diese Stimmenvielfalt zieht natürlich auch ausführliche Abstimmungsprozesse nach sich.

Was ist konkret die Rolle der Wissenschaft dabei?
Die Wissenschaft differenziert sich immer weiter aus und gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Herausforderungen immer komplexer. Deshalb soll in die Wissenschaft auch gesellschaftliches Erfahrungswissen einfließen. Umgekehrt kann die Wissenschaft Themen, Wissen und Prämissen schärfen und in die Problemlösungsprozesse aktiv einbringen. Für uns ist besonders spannend, dass hier Methoden entwickelt werden, wie in der Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft Forschungsbedarf eruiert werden kann, ohne dabei in eine Auftragsforschung abzudriften.

Wer ist denn die „Zivilgesellschaft“? Wer hat teilgenommen?
Es war erfreulicherweise eine äußerst bunte Teilnehmerschaft. Neben Mitgliedern von Hochschulen oder von wissenschaftlichen Einrichtungen wie acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, und Politikern wie Abgeordneten und Parteivertretern, Mitgliedern verschiedener Senatsverwaltungen, waren es Vertreterinnen und Vertreter von Infrastrukturgesellschaften, also von den Wasserbetrieben, der BVG oder Vattenfall, aber auch von Wohnungsbaugesellschaften, vom Landesseniorenbeirat, Mitglieder von Stadtteil- oder Hilfsprojekten wie Quartiersbüros, dem Flüchtlingsnetzwerk oder der Initiative „Mediaspree versenken“, der Polizei sowie Lobby-Vertreter zum Beispiel für den Fußgänger- oder den Radverkehr.

Welche Themen wurden vor allem besprochen?
Die Reihe bestand aus vier Trialogen zum Oberthema „Aufbruch Stadt“. Die einzelnen Unterthemen waren „Zuwanderung“, „Mobilität“, „Wachstum“ und „Intelligente Stadt/Design der intelligenten Stadt“, also keine rein technischen, aber genauso wenig rein sozialwissenschaftliche Themen. Die Diskussion um „Zukünftige Infrastrukturen für Mobilität“ machte beispielsweise sehr deutlich, wie wichtig es ist, die integrierte Stadt-, Verkehrs- und Raumplanung einzubeziehen, wenn es beispielsweise um die Aufteilung der Flächen für unterschiedliche Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer geht. Auch Zukunftsfragen rund um Klimawandel, Antriebstechnologien, Digitalisierung im Verkehr, die Organisation von Mobilität ebenso wie Maßnahmen zur Verkehrsvermeidung wie Sharingmodelle spielen eine Rolle. An dieser wie auch an den anderen Veranstaltungen nahmen 52 Personen aus insgesamt 43 Organisationen und Unternehmen teil.
Beim Thema „Wohnen in der wachsenden Stadt“ zeigte sich ebenfalls an den Bereichen, die hier involviert sind, wo Konfliktpotenzial ist, wo die Herausforderungen liegen. Die Bevölkerungsprognose spricht von bald vier Millionen Menschen in Berlin, 200 000 neue Wohnungen sind dafür notwendig, deren Bau nicht unauffällig vonstattengehen kann. Bei einer Verdichtung sind Grün- und Freiflächen betroffen oder es muss mehr Höhe zugelassen werden, um den Flächenverbrauch der bisherigen Bauweise zu reduzieren. Diese Ideen seien bei den Anwohnerinnen und Anwohnern aber nicht beliebt, sagte der ehemalige Umweltsenator Andreas Geisel. Konfliktpotenzial böte auch die Preisentwicklung. Die niedrigen Zinsen steigerten zwar den Bauwillen, beförderten aber Spekulation und übten Druck auf die landeseigenen Grundstücke aus, wenn der Gentrifizierung durch die Erhaltung von preiswertem Wohnraum entgegengewirkt werden soll.

Neben der Klärung von Konfliktpotenzial: Welche besonderen Erkenntnisse gab es?
Aus den Trialogen soll primär gegenseitiger Nutzen erwachsen. Es war inte­ressant, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sehr viel ­Feld-, Partizipations- und zielgruppenspezifische Forschung betreiben, doch über ihren Schatten springen mussten, um nicht die Diskussion zu führen, Fragen zu formulieren oder Antworten zu geben. Sie mussten die Anforderungen der anderen zunächst einmal annehmen oder sich auch erklären, warum sie selbst bestimmte Themen für forschungsrelevant halten. Das war neu oder ungewöhnlich für viele. Gemischte Arbeitsgruppen diskutierten dann transdisziplinäre Handlungsfelder, die zu den fachlichen Potenzialen der TU Berlin passen, wie Stadtentwicklung, die Transformation der Mobilitätsstruktur oder die Entwicklung der „intelligenten Stadt“, der Smart City.

Wie geht es jetzt weiter? Konnten schon konkrete Forschungsprojekte identifiziert werden?
Aus dem ersten Trialog, „Zuwanderung“, entstand zum Beispiel ein Projekt zur Existenzgründung durch Migrantinnen und Migranten. Dann wurde mit den landeseigenen Wohnungsbauunternehmen eine Trialogreihe zur „Partizipation“ beschlossen. Vier weitere Spin-off-Trialoge bis Ende 2017 sind geplant. Die TU Berlin wurde gebeten, Ideen für innovative Pilotprojekte zu entwickeln, die transdisziplinär durchgeführt werden können. Es sollen darüber hinaus Coaching-Angebote zur Transdisziplinarität entstehen. Die „Third Mission“ steht damit auf der Agenda der TU Berlin, wie sie auch schon in den USA, in Kanada oder in Australien diskutiert wird. Das heißt: Die Zukunft liegt nicht mehr im bloßen Wissenstransfer in die Gesellschaft, sondern in der Entwicklung neuer Interaktionsformen zwischen Hochschule und Gesellschaft, die damit einen Mehrwert für alle Beteiligten schaffen.

Vielen Dank!

Prof. Dr. Gesine Schwan, Leiterin der Humboldt-Viadrina Governance Platform (HVGP) und Mitglied im Kuratorium der TU Berlin:

Lupe

Das Thema Stadt mit den Unterthemen Zuwanderung, Mobilität, Wachstum und intelligente Stadt bietet die Chance, möglichst viele unterschiedliche Fachbereiche der TU Berlin zu integrieren. Zugleich sind diese Themen in der Stadtgesellschaft von hoher Relevanz und bieten die Chance, Transdisziplinarität mit einem nachhaltigen lokalen Bezug zu initiieren und neue Netzwerke zu schaffen. Die Trialog-Reihe bietet sowohl der TU Berlin als auch den beteiligten externen Akteuren die Möglichkeit, ihr weiteres Handeln durch einen gründlichen, offenen und zugleich vertraulichen Multi-Stakeholder-Austausch von Informationen und Argumentationen nachhaltig vorzubereiten.

Katrin Lompscher, Die Linke, Berliner Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen:

Lupe

Berlin braucht Wohnungen für alle. Und es betrifft alle, wenn in der Stadt gebaut wird. Die Berlinerinnen und Berliner wollen und sollen mitreden und mitentscheiden. Denn es ist ihre Stadt. Deshalb ist Bürgerbeteiligung ein Muss. Wir wollen gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern Leitlinien für die Bürgerbeteiligung erarbeiten, die den Dialog und die Verständigung von Stadtgesellschaft, Politik, Unternehmen und Verwaltung lenken. Ein wichtiges Diskussionsforum dazu ist die Trialog-Reihe „Partizipation im Wohnungsbau“. Ich begrüße sehr, dass der transdisziplinäre Ansatz ermöglicht, Informationen und Argumente zum Thema Beteiligung aus dem Blickwinkel verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen auszutauschen und zu diskutieren.

Dr. Karl Eugen Huthmacher, Leiter der Abteilung „Zukunftsvorsorge – Forschung für Grundlagen und Nachhaltigkeit“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung:

Lupe

Das BMBF fördert transdisziplinäre Ansätze seit langen Jahren über das Rahmenprogramm „Forschung für Nachhaltigkeit“. Ich halte die systematische Einbindung nichtwissenschaftli­chen Wissens vor allem für notwendig, um die Relevanz der Forschung zur Erreichung der nachhaltigen Entwicklungsziele der Agenda 2030 (SDGs) zu steigern. Um die Zahl und Wirksamkeit dieser Projekte weiter zu steigern, sollten Wissenschaft und Wissenschaftsverwaltung mit Nachdruck an förderlicheren Rahmenbedingungen arbeiten, etwa in Hinblick auf Karrierepfade und Belohnungssysteme. Dafür benötigen wir auch eine belastbare Definition von Qualität der transdisziplinären Forschung.

Prof. Dr.-Ing. Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft und Mitglied im Kuratorium der TU Berlin:

Lupe

Die inter- und transdisziplinäre Verknüpfung von Forschung in Reich- und Hörweite der Gesellschaft ist eine Zukunftssäule, weil unser Wissen, aber vor allem noch bestehende Wissenslücken Expertisen brauchen, um komplexe Fragestellungen von Gegenwart und Zukunft zu beantworten. Die TU Berlin im Herzen der europäischen Hauptstadt Deutschlands ist dafür ein prädestinierter Ort – nicht zuletzt in ihrer engen Partnerschaft mit der disziplinär vielfältigen Leibniz-Gemeinschaft, die sich in einem knappen Viertelhundert gemeinsamer Professuren ausdrückt.

Patricia Pätzold, "TU intern" 12. Mai 2017

Zusatzinformationen / Extras

Direktzugang

Schnellnavigation zur Seite über Nummerneingabe

Diese Seite verwendet Matomo für anonymisierte Webanalysen. Mehr Informationen und Opt-Out-Möglichkeiten unter Datenschutz.